Glosse
Augenschein im Wahlkampf

Fatma Kammer-Karademir
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Auf SP-Plakaten in der Stadt ist nur Stefanie Ingold zu sehen.

Auf SP-Plakaten in der Stadt ist nur Stefanie Ingold zu sehen.

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Am Sonntag wird in vielen Gemeinden gewählt, so auch unserer Stadt. Als ob Sie das nicht schon längst bemerkt hätten. Gefühlt Millionen Plakate zieren Strassen und Felder. Fast wie zur Adventszeit erhellen Gesichter der Kandierenden – sei es mit ihrem Charisma oder gerade dem Fehlen jenes – das Stadtbild. Dabei zeigt sich eine Neuinterpretation der Parteiparolen.

Die SP sind ganz in Musketiermanier «alle für eine». Geschlossen stehen sie hinter ihrer Präsidentschaftskandidatin Stefanie Ingold. Sie ist die Einzige der Partei, die auf Plakaten zu sehen ist. Ganze Arbeit haben fleissige rote Heinzelmännchen und Damen beim Aufstellen der Poster geleistet. Es gibt inzwischen kaum einen Strassenabschnitt ohne Ingolds Gesicht. Und auf der Wahlliste ist sie als Einzige gleich zweimal aufgeführt. Die FDP hingegen nimmt es mit dem Plakatieren nicht ganz so freiheitlich. Niemand scheint wirklich hervorstechen zu wollen, nicht mal der Bewerber fürs Stadtpräsidium. Die Liberalen scheinen sich bei den kommunalen Wahlen sicherer zu sein als bei den kantonalen. Da soll Peter Hodel unbedingt in den Regierungsrat. Dafür gekämpft wird mit harten Bandagen. Gleich mit mehreren Posen und in verschiedenen Situationen ist er im Plakatdschungel zu sehen.

Die potenziellen Gemeinderatsmitglieder trauen ihrem Scheinen auf Weltplakatgrösse jedoch nicht. Deshalb gibt es auch Post. Postkarten mit vorgedruckten persönlichen Widmungen an alle. Postkarten mit kleinen Geschenken ergänzt: Was die Grünliberalen mit Kressesamen können, kann die SVP mit einem Mammutbaumsamen besser. Das Grün im Parteilogo verpflichtet, zumindest im Wahlkampf. Postkarten, die knapp, nachdem die Tinte getrocknet ist, in die Briefkästen eingeworfen worden sind, wobei der «Keine Werbung»-Kleber salopp übersehen wurde.

Der Post ist auch nicht zu trauen, zu gross das Risiko auf dem Altpapierstapel zu landen. Deshalb müssen Begegnungen her. Das samstägliche Märetbild wird mit Leuten bereichert, die hinter der Maske um die Wette strahlen, was in Anbetracht der nicht ganz milden Temperaturen schon eine Leistung ist. Sie überreichen uns kleine Geschenke im Gegenzug für eine oder besser zwei Stimmen – «erhöht die Wahlchancen». Da Treffen zu Coronazeiten zu einem Luxusgut geworden sind, verlegen die Linke und die Mitte ihren Wahlkampf in die sozialen Netzwerke. Profilbilder weichen dem Parteislogan, statt Katzenvideos gibt es Diskussionen zu stadtdringlichen Themen. Es wird auf analoge Interaktivität gesetzt– Postkartenwünsche der Grünen Laura Gantenbein hängen vor dem Baseltor. Es wird auf orange Bänke gesetzt – auf der man sich in der Mitte positionieren kann. Und es wird kurz vor Weihnachten auf Schokoladengrüsse vom Präsidentschaftskandidaten Martin Schüpbach gesetzt, damals, als der Wahlkampf noch sehr weit schien.

Da wären wir wieder bei der Adventszeit. Noch ein paar Tage und das letzte Türchen zum Wahlbüro öffnet sich. Dahinter versteckt sich der neu zusammengesetzte Gemeinderat. Das grössere Geschenk ist jedoch, dass wir danach freies Sichtfeld haben.