Chor Kantonsschule Solothurn

Keine Reise nach Russland: Die Pandemie macht der Konzertreise einen Strich durch die Rechnung

Mit dem Konzert in Sankt Petersburg sollten Brücken zur russischen Kultur geschlagen werden.

Mit dem Konzert in Sankt Petersburg sollten Brücken zur russischen Kultur geschlagen werden.

Diese Woche hätte der Chor der Kantonsschule Solothurn in Sankt Petersburg ein Konzert geben sollen. Doch die Pandemie machte einen Strich durch die monatelange Planung der Konzertreise. Der Chorleiter, Jürg Schläpfer, erzählt.

Diese Woche hätte sie stattfinden sollen, die grosse Reise. Sie sollte ein musikalisches Erlebnis werden, von dem man noch seinen Enkelkindern erzählt. Das Ziel hätte in die russische Kultur geführt, verkörpert durch die Stadt an der Ostsee, Sankt Petersburg. Seit letztem Sommer plant Jürg Schläpfer diesen Ausflug bereits. Dreiviertel des Weges hatte der Musiklehrer bereits mit seinen Kantonsschülern beschritten. Erfolgreich, wie er sagt. Doch als das Ziel zum Greifen nah schien, machte ihm das globale Treiben einen Strich durch die Rechnung: Eine unerwartete Pandemie.

Alle Jahre wieder plant der Chor der Kantonsschule Solothurn eine grössere Konzertreise. Oftmals verschlägt es Musiklehrer und Schüler in die Kulturmetropolen Europas. Doch dieses Schuljahr ist alles anders. Der Chorleiter Jürg Schläpfer, seit 25 Jahren als Musik- und Psychologielehrer an der Kanti tätig, plant vor seiner Pensionierung ein letztes, grösseres Projekt: Der 62-Jährige will die «Ganznächtliche Vigil» von Rachmaninoff – ein einstündiger Chorgesang ohne Orchester – in der Heimat des Komponisten aufführen. Ein anspruchsvolles Vorhaben, dessen ist er sich bewusst. «Aber an der Schule soll man etwas lernen und das tut man, indem man sich mit etwas auseinandersetzt, das man noch nicht kennt», sagt er. Damit meint er sowohl das Stück, als auch die Kultur dahinter. Allzu oft seien die bisherigen Reisen der westlichen Kultur gewidmet gewesen. Durch diese Reise aber sollen Vorurteile gegenüber dem Osten abgebaut und zwischenkulturelle «Brücken» errichtet werden. «Die russische Kultur ist mehr als nur die Regierung des Landes.»

Eine musikalische und sprachliche Herausforderung

Damit schlägt Schläpfer einen Weg voller Herausforderungen ein. Im Sommer 2019 begann er mit den Chorproben: Einmal wöchentlich traf er sich mit dem rund 90-köpfigen Chor. Die Mitglieder sind Maturanden, Gymnasiasten, Lehrer und Sekretäre der Schule – alles Freiwillige, die ganz unterschiedliches bis gar kein Vorwissen in das Projekt mitbrachten. Sehr mutig, findet Schläpfer. Denn das Stück habe einen breiten Stimmenumfang, vom hohen Sopran, zum tiefen Bass. «Es war eine Herausforderung den Chor stimmlich einzustudieren. Aber man darf nicht aufgeben und muss stets dranbleiben.» Auch sprachlich stellte sich das Stück als eine grosse Fleiss- und Geduldsübung heraus: Um sich vor dem russischen Publikum ordentlich zu präsentieren, musste die Aussprache jeder einzelnen Strophe und jeder Silbe des Stücks eingehend geübt und gemeistert werden. Den russischen Zuhörern sei das Stück nämlich alles andere als fremd. «Das muss alles stimmen.» Da legt der Chorleiter grossen Wert darauf.

Der Chor der Kantonsschule Solothurn bereitete sich seit letzten Sommer für den Auftritt vor.

