Solothurn
«Es ist keine Strategie erkennbar»: Gemeinderätinnen machen sich Sorgen um die Zentralbibliothek

Trotz Sparkurs wurden bei der Zentralbibliothek Solothurn die Jahresgebühren aufgehoben. Zwei Gemeinderätinnen erkennen keine Strategie und reichen einen Vorstoss ein.

Fabio Vonarburg
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Immer weniger Leute wollen physisch stöbern und nutzen eher digitale Angebote.

Immer weniger Leute wollen physisch stöbern und nutzen eher digitale Angebote.

zvg

Wie weiter mit der Zentralbibliothek Solothurn? Diese Frage stellen sich die beiden Gemeinderätinnen Franziska Baschung (CVP) und Anna Rüefli (SP). In einer überparteilichen Interpellation der Gemeinderatsfraktionen CVP/GLP und SP bringen die beiden Erstunterzeichnerinnen ihre Sorge um die Zukunft der Bibliothek zum Ausdruck.

«Leider häuften sich bei der Zentralbibliothek Solothurn in den letzten Jahren die Hiobsbotschaften», heisst es im Vorstoss. Als Beispiele nennen sie die Einschränkung der Öffnungszeiten per Januar 2019 sowie die Schliessung der Abteilung Musikbibliothek seit Ende Mai, womit zwei Mitarbeitende ihre Stelle (je 20 Prozent) verloren haben. «Begründet wurde dieser Schritt jeweils in erster Linie mit den eingeschränkten finanziellen Ressourcen der Zentralbibliothek und dem anhaltenden Spardruck, unter dem die Bibliothek stehe.»

«Für Aussenstehende ist keine Strategie erkennbar»

Die beiden Gemeinderätinnen fahren fort, dass demgegenüber die Bibliothek im Dezember 2020 ein neues Bibliothekssystem in Betrieb nahm und die Abonnementgebühren aufhob. Das Fazit von Baschung und Rüefli: «Für Aussenstehende ist hinter den beschriebenen Einzelmassnahmen der Zentralbibliothek keine Strategie erkennbar.» Eine solche sei für eine nachhaltige Sicherstellung der Aufgabenerfüllung der Zentralbibliothek aber unabdingbar.

Die beiden Erstunterzeichnerinnen stellen dem Stadtpräsidium eine Reihe Fragen: Etwa warum die Zentralbibliothek unter solchen Spardruck stehe und es gleichzeitig möglich ist, dass die Jahresgebühren für die Benutzerinnen und Benutzer wegfallen? Warum die Abteilung Musikbibliothek geschlossen wurde? Oder auch: «Über welche Möglichkeiten verfügt die Stadt, einen weiteren Leistungsabbau zu verhindern?»

Aufhebung der Gebühren hätte Stadt gerne vermieden

Die Zentralbibliothek Solothurn befinde sich seit einiger Zeit in einer permanenten und einschneidenden Veränderungsphase, nimmt das Stadtpräsidium auf die Interpellation Stellung und kommt auf die Mitwirkung im Bibliotheksverbund Swisscovery seit dem 7. Dezember zu sprechen: Die Mitwirkung sei unumgänglich, um das historische Erbe der Bibliothek breit zugänglich zu machen. «Dies bedingte die Aufhebung von Jahresgebühren, was die Bibliothek aufgrund des Kostendrucks gerne gemieden hätte.» Dieser Schritt könne jedoch auch positiv im Sinne der Herabsetzung der Schwelle für öffentliche Bibliotheken gewürdigt werden.

Die Schliessung der Musikbibliothek wird in der Antwort mit der Verlagerung zum digitalen Musikkonsum mit Download und Streaming erklärt. So wurden 2005 in der Zentralbibliothek 99388 Musikalia ausgeliehen, 2019 noch 22632. Fluri schreibt von der «bedauerlichen Konsequenz», ein Angebot mit geringer Nachfrage einzustellen, um den Kernauftrag der Bibliothek sicherzustellen: die Bereitstellung attraktiver Medien für den allgemein-öffentlichen Bereich.

Erhöhung der Kostenbeteiligung der Regionsgemeinden sei unrealistisch

Betreffend der finanziellen Mittel schreibt Stadtpräsident Kurt Fluri, dass es seit 2017, nach jahrelangen Bemühungen, eine Vereinbarung der Regionsgemeinden über eine Kostenbeteiligung an regionalen Aufgaben gebe, was im Vergleich zu vorher ein grosser Fortschritt sei. Doch eine Erhöhung der Kostenbeteiligung der Regionsgemeinden bereits in der zweiten Auflage der Vereinbarung habe sich als unrealistisch erwiesen. «Wie in der ersten 4-Jahre-Periode wollen auch diese weitere Vereinbarung nicht alle Gemeinden unterzeichnen. Sie erklärten sich zwar bereit, die vorgesehenen Beiträge jährlich zu budgetieren, wollten sich aber nicht über 4 Jahre hinaus binden.»

Der Gemeinderat wird die überparteiliche Interpellation voraussichtlich in der Sitzung vom kommenden Dienstag, 19. Januar, behandeln.

Digitales Angebot wird besser genuzt

Auch für die Bibliotheken gelten coronabedingte Einschränkungen: Die Zentralbibliothek Solothurn bleibt zwar offen, Medien können weiterhin ausgeliehen werden, der Aufenthalt der Nutzerinnen und Nutzer sei aber möglichst kurz zu halten. Daher bleiben der Lesesaal und die Arbeitsplätze geschlossen, Zeitschriften werden keine zur Verfügung gestellt.

Diese Einschränkungen schlagen sich auch auf die Zutrittszahlen aus: Im letzten Jahr wurden 34 Prozent weniger Zutritte vermeldet, als noch im Jahr 2019. Nach der kompletten Schliessung im Frühling seien die Leute schnell wieder zurückgekehrt, aber sie haben sie mit Zurückhaltung genutzt. Während der Schliessung konnten Medien im Internet oder telefonisch bestellt werden. Die Bücher wurden entweder in der Bibliothek abgeholt oder direkt zugestellt.

Trotzdem seien dieses Jahr, bis zur Umstellung des Systems Anfang Dezember, nur 163793 physische Medien ausgeliehen worden, das sind 76629 weniger als im vorangegangenen Jahr. Auffallend sei, dass die digitalen Medien jedes Jahr mehr genutzt werden. Letztes Jahr wurden auf 39312 digitale Medien, Musik und Literatur, zugegriffen, 2019 waren es noch 29121. «Vor den Sommer- und Weihnachtsferien sehen wir einen starken Anstieg bei der Ausleihe von E-Books», sagt Direktorin Yvonne Leimgruber. «Für andere bleibt das haptische Erlebnis wichtig: In den Regalen stöbern und das Buch beim Lesen in den Händen halten.»

«Seit die Ausleihe gratis ist, hat es keinen ‹Hype› geben und wir haben nicht mehr Nutzer», so Leimgruber. Doch dieses neue Angebot habe sich just mit den neuen Einschränkungen überschnitten, so sei es jetzt noch zu früh, deren Auswirkungen abzuschätzen. (jfr)