Stadtbummel Solothurn

Oben und Unten: Neue Perspektiven

Ein Umzug kann ganz neue Perspektiven eröffnen; und bei einem Blick auf die Stadt die Dächer anders erscheinen lassen.

Ein Umzug kann ganz neue Perspektiven eröffnen; und bei einem Blick auf die Stadt die Dächer anders erscheinen lassen.

«Ah, schön, in der Stadt. Hast Du einen Balkon?» Eine der ersten Fragen wenn wir erzählen, dass wir in der Altstadt wohnen. «Ah, schön. Einfach die Terrasse fehlt.» Eine der ersten Reaktionen wenn wir erklären, dass wir nichts dergleichen haben – das aber auch nicht brauchen, weil wir ja das Aaremürli haben, oder etwa den Kunstmuseumspark.

Dort lassen sich Nachmittag um Nachmittag verbringen, faulenzend, Brandy Dog spielend, Bier trinkend. Zugegeben: Zeitung lesen im Pijama − das geht nicht. Und auch Grillieren wäre wohl verpönt – bekanntlich mag man Bratwurstgeruch in der Stadt weniger.

Deshalb haben wir diesen Frühling die Gelegenheit beim Schopf gepackt: Als die Dachwohnung, inklusive Terrasse, im Haus frei wurde, sind wir ruckzuck umgezogen. Das eröffnet ganz neue Perspektiven.

Wir blicken aufs Städtli mit neuen Augen, staunen über schräge Dächer, unzählige Rohre und Türmli und die bunt gemischten Ziegel, die so gut passen zu den wild durcheinandergewürfelten Bsetzisteinen unten auf den Gassen.

Auch dort betrachten wir die Dinge etwas anders. Wir stolpern nicht verschlafen in die nächste Bäckerei, weil wir das können, sondern spähen auf Zehenspitzen in den Laden, und zählen die Köpfe, bevor wir eintreten. Wir warten länger und machen schneller Platz. Und freuen uns vielleicht auch inniger über Gipfeli und Co. Ein bisschen neue Perspektive − die vielleicht auch zu zusätzlichem Trinkgeld oder zum regelmässigeren Gang in ein wieder eröffnetes Geschäft bewegt.

Neue Ansichten tun gut. Sie verunsichern auch. So schlagen wir uns über den Gassen plötzlich mit Taubeneiern herum, die von den Vögeln gefährlich nahe am Abgrund gelegt werden. Was machen wir damit? Und was machen wir auf dem Boden, mit denen, die auch irgendwie auf der Kippe stehen, etwa weil sie das Geschäft trotz Lockerung noch nicht oder gar nie mehr öffnen können; oder denen, die wegen gesundheitlicher oder finanzieller Sorgen nicht wissen, wie sie wieder aus dem Loch rauskommen?

Zwischen all dem Ungewohnten gibt es wie immer Beständiges. Etwa der Weissenstein; Orientierungspunkt für Solothurnerinnen und Solothurner; ob von der Gasse oder der Terrasse aus. Ihn bringt jetzt gar nichts ins Wanken. Ebenso wenig die Kirchen. Und die Glocken. Pünktlich, also zwei Minuten zu früh, beginnt das stündliche Gebimmel und schallt uns nach und nach in der ganzen Stadt um die Ohren. Oben und unten.

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