Solothurn

Hier stand der dritte Muttiturm: Bei Bauarbeiten am Postplatz kommen alte Fundamente ans Licht

Dieser Blick auf die den Postplatz offenbart: Nicht weit unter dem Strassenbelag liegen die alten Turm-, Graben- und Schanzenreste.

Dieser Blick auf die den Postplatz offenbart: Nicht weit unter dem Strassenbelag liegen die alten Turm-, Graben- und Schanzenreste.

Bei den Tiefbauarbeiten am Postplatz kommen immer wieder Reste der alten Stadtbefestigung ans Tageslicht.

Er hat den besten Einblick auf die Grossbaustelle am Postplatz: Der Journalist Michael Hug wohnt gleich nebenan, wo einst die Handelsbank gestanden hat, im Dachgeschoss. Und kam so zu einem Schnappschuss der besonderen Art: In der Baugrube treten eindeutig ältere Fundamente zu Tage. Nichts Neues für Fabio Tortoli, auf der Kantonsarchäologie zuständig für Grossprojekte und Baubegleitungen: «Das Fundament des Haffnersturms haben wir schon im letzten Jahr gehabt. Aktuell scheint die Mauer eines Durchgangs zum Vorschein zu kommen.»

Für fast 200 Jahre ein imposantes Bollwerk

Damit meint der Archäologe die Überreste einer einst imposanten Wehranlage, die aareseitig die Südwestecke der Altstadt beschützte. Ursprünglich stand im Mittelalter an der Ecke des Storchenplatzes ein eher dünnwandiger viereckiger Wehrturm. Doch mit den Fortschritten der Artillerie begann Solothurn im 16. Jahrhundert systematisch seine Eckpunkte zu verstärken. Es liess innert weniger Jahre die sogenannten Muttitürme errichten, die sich zum schon früher erbauten, trutzigen Baseltor gesellten. 1542 stellte Baumeister Conrad Gibelin den mächtigen, unten vier Meter dicken Haffnersturm an der Aare fertig. Aus andern Gründen folgte der neben dem Burristurm dritte Muttiturm: 1546 kam es zu einer Katastrophe, als ein Blitz in den viereckigen Nideck-Turm über dem Riedholzplatz einschlug. Das eingelagerte Schiesspulver explodierte, auch Nachbarshäuser wurden zerstört und Steinbrocken sollen bis Zuchwil geflogen sein...

Doch zurück an die Aare. Den Haffnersturm schützte zusätzlich der mittelalterliche Stadtgraben. «Dessen äussere Wand kam nun mit den Arbeiten auch zum Vorschein», freut sich Tortoli. «Damit haben wir mehr gefunden, als zu vermuten war.» Das jetzt ausgegrabene, einem Durchgang zugeordnete Mauerstück, könnte zur sogenannten «Katzenstiege» gehören. Diese erschloss die mit dem Schanzenbau 1668 fertig gestellte Bastion St. Georg, die mit Linden bepflanzt den älteren Haffnersturm umgab. Zusammen mit dem 1450 erstmals erwähnten Wassertor, das altstadtseitig die Wengibrücke sicherte, war das Ensemble ein eindrückliches Bollwerk, welches diese Ecke der Stadt nun für 200 Jahre beherrschte.

Das Stadtmodell im Museum Blumenstein zeigt die barocken Schanzen um 1820. Vorne rechts die Bastion St. Georg an der Aare mit dem Haffnersturm inmitten eines Lindenkranzes. Hinter dem Muttiturm wacht das Wassertor über die Wengibrücke.

Das Stadtmodell im Museum Blumenstein zeigt die barocken Schanzen um 1820. Vorne rechts die Bastion St. Georg an der Aare mit dem Haffnersturm inmitten eines Lindenkranzes. Hinter dem Muttiturm wacht das Wassertor über die Wengibrücke.

Gleich mehrere untergegangene Welten

Da die Baustelle auf dem Postplatz seit dem letzten Sommer quasi ständig nach Norden «gewandert» ist, ergaben sich für Fabio Tortoli und seine Leute ständig neue Einblicke in den historisch vorbelasteten Untergrund. «Wir haben so einen schönen Grundriss der beiden Befestigungsanlagen erhalten», meint der Fachmann. Denn der mittelalterliche Graben wurde mit dem Bau der Barock-Bastionen zugeschüttet, und die Schanzen erhielten ein eigenes, viel breiteres Grabensystem.

Mitte des 19. Jahrhunderts plante man ein neues Quartier um den Westbahnhof. 1859 wurden die St. Georgs-Bastion wie der Haffnersturm ebenso geschleift wie das Wassertor schon 20 Jahre zuvor. «Wir haben aber nicht speziell weitere Grabungen veranlasst, sondern alles sauber dokumentiert», hat Tortoli wie in solchen Fällen üblich Rücksicht auf die Bauarbeiten genommen und weitergehende Verkehrsbehinderungen vermieden. Nicht rechnen darf die Kantonsarchäologie allerdings mit weiteren spektakulären Funden zu zwei vermuteten Brücken der Römer und Habsburger bei der Belagerung Solothurns 1318. «Da müssten wir weiter westlich und viel tiefer graben.»

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Autor

Wolfgang Wagmann

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