Geschäftsaufgabe

Solothurn verliert sein Kompetenz-Center für Antiquitäten

Klosterplatz Antiquitäten

Paulette Kurmann gibt diesen Samstag ihr Antiquitäten-Geschäft am Klosterplatz auf.

Klosterplatz Antiquitäten

Über drei Generationen stand die Familie Kurmann für Fachkompetenz in Sachen Antiquitäten. Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes im April 2018 gibt nun Paulette Kurmann das Geschäft am Solothurner Klosterplatz auf.

«Viele Leute wollten mich umstimmen. Eine Stadt wie Solothurn brauche ein solches Geschäft.» Doch Paulette Kurmanns Entscheid ist unumstösslich: Diesen Samstag wird «Antiquitäten Kurmann» am Klosterplatz letztmals geöffnet sein. Bis zu 80 Prozent Rabatt locken für durchweg qualitativ hochstehende Ware. Denn hinter dem Namen Kurmann steckt Fachkompetenz in Sachen Antiquitäten, erworben über satte 126 Jahre. Dass es nur ein Jahr mehr als das Jubiläum wird, ist auf einen tragischen Schicksalsschlag zurückzuführen: Im April 2018 verstarb André Kurmann nach einem Arbeitsunfall in seinem Garten. 50 Jahre lang hatte er seine Frau Paulette durch die Welt der Antiquitäten begleitet. Nun war plötzlich alles anders.

Einige Raritäten gibt sie nicht her

Geplant war ein allmählicher Rückzug über Jahre. «Ich will das selber noch durchziehen, auch für meine Kinder. Sie sollen das Ganze nicht am Hals haben», erklärt die 76-jährige Geschäftsfrau zum jetzigen Ausstieg. Was nicht mehr verkauft werden kann, geht vorerst ins grosse Lager in Biberist, wo früher das Hauptgeschäft war. «Dort mache ich vom 4. bis 11. November noch einen Räumungsverkauf.»

Alles wird nicht zu haben sein. An gewissen Stücken hängt Paulette Kurmann. Im Untergeschoss wirft sie eine Münze in den Schlitz des wunderschönen Musikautomaten, und drei Ballerinas in ihren Röckchen drehen zur Melodie ihre Tänzchen. «Die stand früher am Amtshausplatz. Ich konnte sie reparieren lassen.»

Es gibt keine Sammler und Sammlungen mehr

Der Markt für Antiquitäten ist nicht mehr das, was er einst gewesen ist. «Möbel und Stiche sind nicht mehr gefragt. Auch gibt es keine Sammler mehr, die beim Aufbau einer Sammlung Beratung suchen. Der Markt ist übersättigt, die Auktionshäuser können einkaufen wie wir die ganzen 50 Jahre nie», weiss die Fachfrau. «Früher erbten die Leute mit 30, heute mit 60, wenn sie längst eingerichtet sind», macht Paulette Kurmann einen weiteren Faktor für die Veränderungen in der Branche aus.

Das Kaufverhalten habe sich geändert. «Es gibt mehr Spontankäufe.» Nebst speziellen Stücken seien Bilder immer noch gefragt, wobei sich Kurmanns am Klosterplatz auf Solothurner und regionale Kunstschaffende wie Cuno Amiet, Frank Buchser oder Elsa von Tobel spezialisiert hatten. Die Kundschaft sei jedoch für Antiquitäten sensibilisiert und sehr achtsam. «Dazu haben Fernsehsendungen wie ‹Kunst und Krempel› viel beigetragen», ist Paulette Kurmann überzeugt.

Der grosse Schatten ihres Mannes

Immer wieder kommt sie auf ihren André zu sprechen. «Er war ein Allrounder. Viele Antiquitäten-Händler sind heute hoch spezialisiert – beispielsweise auf Glas oder Silber.»
Nicht so ihr Mann, eine schweizweit gefragte Kapazität für Schätzungen bei Erbschaften, Gerichts- und Versicherungsfällen. Und «Chefausbildner» seiner Frau. «Den Beruf gibts so nicht. Die meisten Leute im Antiquitäten-Handel haben Kunstgeschichte studiert.» Für Paulette Kurmann hiess dies «Learning by doing», sie wurde quasi von ihrem Mann unterrichtet. «Du musst die Dinge anfassen», erklärt sie mit feinem Lächeln, wie André sie einst mit einer raffiniert gefälschten Skulptur aus etwas leichterem Kunststoff «getestet» hatte – und sie die Fälschung prompt bemerkte.

«Er war aber auch ein Menschenfreund», erinnert sie sich an viele Kundenbesuche im Laden, die ihr Mann zum Beispiel für Reisen beraten hatte. «Und manchmal buchte er gleich für sie.» Er habe viel Wertschätzung wegen seiner Kompetenz erfahren – und auch wegen seiner Fairness. «Einmal hat er bei einer alten Frau ein wertvolles Flühli-Glas von 1740, ein sogenanntes Stehauf-Glas, entdeckt. Es war unscheinbar, sie wollte nichts dafür haben. Er bestand darauf, den richtigen Preis zu zahlen. Denn», so Paulette Kurmann, «alles andere wär jo d’ Lütt bschisse!»

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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