Filmtagebummel
Warten auf Godard

Der Autor erinnert sich an die Zeit, als die Solothurner Filmtage noch eine Werkschau waren und der Film von Jean-Luc Godard mit grosser Verspätung dank dem Bahnexpress angekommen ist.

Helmuth Zipperlen
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Nun sind sie glücklicherweise wieder live zurück, die Solothurner Filmtage. Viele Geschichten habe ich in den letzten 57 Jahren erlebt. Zuerst als Mitorganisator in der Filmgilde, später während mehr als 30 Jahren als Filmjournalist.

Als ich in dieser Zeitung noch darüber schrieb, wurden in erster Linie die gezeigten Filme besprochen und weniger das Drum und Dran. Auch jeder Kurzfilmautor hatte Anspruch auf eine Kritik. Sogenannte hoffnungsvolle Nachwuchsfilmer sind so verschwunden, wie sie gekommen sind. Die Aufbruchstimmung von 1968 floss in die Filme über.

Als 1980 der Dokumentarfilm «Züri brännt» gezeigt wurde, gab es im Anschluss daran die ersten verschmierten Wände in Solothurn. Das Entsetzen war gross. Der Berner Filmregisseur Peter von Gunten meinte dazu lakonisch:

«Jetzt ist halt die Welt auch in Solothurn angekommen.»

Prompt wurde im Kantonsrat bei der Budgetdebatte von konservativer Seite ein Antrag auf Streichung des Kantonsbeitrages für die Filmtage eingebracht. Jürg Hassler, heuer Rencontre Gast, führte die Kamera und doppelte mit «Krawall» als Regisseur nach. Seine Fans wurden enttäuscht, als er mit «Welche Bilder, kleiner Engel, wandern durch dein Angesicht?» sich der Bildästhetik zuwandte und pfiffen den Film an den Filmtagen aus.

Bei etlichen Spielfilmen fanden sich auch Darstellerinnen und Darsteller ein. Das wurde zur Kenntnis genommen, aber es wurde kein Aufsehen gemacht. Ich erinnere mich an «Schatten der Engel» von Daniel Schmid. Der Film war erst gerade fertiggestellt und stand spätabends im Kino Scala im Programm. Ein welscher Kritikerkollege hatte Mühe, den nur Deutsch gesprochenen Film zu verstehen. Ich sagte ihm, es werde eine Art Kunstsprache gesprochen.

Der Skandal-Film Schatten der Engel wurde auch in Solothurn gezeigt.

Quelle: Youtube

Mit Schmid kamen die Hauptdarsteller Rainer Werner Fassbinder, Ingrid Caven und Ulli Lommel nach Solothurn. Es gelang mir, nach Mitternacht doch noch in der Krone ein kurzes Interview mit Fassbinder zu machen.

Daniel Levy brachte mit seinen ersten Spielfilmen eine heitere Note in die meist äusserst problemlastigen Werke. Begleitet wurde er von seiner damaligen Lebensgefährtin Maria Schrader. Mit ihrer Aufmachung brachte sie ein Stück Glamour an die Filmtage. Heute ist sie eine renommierte Regisseurin (Ich bin dein Mensch).

An einem Sonntagmorgen war als letzte Projektion der neue Film von Jean-Luc Godard angekündigt. Es könnte 1983 «Prénom Carmen» gewesen sein. Doch der Film war zum angekündigten Zeitpunkt nicht da. Grosse Aufregung. Schliesslich: Die Filmrollen sind per Bahnexpress unterwegs und werden kommen.

Mit grosser Verspätung flimmerte der Film über die Leinwand. Für mich bestand das Problem darin, dass ich bis 14 Uhr einen ausführlichen Bericht über den Film für die Montagsausgabe abliefern sollte. Letztlich blieb mir noch eine halbe Stunde Zeit. Im Grunde genommen war es fast kriminell, über einen Godard-Film, ohne zu reflektieren, zu schreiben. Von der Werkschau zum Festival ist viel passiert.

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