Solothurn

Religion im Ausnahmezustand: Regenbogen und Gespräche sollen Hoffnung spenden

Wie die katholischen und reformierten Pfarrer in der Stadt Solothurn mit einer Zeit umgehen, in der keine Gottesdienste mehr stattfinden dürfen.

«Wie alle sind auch wir perplex», sagt der katholische Stadtpfarrer Thomas Ruckstuhl. Er spricht von einer Vollbremsung. «Wir müssen zuerst einmal alles verdauen und durchatmen.» Bis zum 19. April sind wegen des Coronavirus in der St. Ursen-Kathedrale und in der St. Marienkirche alle Veranstaltungen abgesagt. Es finden auch keine Gottesdienste mehr statt. Und in den Reihen der Gotteshäuser tummeln sich, wenn überhaupt noch, Leute, die sich die Kathedrale ansehen möchten. Obwohl die Kirchentore eigentlich für alle offen wären.

Die bunten Bänder vor St. Ursen

«Es ist jetzt wichtig, die Leute spüren zu lassen, dass sie nicht alleine sind», sagt Ruckstuhl. Die Pfarrei hat sich einiges dafür ausgedacht. Seit dem Wochenende beispielsweise ist auf der Website der Pfarrei ein digitales «Fürbittbuch» aufgeschaltet, wo die Gemeinschaft ihren Dank und ihre Bitte aussprechen kann. Die Nachrichten werden laufend ausgedruckt und in der Kathedrale präsentiert. Bald soll auch ein Plakat am Eingang der Kathedrale positive Botschaften verbreiten. Die wahrscheinlich augenscheinlichste Aktion der Pfarrei ist auf der St. Ursen-Treppe zu sehen: Seit dem 17. März flattern am Geländer der Treppe mehrere bunte Bänder. Bis zum voraussichtlichen Ende der ausserordentlichen Situation am 19. April soll täglich ein neues Band hinzukommen und schliesslich einen Regenbogen bilden. «Ein Regenbogen verbindet Himmel und Erde und ist ein Zeichen der Hoffnung», sagt Ruckstuhl zur Aktion. Er soll symbolisieren, dass Gott uns Tag für Tag auf unserem Weg begleite. Die Idee dazu hatte die Zuständige für das Ehe- und Familienpastoral, Carole Imboden.

«Die Leute sind sehr dankbar für den Kontakt»

Doch die simpelste und wichtigste Interaktion sei nach wie vor ein persönlicher Anruf. So ruft das Seelsorgeteam Mitglieder der Pfarrei an, insbesondere diejenigen, die zur Risikogruppe gehören. Man spreche über die aktuelle Situation und gebe den älteren Menschen Tipps, wo sie sich Gottesdienste ansehen und -hören können. «Die Leute sind sehr dankbar für den Kontakt», sagt Pfarrer Ruckstuhl. «Es ist wichtig, den Leuten weiterhin Mut zuzusprechen.»

«Ich glaube an Gott und an den Menschen»

Auch die reformierte Kirchgemeinde Solothurn setzt zurzeit alles daran, möglichst alle Menschen der Gemeinschaft zu erreichen und zu «ermächtigen», wie Pfarrer de Bruycker sagt. «Wir wollen den Leuten die Angst nehmen und zeigen, dass wir als Menschen nicht machtlos sind.» Seit dem 20. März beispielsweise veröffentlicht ein Team von Mitarbeitern täglich «Impulse» auf der Website: Das sind Gedanken, Ideen und Denkanstösse für die Gemeinde, um die veranstaltungslose Zeit zu überbrücken. Auch über Nachrichten-Apps bleibe man miteinander in Kontakt, sagt de Bruycker. Das betreffe vor allem die Konfirmanden. «Sie haben die Aufgabe, jeden Tag über etwas zu berichten, das ihnen Freude bereitet hat.» Das Hauptziel dabei: während der Krise Positivität streuen.

Das Wissen, dass jemand für sie da ist

Die Senioren gehen bei all den digitalen Vernetzungen aber nicht vergessen. Das ist de Bruycker ein wichtiges Anliegen. Er macht sich Gedanken über die Auswirkungen der sozialen Isolation für die älteren Menschen und Risikogruppen. «Wir sind für sie da», sagt er und weist auf die Helfer-Vermittlung hin. Wer nicht weiss, wie er oder sie an Unterstützung gelangt, kann sich bei der Kirchgemeinde melden und wird über bestehende Plattformen in Solothurn vermittelt. Auch die Seelsorge-Hotline sei stets erreichbar und werde zurzeit auch häufiger genutzt.

Die Kirchgemeinde will aber nicht abwarten, bis sich diese Personen von sich aus melden: «Wir rufen die Senioren nun aktiv an und fragen, wie es ihnen geht», sagt de Bruycker. «Für sie ist es wichtig, in dieser Zeit eine Stimme zu hören und zu wissen, dass jemand da ist.»

Auch die Randständigen geht er als Beistand aktiv an und will den Kontakt aufrechterhalten. «Ich glaube an Gott und an den Menschen», sagt der Pfarrer. Er bleibt optimistisch und ist davon überzeugt, dass die Menschen diese Krise bewältigen werden. Als kleiner Ansporn frohlockt er bereits mit einer Osterüberraschung in der Karwoche im April.

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