Solothurn
Wagabunten widersetzen sich Aufforderung der Stadt: Damit wollen sie ihrem Anliegen Gehör verschaffen

Eigentlich hätten die Wagabunten das Gelände bei der Villa Gibelin bis am vergangenen Sonntag räumen müssen. Dies taten sie nicht: Damit wollen sie Druck machen, «um eine Lösung für solche Wohnprojekte zu finden».

Fabio Vonarburg
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Noch immer sind die Wagabunten bei der Villa Gibelin anzutreffen. Trotz Aufforderung der Stadtpolizei, das Gelände zu verlassen.

Noch immer sind die Wagabunten bei der Villa Gibelin anzutreffen. Trotz Aufforderung der Stadtpolizei, das Gelände zu verlassen.

Michel Lüthi

Es war wieder einmal so weit. Zum schon bald 30. Mal in 8 Jahren. Die Wagabunten hätten ihren Standort wechseln sollen. Bis am Sonntagabend hätte das Gelände der Villa Gibelin geräumt und die Wohngemeinschaft hätte sich eine neue vorübergehende Bleibe suchen sollen. Dazu hat der Kommandant der Stadtpolizei die Wagabunten in einem Schreiben von 30. September aufgefordert. Doch die Wagabunten haben keine Lust, der Aufforderung Folge zu leisten, wie sie in einer Medienmitteilung schreiben.

Man habe als Kollektiv entschieden, weiterhin bei der Villa Gibelin zu bleiben. «Somit wollen wir unserem Anliegen nach einem langfristigen Standort Gehör verschaffen.» Denn:

«In unseren Augen ist es sinnvoller, eine Fläche zu nutzen und zu beleben, als diese nur aus baurechtlichen Gründen brachliegen zu lassen.»

Wie eben derzeit das Gelände der Villa Gibelin. Dieses wird derzeit nicht genutzt, wann das Bauvorhaben umgesetzt wird, ist noch unklar. Die Wagabunten: «Wir werden bis auf weiteres dieses Areal bis zum konkreten Baustart beleben, denn es bietet aufgrund des Standortes und der Beschaffenheit ideale Voraussetzungen.» Das Areal sei gut gelegen, um als Treffpunkt zu fungieren, gemeinschaftliche Projekte zu planen und umzusetzen und es bietet Raum für innovative Ideen.

Räumung des Areals ist das letzte Mittel

Walter Lüdi, Kommandant der Stadtpolizei, bestätigt, dass das Areal nicht wie gefordert geräumt wurde. Dabei habe man sich kulant gezeigt. Am 9. Mai verliessen die Wagabunten rechtzeitig vor dem Start der Saison den Badiparkplatz, zügelten auf das Areal der Villa Gibelin. Woraufhin die Stadt ihre Praxis der letzten Jahre fortsetzte. Wann immer möglich drückt man drei Monate ein Auge zu. Denn für diese Zeitspanne ist für eine Zwischennutzung kein Baugesuch notwendig. Diese drei Monate wären eigentlich am 9. August abgelaufen gewesen, die Stadtpolizei wartete somit noch einmal über einen Monat ab, bevor sie mit dem Schreiben vom 30. September aktiv wurden.

«Die Wagabunten wissen genau, dass sie jeweils nur drei Monate bleiben dürfen», sagt Lüdi. «Aus baurechtlichen Gründen können wir sie nicht auf unbestimmte Zeit tolerieren.» Eine Räumung sei das letzte Mittel zur Durchsetzung der rechtlichen Bestimmungen und müsste durch die Behörden angeordnet werden. Doch: Zuerst werde das Gespräch gesucht. Walter Lüdi:

«Ziel ist, eine einvernehmliche Lösung zu finden, die ‹verhebt›.»

Die Wagabunten ihrerseits beklagen sich im Schreiben über die fehlende Kommunikation: Tatsache sei, dass man in den drei Monaten, in denen man toleriert war auf dem Areal, keinen Dialog mit der Stadt führen konnte. «Für uns ist es ernüchternd, dass alle vorhergehenden Bemühungen, gemeinsam mit den zuständigen Behörden eine Lösung für unser Anliegen zu finden, ignoriert werden und nur noch via Stadtpolizei mit uns kommuniziert wird.» Die Bürokratie ziehe abermals ihre Schlinge um ihre Wohngemeinschaft «und ihre Fristen sind zu kurz».

Dass es möglich sei, Projekte von alternativen Wohnformen zu legalisieren, würden etwa Beispiele in Bern, Biel, Luzern zeigen. «Sei dies mit einer alternativen Wohnzone, einem Zwischennutzungsvertrag oder einfach durch eine unkomplizierte Duldung.» Die Wagabunten fordern die Stadt, auch progressive, neuartige Projekte und Modelle des Zusammenlebens zu unterstützen,

«welche angesichts der steigenden Nachfrage nach alternativen Lebensformen und in Bezug auf Nachhaltigkeit dringend benötigt werden».

Die Wagabunten appellieren zum Schluss an die Solidarität all derer, «welche sich Gedanken zu unserem Zusammenleben machen».

Erinnerungen an 2016

Die Wagabunten weigern sich nicht zum ersten Mal, der Aufforderung der Stadt Folge zu leisten. Es werden vor allem Erinnerungen an 2016 wach. Auch damals ignorierte der Wagenplatz, die Aufforderung von Seiten Stadt weiterzuziehen und blieb beim damaligen Standort in der Weststadt. Auch als die Stadt Mitte April nach Ablauf eines Ultimatums offen mit der Räumung drohte, blieben die Wagabunten. Kurz vor Ablauf der Wiederherstellungsverfügung der Baubehörde zogen die Wagabunten dann aber doch noch weiter. Sonst hätten Sie mit einer Anzeige und der Zwangsräumung rechnen müssen.

Die Bewohner des Bauwagen-Dörflis zogen in der Folge nach Biberist weiter. Als Abschiedsbotschaft hinterliessen sie eine Miniaturversion ihrer Bauwagen. Das kleine Holzkunsthandwerk, das von einem Zaun umgeben war, war mit diversen Sprüchen versehen.

Die damalige Abschiedsbotschaft der Wagabunten.

Die damalige Abschiedsbotschaft der Wagabunten.

Andreas Kaufmann (7. August 2018)

Die Geschehnisse 2016 waren bislang der grösste Aufreger, der auch den grössten Medienrummel auslöste. Doch auch sonst sorgten die Wagabunten schon etliche Male für Gesprächsstoff. Einer langfristigen Lösung in der Stadt Solothurn oder der Region sind die Wagabunten aber noch nicht nähergekommen. Der Weg bis hierhin ist gepflastert von gescheiterten Versuchen: Weder hat eine Petition etwas bewirkt, welche über 1000 Personen unterschrieben haben, noch ein entsprechender Vorstoss im Gemeinderat in Solothurn.

Auch ein Projekt bei einem Bauernhof in Biberist ist gescheitert, trotz Einverständnis des Landbesitzers. Das entsprechende Baugesuch hat der Kanton abgelehnt. Das Bau- und Justizdepartement wies darauf hin, dass in der Landwirtschaftszone nur diejenigen Bauten zonenkonform sind, die es zu einer landwirtschaftlichen Nutzung braucht. Das Abstellen von bewohnten Bauwagen sei somit nicht zonenkonform.

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