Ein trauriges Ereignis hat diese Woche viele Menschen, wo immer sie auch zu Hause sind, bewegt. Die Brandkatastrophe an der Solothurner Wengistrasse, die sieben Todesopfer – darunter drei Kinder – gefordert hat, war kurz vor dem ersten Advent ein tragischer Merkpunkt gegen Ende des Jahres. Der 26. November 2018 wird als schwarzer Tag in die Solothurner Geschichte eingehen. Es ist der Brand mit den meisten Todesopfern in der Neuzeit. Nur das Aareunglück von 1921 forderte noch mehr Opfer.

Es wird Zeit brauchen, um zu verstehen. Es wird Zeit brauchen, um zu verarbeiten. Und es wird Zeit brauchen, um Normalität zurückzugewinnen. Der Dienstchef Einsatz des Care Teams, Pfarrer Urs Dummermuth, brachte nach der Brandkatastrophe treffend zum Ausdruck, was nicht nur im Umgang mit betroffenen Hausbewohnern und Einsatzkräften, sondern auch für die Menschen weit über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus zentral ist: «Es geht immer darum, eine Sprache zu finden, um für das scheinbar Unaussprechliche die richtigen Worte zu finden. Es geht aber auch darum, Zeit und Raum zu geben, Ruhe und Stille zuzulassen.»

Es müssen Lehren gezogen werden

Das ändert allerdings nichts an der Trauer und am Schmerz der Betroffenen. Zwei tote Elternpaare, drei tote Kinder und zwei Waisenkinder, die zurückbleiben – das ist die schreckliche Bilanz eines Ereignisses, das tragischerweise unter dem Titel «Kleine Ursache, fatale Wirkung» zusammengefasst werden muss. «Unsachgemässer Umgang mit Raucherwaren» sagt die Kantonspolizei dem, was zum Brand in jenem Mehrfamilienhaus geführt hat, in dem der Kanton elf Personen aus dem Asylbereich untergebracht hatte. Konkret: Eine Person hatte im Bett geraucht und den Brand verursacht. Das hat sie in der Zwischenzeit eingestanden.

Auch oder gerade weil das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann: Im Rahmen des Möglichen müssen Lehren aus dem Fall gezogen werden. Das ist zwar ein Allgemeinplatz, aber einer, der angesichts der vergleichsweise einfachen Installation eines Brandmelders, der hätte verhindern können, dass es zum Schlimmsten kommt, nicht unerheblich ist. Es ist denn auch kein Zufall, dass der Schweizerische Feuerwehrverband die Diskussion über die Brandmelder-Pflicht angestossen hat. Eine berechtigte Forderung angesichts der Tatsache, dass die Anlage technisch einfach und günstig ist – und schlafende Menschen bei einer Rauchentwicklung akustisch weckt.

Das beste Beispiel für eine solche Einrichtung wäre just die Liegenschaft westlich der Altstadt gewesen. Ein ansatzweise gewöhnlicher Zimmerbrand weitete sich aufgrund der Rauchentwicklung zu einem der opferreichsten Brände der vergangenen Jahre aus. Und zu einem Einsatz der Feuerwehr der Stadt Solothurn, der dramatischer nicht hätte ablaufen können. Von einem «sagenhaften Einsatz» sprach Kommandant Boris Anderegg. Nicht weniger als 19 Personen konnten von den Einsatzkräften unter schwierigsten Umständen geborgen werden. Die Rettungskräfte führten nach der Bergung zahlreiche Reanimationen durch – die einen erfolgreich, die anderen nicht. Ein unvorstellbares Wechselbad der Gefühle. Und eines, das Feuerwehr und Rettung an ihre physischen und psychischen Grenzen brachte.

Verfahren sollen Klarheit bringen

Abgeschlossen ist das Ereignis selbstredend nicht. Zum einen laufen die Ermittlungen zur Brandkatastrophe, die einige Aufschlüsse bringen dürften. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass ein Brandschutzexperte bei der Solothurner Gebäudeversicherung deutlich sagte, irgendetwas habe nicht funktioniert, «sonst wären nicht so viele Leute ums Leben gekommen». Zum andern hat die Staatsanwaltschaft gegen eine Bewohnerin des Hauses eine Strafuntersuchung wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, mehrfacher fahrlässiger Körperverletzung und wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst eröffnet. Es versteht sich von selbst, dass beide Verfahren nach den Regeln der Kunst zu führen sind – in diesem Fall nicht zuletzt aus Respekt vor jenen Menschen, die ihr Leben in der Brandnacht verloren haben.

Verfahren haben einen Anfang und ein Ende. Die Trauer und der Schmerz entziehen sich dieser Ordnung. Der Brand wird aus den Schlagzeilen verschwinden, das öffentliche Leben wird sich anderem zuwenden. Das ist gut so. Und sehr menschlich. Die tiefen Wunden in den Seelen der Betroffenen – jene der ausgelöschten eritreischen Familie zumal – werden aber bleiben, auch wenn die Erinnerungen verblassen werden. Unfassbares Leid ist über jene Menschen gekommen, die zum Teil schon auf ihrer Flucht Traumatisches erlebt haben und im Land, wo sie (vergeblich) auf Aufenthalt und Bleiberecht hoffen, neuerlich Unbeschreibliches erfahren mussten. Sie müssen einen Umgang damit finden – und dürfen dabei nicht allein gelassen werden. Schon gar nicht die beiden Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Ein sicht- und spürbares Zeichen, das über den Tag hinaus wirkt, wird die offizielle Gedenkfeier in einer Woche sein, wo es wiederum darum gehen wird, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Oder aber Klagerufe auszustossen, wie es die eritreische Gemeinschaft in diesen schweren Tagen tut. Ihre Trauerzeit dauert einen Monat. Aber sie wird danach nicht zu Ende sein.

balz.bruder@schweizamwochenende.ch