Solothurn

Kein brennender Böögg und keine fahrenden Umzugswagen: Null Risiko kommt vor dem Fun

Wolfgang Wagmann
Der Böögg in Solothurn durfte nicht brennen.

Der Böögg in Solothurn durfte nicht brennen.

Eine Kolumne zur Null-Risiko-Fasnacht in Solothurn.

«Das ist halt die Null-Risiko-Mentalität»: Stadtpräsident Kurt Fluri war dabei, als der Entscheid fiel. Nach 120 Jahren wurde erstmals das Verbrennen des Bööggs auf dem Märetplatz untersagt. Ein Kulturschock für die Fasnächtler. Fluri hatte den Entscheid den Verantwortlichen von Feuerwehr und Polizei überlassen. Und diese fanden am Aschermittwoch um 17 Uhr angesichts der Sturmwarnungen: «Nein. Der Böögg wird nicht angezündet.» Ironie des Schicksals: Wer sich um 19.30 Uhr zu Fuss in die Stadt begab, spürte kaum ein Lüftchen. Und auch um 20 Uhr war das nicht viel anders. Normalerweise brennt der Böögg so richtig vielleicht zehn Minuten. Hätte man also angesichts der entspannten Lage kurzfristig anders entscheiden können? Man wollte nicht. Null Risiko eben. Und das gibt es nur, wenn man gar nichts macht.  

Solothurn setzt damit nur einen Trend fort. Am letzten Monatsmäret besuchte keine Handvoll Märetfahrer die Stadt. Sturmwarnung. Da geht man kein Risiko ein. Vor drei Jahren mussten die Umzugswagen im Depot bleiben. Auch da – Sturmwarnung. Es kam nur halb so wild. Aber um 10 Uhr hatte man den offiziellen Wetterfröschen vertraut und entschieden. Eine zeitnahere und damit präzisere Beurteilung fand nicht mehr statt. Das Null- ist eben besser als ein Restrisiko. Es geht nicht nur um Sicherheit, sondern auch um die Haftung.

Also haben sich die Fasnächtler selbst ein Reglement gegeben, das klar besagt, ab welcher Windstärke noch was in die Stadt fahren darf. Da gibt es nichts mehr zu deuteln und gegen allfällige Regress-Forderungen wähnt man sich damit aus dem Schneider.

Doch Luft nach unten gibts noch, man kann das Risiko weiter minimieren. Nun ist Ehrlichkeit gefragt. Will man gar kein Risiko mehr nehmen, müsste konsequenterweise der Böögg aus dem Herzen der Altstadt transferiert werden – beispielsweise auf den neu getauften Schanzenplatz hinter der Reithalle. Tout Honolulu könnte dem Brand-Spektakel von der Schanze aus zusehen, wie einst Gott bei der Erschaffung der Welt. Wir hören es aus allen Ecken aufheulen: Unmöööglich! Das ist Verrat an der Fasnacht! Nein, ist es nicht. Sondern die logische Konsequenz einer in Gang gesetzten Spirale. Wind ist im Februar ein häufiger Spielverderber. Und jetzt hat man erstmals Nein gesagt. Es wird sich wiederholen. Bis man den Böögg aufgibt – oder ihn anderswo verbrennt. Das ist die Macht des Faktischen.

Wir sind eben anders geworden. Als vor rund 40 Jahren an einem Ball im Konzertsaal einige Fasnächtler fast in ihren Kostümen verbrannt wären, achtete man etwas besser auf die Brennbarkeit der Fasnachtsstoffe. Das wars auch schon. Und heute? Da hätte man sofort das hoch riskante Rauchen an den Bällen verboten. Doch es wurde noch drei Jahrzehnte munter weitergepafft. Wie beispielsweise 1989 in einem hoffnungslos überfüllten Landhaus. Immerhin, der Alkohol blieb uns erhalten. Aber wir sind noch nicht fertig.

Kleinere, windschlüpfige Alibi-Umzugs-Wägeli? Ein Diät-Böögg draussen vor der Stadt? Streng zensurierte Fasnachtszeitungen wie die Schnitzelbänke in Olten? Warum auch nicht. Wir Narren müssen aufpassen. Um es klar zu sagen: Rassismus und Sexismus haben an der Fasnacht keinen Platz. Aber wo genau fängt es an? Gibt es eine allgemein anerkannte, unverfängliche Harmlosigkeit – bis hin zur absoluten Langeweile? Fasnacht war seit je ein «Urknall», wie die Luzerner sagen, ein Aufsprengen der Alltagskonventionen durchs Jahr. Früher fürchtete die Obrigkeit die exzessiven Ausbrüche ihrer Jungmannschaft, die nicht selten in regelrechten Kriegszügen ausmündeten. Und es hagelte Verbote. Sicher wünscht sich niemand solche Eruptionen zurück. Doch was ist noch geblieben vom einstigen, auch satirischen Ausnahmezustand Fasnacht? Normierte, anständige Lustbarkeiten. Rituale der Pappnasen, argwöhnisch beobachtet von all jenen, die damit nichts am Hut haben. Frech geht da kaum mehr, rotzfrech schon gar nicht.

Also machen wir noch Fasnacht, soweit wir dürfen. Uns ist es ja noch ganz gut gegangen. Andere hat inzwischen der totale virale Knockout ereilt. Die Tessiner und Basler fallen aktuell dem unerbittlichen «Coronarr»-Veto zum Opfer. Und da sind wir nun wirklich am Ende des Lateins. Am Ende jener uralten Fasnachts-Erkenntnis, jener Triebfeder unseres närrischen Tuns: «No risk, no fun!» Der gestrige Seuchen-Entscheid ist mehr als nur ein nicht verbrannter Böögg. Es könnte sein, dass er nun anbricht: der Aschermittwoch auf ewig.

wolfgang.wagmann@chmedia.ch

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