Solothurner Fasnacht

So blühte vor 150 Jahren in der Vorstadt die Fasnacht auf

Mitte des 19. Jahrhunderts lebte in Solothurn die Fasnacht in Formen auf, wie wir sie heute noch kennen. Masken, Narretei, Umzüge und Zünfte. Eine Entwicklung, die vor 150 Jahren auch die Vorstadt erfasste. Und nun in einem Buch aufgearbeitet ist.

Es ist ein Fasnachtstempel. Die eine Halle der Typ AG in Bellach. Stolz zeigt Hausherr Kurt Füeg auf den schon weit gediehenen Jubiläums-Umzugwagen der Fasnachtszunft Vorstadt. «Aber der bleibt noch geheim.» Gringe, Kostüme, die Original -Zunftfahne aus dem Gründungsjahr der Zunft 1927, «und im Obergeschoss kann die Ambassadonner-Gugge proben». 

Ein Mäzen alter Schule, der ehemalige Ober der Vorstadtzünftler, der in seiner grosszügigen, topmodernen Firma der Narretei überall Gastrecht gewährt. «Und hier ist unser Archiv», deutet Füeg auf lange Reihen von Bundesordnern.  126 sind es. «Da stecken viele Informationen drin. Das erste Dokument stammt aus dem Jahr 1853.» Doch erst 2011 machten sich Füeg und Ober Elmar Oberer daran, eine lange Geschichte aufzuarbeiten – die der Fasnacht in der Vorstadt.

Aus der Bruderschaft entstanden

Die ersten Aktivitäten zur Fasnacht sind 1870 bezeugt. «Sie kamen aus den Reihen der St. Margrithen-Bruderschaft – die ist ja viel älter», weiss Kurt Füeg. Vor allem Handwerker sorgten für Fasnachtsbetrieb, der sich auf die «mindere Stadt» fokussierte,  und vorläufig auf Distanz zur honolulesischen Fasnacht blieb, die nördlich der Aare zelebriert wurde. Die noch 1928 ungnädig auf die Vorstadt-Konkurrenz herabschaute und diese ermahnte, «sie sollen es dort nicht übertreiben.»

1887 wurden auch in der Vorstadt erstmals Kärtchen als Plaketten-Vorläufer auch in der Vorstadt eingesetzt. Allerdings blieb das in Fahrt gekommenen Brauchtum nicht vor Rückschlägen verschont: der erste Weltkrieg brachte eine Zäsur, und 1920 wurden wegen der spanischen Grippe alle Aktivitäten untersagt.

Die Gründung der Fasnachtszunft Vorstadt

Wesentlich ergiebiger wurde die Datenlage für Füeg und Oberer, als ab 1927 mit der Gründung der Fasnachtszunft Vorstadt Protokolle vorlagen. Anstoss dazu war eine als Revierjagdgruppe in einem offenen Auto auffahrende Fasnachtsgruppe, die auf dem Märetplatz –‑ es gab damals keinen eigentlichen Umzug – sich vor einer Jury für einen Geldpreis präsentierte. Die Gründung der damaligen Vorstadtzunft wurde daraufhin beschlossen, «und 1927 hatten wir 2875  Franken Einnahmen, was einen Überschuss von 871, 80 Franken ergab», blickt Füeg auf jene Urzeiten zurück, als 14 komplette «Tschööpe» pro Stück 17 Franken, die extragrossen 18,50 Franken kosteten.

Es war damals die Zeit der legendären Zunftmeister wie Ernst Mettenberger, Schmiedemeister im Unteren Winkel, der mit weiteren Vorstadt-Originalen im Werk «150 Jahre Fasnacht in der Stadt Solothurn» ebenfalls fotografisch erhalten geblieben ist.

Und immer wieder gab es «Abtrünnige»

Die Vorstädter Fasnächtler waren keineswegs eine verschworene Gemeinschaft, die stets durch dick und dünn zusammenhielt.  Legendär ist die erste grosse Abspaltung unter dem ebenso legendären Zunftmeister Manfi Kohler 1957, die zur Gründung der eigenständigen, ersten Solothurner Gugge, der Mamfi, führte. «Es ging damals ums Geld für die Zunft und ihre Musik», zeigt Kurt Füeg die Gründe für den an sich die Fasnacht befruchtenden Zwist auf.

Es sollte nicht die letzte «Sezession» in der Fasnachtszunft Vorstadt sein.   1974 spaltete sich die Vorstadt-Musig ab und bereichert seither als eigenständige Gugge der Chrumm Durm Sumpf Chroniker, kurz CDSC, die Solothurner Fasnacht. Nur zwei Jahre später gründete sich innerhalb der Zunft die Frauengruppe der  Socke-Flicker-Wiiber», aus denen die eigenständige Wagenbauzunft der Stedtli-Gumsle hervorging. Keine Abspaltung war dagegen die kleine, ebenfalls in der Vorstadt beheimatete Winkelzunft, die allerdings schon in den achtziger Jahren mangels Nachwuchs die Segel streichen musste.

Den Hammer auf dem Wagen angeschweisst

«Es sollte ein lustiges Buch geben – doch aus den geplanten 40 sind 60 Seiten geworden», erklärt der Hauptsponsor des Werks. Denn der Hauptteil beseht aus Anekdoten der jüngeren Zeit, zusammengetragen von Zunftmitgliedern, darunter auch alten Vorstadtkennern wie Peter Walter («Chäs»-Walter») oder Walter Bohnenblust. 

Viel Stoff lieferte beispielsweise der Wagenbau in der Reithalle, als die Vorstädter noch zusammen mit anderen Gruppen wie den legendären Gugaaggeri oder den damaligen Newcomern, den Schanzenarre, nicht nur das Dach, sondern oft auch das Werkzeug teilten. Da konnte es schon vorkommen, dass ein Zünftler den Hammer des Kollegen aus Jux mit zwei Punkten an den Wagen schweisste.

Die Chesslete als ein Herzensanliegen

Die Fasnachtszunft Vorstadt - natürlich  eine der UNO-Stammzünfte ‑  brachte sich stets auch ganzheitlich in die Fasnacht ein. So begründete sie das Drumm-gugu-lala-pfiff mit und organisiert noch heute die Chinderchesslete vor dem Schmutzigen Donnerstag. «Dann starten wir morgens um 4 Uhr unsere Quartierchesslete.» Die sich laut Füeg im Vorjahr auch nicht durch eine übereifrige Polizeipatrouille stoppen liess. Und stets eine Attraktion sind an der grossen Chesslete der Mulde- und Rätschewage der Vorstädter  beim Zytglogge-Turm.

Nun  feiert man mit 250  Gästen am Sonntag das gelungene Werk auf dem Dornacherplatz. Aufgezogen wird auch die Zunftlaterne – auf eine neue Fasnacht in der Vorstadt.

Erhältlich ist das 60 Seiten starke, reich bebilderte Buch «150 Jahre Fasnacht in der Vorstadt Solothurn» für 40 Franken in der Typ AG Bellach, bei Mode Küng in der Vorstadt und bei Region Solothurn Tourismus.

Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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