Solothurn

Soll der Mammutbaum einer Überbauung weichen? Eine Motion will das verhindern

Die Wogen gehen hoch im Solothurner Blumenstein-Quartier. Und bald auch im Gemeinderat: Eine Motion aus dem Quartier verlangt, den Mammutbaum zu schützen, der einer Wohnüberbauung weichen soll. Das Stadtpräsidium lehnt die Motion ab.

Drei von ihnen stehen auf Stadtsolothurner Boden: Mammutbäume. Exoten aus Kalifornien, die Hunderte von Jahren alt werden können. Gepflanzt in Mitteleuropa und auch hier, als die englische Parkkultur in Mode kam. Das war ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, und damals brachten auch einige Solothurner Samen von der Weltausstellung in Paris nach Hause, die prächtig gediehen. Die Resultate sind im Stadtpark, neben dem Jumbo-Baumarkt und dem Museum Blumenstein zu sehen.

Noch. Denn der letztgenannte Mammutbaum soll einer Wohnüberbauung weichen. Genauso wie die alte Villa nebenan. Die Bauherrschaft aus Balsthal beruft sich darauf, dass der Baum nicht geschützt sei, doch im Blumenstein-Quartier regt sich Widerstand. Ganz vorne an der Frontlinie: Die Familie Wyss. Leserbriefe prangern die geplante Fällaktion an; Vater Andreas preist die Öko-Bilanz des Giganten, der Sauerstoff für 120 Menschen erzeuge. Wyss vermutet aber auch «ein politisches Ränkespiel», da der Widerstand aus seiner Familie und damit der SVP komme. Denn Tochter Marianne hat für die Rechtspartei eine Motion eingereicht, über die der Gemeinderat am 18. Februar befindet. Sie fordert den «Schutz des Mammutbaums im vormaligen Park des Schlosses Blumenstein.»

Instrument für Einzelschutz wäre vorhanden

Wyss stellt sich auf den Standpunkt, dass im Baugesetz der Kanton und die Gemeinde ein Instrument in der Hand hätten, um Bau- und Naturdenkmäler im Einzelfall unter Schutz stellen zu können. Die Exekutivbehörde könne damit «Versäumnisse und Unterlassungen der Planungsbehörde korrigieren und Massnahmen ergreifen, wenn dringender Schutzbedarf besteht». Deshalb solle der provisorische Schutz zumindest für den Mammutbaum «ab sofort» für ein Jahr in Kraft treten.

Der 150-jährige Mammutbaum sei ein Naturdenkmal und an seinem Schutz bestehe ein öffentliches Interesse. Begründet werde dieses durch die Seltenheit des Baumes. Zudem seien Mammutbäume als hoch effiziente CO2-Speicher wissenschaftlich anerkannt. Die Aufführung des Baumes im Naturinventar der Stadt bringe dieses Interesse an einem Erhalt ebenfalls zum Ausdruck. Im weiteren stehe der Baum peripher genug auf dem Grundstück, um weite Teile der Überbauung immer noch realisieren zu können, meint die Motionärin weiter.

Schutz aufgehoben und kommunal nicht fixiert

«Isoliert und kontextlos» erhebe sich der Mammutbaum nun im ehemaligen Blumenstein-Park, der «zerstückelt» worden sei und 1936 den Bau der Villa ermöglicht habe, hält dagegen das Stadtpräsidium in der Motions-Beantwortung fest. Die Solothurner Mammutbäume wurden 1951 vom Kanton inventarisiert und 1972 unter Schutz gestellt. 2002 hob der Regierungsrat diesen Schutz auf und die Stadt stellte damals keine Naturobjekte unter kommunalen Schutz. Auch das im Rahmen der Ortsplanungsrevision erarbeitete neue Naturinventar enthalte nur eine orientierende, nicht aber grundeigentümerverbindliche Auflistung von Objekten. Ein solcher Schutz sei bis anhin auch nicht vom Gemeinderat unterstützt worden, hält das Stadtpräsidium weiter fest.

Zudem sei der Mammutbaum weder waldwirtschaftlich noch ökologisch besonders wertvoll, «jeder gleichgrosse Baum hat den gleich grossen CO2-Speicher», wird argumentiert. Seine Bedeutung liege einzig in der Kulturgeschichte und seiner Mächtigkeit – doch einheimische Bäume seien ökologisch wertvoller, insbesondere auch in Sachen Biodiversität.

Die Angst vor einem Präzedenzfall

Rechtlich gesehen würde eine solche Schutzmassnahme einen Eingriff ins Grundeigentum bedeuten, sei doch seit 2002 das Grundstück der Wohnzone W2a zugeordnet, so das Stadtpräsidium. Bleibe der Baum stehen, würde die Nutzung massiv eingeschränkt. Damit sei zu prüfen, ob es sich bei der Schutzmassnahme um eine raumplanerische Anpassung, baupolizeiliche Anordnung oder gar eine materielle Enteignung handle, die auch finanzielle Folgen für die Stadt haben könnte.

Da das Amt für Raumplanung aber keine bedrohten Lebensräume auf dem Areal sehe, müssten auch keine Schutzmassnahmen ergriffen werden. Zwar räumt man ein, dass der Gemeinderat die provisorische Unterschutzstellung für ein Jahr verfügen könne. «Doch einen einzelnen Baum zu schützen, wäre Willkür», befürchtet das Stadtpräsidium einen Präzedenzfall, der die heutige Praxis des «laisser faire» auf Privatgrundstücken massiv verschärfen könnte. Und empfiehlt deshalb, die Motion abzulehnen.

So oder so: Eine mächtige Tanne neben der Villa steht bereits nicht mehr. Sturmwinde haben sie geknickt. Bäume sind eben sterblich. So oder so.

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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