Solothurn

Kollision zwischen einem Passanten und dem Bipperlisi beschäftigt die Staatsanwaltschaft

Hier, auf Höhe Chantierwiese, geschah am 17. März 2018 der für S.D. folgenschwere Unfall.

Hier, auf Höhe Chantierwiese, geschah am 17. März 2018 der für S.D. folgenschwere Unfall.

Im März 2018 kollidierte der Passant S.D.* mit dem «Bipperlisi» und wurde schwer verletzt. Der Fall beschäftigt derzeit die Staatsanwaltschaft.

Noch immer sieht er vor dem inneren Auge die Bilder des Unfalls. Und noch immer beschäftigen sich die Gerichte mit seinem Fall, der anderthalb Jahre zurückliegt: Am 17. März 2018 erfasste das «Bipperlisi» von Aare Seeland Mobil (ASM) den damals 51-jährigen S. D. * aus Biberist auf der Fussgängerquerung auf der Rötistrasse auf Höhe der Chantier-Voliere: Seit diesem unglücklichen Samstag leidet er an den Nachwirkungen dieser schweren Kollision. Ein Schädel-Hirn-Trauma mit mehrfachem Bruch der Schädelbasis und einer Nasenbeinfraktur.

Die Unfallverletzungen sind ebenso wenig abschliessend genannt wie die bis heute nachwirkenden Folgen: starke Kopfschmerzen, Angststörungen, depressive Episoden, Schwerhörigkeit und ein Teilverlust des Geruchssinns. Unter anderen Bedingungen wäre sein Vater heute nicht zu 100 Prozent invalid, sagt indes J.D.*, Sohn des Verunfallten, der diese Zeitung kontaktiert hat. «Mein Vater war jemand, der sich sehr für seine Arbeit engagiert hat und sich ebenso privat in Bauprojekten aktive beteiligte. Er versteht nicht, wie er nur in diese Situation geraten konnte.»

Die Umstände, die zum Unfall führten, stehen im laufenden Ermittlungsverfahren gegen den Führer des «Bipperlisi» im Zentrum: Einerseits, so der Vorwurf von Seiten der geschädigten Partei, habe dieser keinen Warnpfiff für den querenden Passanten abgegeben. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Bahn auf besagtem Streckenabschnitt zu schnell unterwegs war. Die Krux: Je nach Auslegungsart ist das «Bipperlisi» eine Bahn oder eine Strassenbahn; womit auch die juristischen Schlussfolgerungen anders sind. So ist ein akustisches oder optisches Warnsignal laut Verkehrsregelnverordnung lediglich bei einer Strassenbahn erforderlich – dies unter anderem, weil Fussgänger kein Vortrittsrecht gegenüber einer Strassenbahn geniessen. Und die maximal erlaubte Geschwindigkeit ergibt sich im Falle einer Strassenbahn aus den innerorts üblichen Tempolimits, also 50 Stundenkilometern – und im Falle einer regulären Bahn aus den Richtlinien, die die ASM für die einzelnen Streckenabschnitte für ihre Chauffeure definiert hat. Für den Bereich zwischen dem Hauptbahnhof und St. Katharinen beträgt die Maximalgeschwindigkeit demzufolge 40 Stundenkilometer. Derweil hielt das kantonale Amt für Verkehr und Tiefbau AVT direkt nach dem Unfall fest, dass für die betreffende Stelle sogar eine Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern angebracht sei. Kurz vor der Kollision, so zeigen die Akten der geschädigten Partei, sei das «Bipperlisi» mit knapp 45 Stundenkilometern unterwegs gewesen.

Doch ist das «Bipperlisi» nun eine Bahn oder eine Strassenbahn? Gemäss den Gesetzesgrundlagen gilt der Sachverhalt, wie er auch von Michael Müller, Mediensprecher des Bundesamts für Verkehr, bestätigt wird: «Das ‹Bipperlisi› ist eine Eisenbahn. Aber dort, wo es die Verkehrsfläche mit dem Strassenverkehr teilen muss, wo die ASM also kein eigenes Trassee hat, dort ist sie als Strassenbahn unterwegs.» Der Strassenbahnbetrieb bedeute, dass die Bahn auf Sicht fahren müsse und dass das Strassenverkehrsgesetz gelte, so Müller weiter.

Womit für die besagte Unfallstelle die Unklarheiten keineswegs aus der Welt geschafft sind: Das ansonsten durch Grünstreifen abgegrenzte Bahntrasse kreuzt dort den Fussgängerübergang, womit sich das «Bipperlisi» den Verkehrsraum mit Passanten teilt. Genau genommen ist die Stelle also weder Fisch noch Vogel.

Wie sicher ist der Übergang wirklich?

Das AVT gibt auf Anfrage keine Auskunft zum laufenden Ermittlungsverfahren, äussert sich aber allgemein zu den Bedingungen vor Ort: «Die Bahn verkehrt im Abschnitt St. Katharinen bis zum Bahnhof Solothurn als Strassenbahn», informiert Patrick Kissling Cotti, Leiter Verkehrstechnik. Und als solche habe sie sich an die signalisierte Höchstgeschwindigkeit zu halten. Die Bahnbetreiberin oder das Bundesamt für Verkehr als Aufsichtsbehörde seien jedoch befugt, die Bestimmungen zu verschärfen. Generell keine Aussagen macht Fredy Miller, Direktor der Aare Seeland Mobil, weil es sich beim Fall von S.D. um ein laufendes Verfahren handelt.

Zur Frage der Sicherheit aber war von beiden Seiten direkt nach dem Unfall unisono zu vernehmen, dass der Übergang korrekt gesichert sei. Dazu bezog sich ASM-Direktor Miller damals auf die vorhandene Umlaufschranke mit Warnbeschilderung. Als korrekt gesichertgelte der Übergang heute deshalb, weil auch die Sicherheitsempfehlungen der eidgenössischen Untersuchungsstelle für Bahnen und Schiffe umgesetzt seien. Und die Ausführungen der Kantonspolizei Solothurn, wonach die Sicherheitsmassnahmen im Bereich der Unfallstelle ausreichend seien, wurden damals auch von Seiten des AVT bestätigt. Der Fall von S.D., mit dem sich die Justiz derzeit beschäftigt, wird auch die Frage neu aufrollen, wie sicher der Übergang wirklich ist.

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