Der Chor der Kantonsschule Solothurn bereitete sich seit letzten Sommer für den Auftritt vor.

Auch bei der Organisation der Reise stand die Leitung vor sprachlichen Schwierigkeiten: Visa für den Aufenthalt von 90 Personen in Sankt Petersburg mussten her. Ein nahezu unmögliches Verfangen ohne Russischkenntnisse. Ein ehemaliger Schüler, Matthias Gerber, eilte Schläpfer jedoch zur Hilfe herbei. Als Sohn einer Russin, Marina Gerber, nahm er die Rolle des Dolmetschers ein und verhalf dem Chorleiter zu den erwünschten Dokumenten. Doch es sei ein Hin und Her gewesen, bis Schläpfer die «humanitären Visa» in der Hand hatte. Diese verleiht die Russische Föderation unter anderem an Kulturschaffende ohne kommerzielle Ziele. Dafür ist auch eine Einladung von Seiten Russlands notwendig. «Es war lange unklar, wer dafür zuständig ist», sagt Schläpfer, der selber mehrere Kontakte nach Russland knüpfte, um die Dokumente zu beschaffen. Mit Hilfe eines befreundeten Dirigenten aus Sankt Petersburg und der Unterstützung durch Marina Gerber und ihrem Sohn, erhielt der Chorleiter schliesslich die Einladung eines Ministers aus Moskau und kurz darauf die lang ersehnten Visa. Das war am Tag vor dem Lockdown.

Als alles bereit war für die grosse Aufführung

Die Vorfreude bei den Schülern war gross: Das Stück sass, die Reise war geplant, die Flüge gebucht, das Hotel reserviert. Am 13. April sollte das Flugzeug mit 90 Chorsängern der Kantonsschule Solothurn in Richtung Sankt Petersburg abheben. Nach Stadtführungen und Palastbesuchen, hätte die neugierigen Schüler eine Probesession erwartet und dann, am 16. April, wäre es dann so weit gewesen: Die Schüler hätten vor rund 800 Personen in der Lutheraner Kircher St. Peter und Paul die «Ganznächtliche Vigil» vorgetragen und endlich die Früchte ihrer Arbeit geerntet. Doch es kam anders: Als am 17. März die Schulen geschlossen wurden, musste der Chor zunächst die zukünftigen Proben einstellen. An eine Stornierung der Reise dachte da noch niemand. Als aber anschliessend Russland eine Einreisesperre verhängte, war die Sache klar: Das Konzert muss abgesagt werden.

«Wir waren am Ende einer langen musikalischen und organisatorischen Entwicklung», sagt Schläpfer. «Alles war fertig, alles klappte. Man musste nur noch die Früchte der Arbeit geniessen.» Umso grösser sei die Enttäuschung über die Stornierung gewesen. Auch bei ihm: «Mein Ziel war es, ein Erlebnis zu kreieren, das den Schülern bleibt. Vom Moment am Ende des Konzertes, vom Applaus in der grossen St. Peter und Paul Kirche sollten sie noch ihren Enkelkindern erzählen.» Sein Fokus war dabei immer, zwei Kulturen miteinander zu verbinden. «Mir tun aber vor allem die Schüler leid», sagt er. Ihren Anfragen, das Konzert zu verschieben, konnte er noch keine klare Antwort geben. Es hänge alles davon ab, wann die Schulen öffnen und der Chor wieder proben kann. Schliesslich sind die Maturanden bald nicht mehr im Chor und Schläpfer müsste das ganze Stück mit neuen Sängern einstudieren. Er hoffte, zumindest die geplanten Konzerte vom 14. und 15. Mai in der Solothurner Jesuitenkirche durchführen zu können. Doch mit dem Bundesrätlichen Entscheid vom 16. April ist nun auch das nicht möglich. Man suche nach neuen Lösungen. «Das Ziel ist es ganz klar, das Stück aufzuführen.»

Die «Ganznächtliche Vigil» von Rachmaninoff, vorgetragen vom WDR Rundfunkchor.

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