Die Säulenhalle im Landhaus Solothurn war bis auf den letzten Platz besetzt, als Literaturtage-Leiterin Reina Gehrig zum ersten Jubiläumsgespräch am Freitagvormittag begrüssen konnte. «Es ist ein Experiment. Rolf Niederhauser und Yael Inokai kannten sich vorher nicht, trafen sich kurz nur einmal und stellen sich jetzt für diesen ersten Dialog eines Gründungsmitgliedes der Solothurner Literaturtage mit einem Jung-Autoren zur Verfügung.»

Rolf Niederhauser, Jahrgang 1951 erzählte, wie er als 17-jähriger Lehrling zum ersten Mal mit Literatur in Berührung kam. «Grossen Einfluss darauf, die Literatur aus ihrem Elfenbeinturm heraus zu holen – das war seine damalige Empfindung – habe die anfangs siebziger Jahre die neue Taschenbuchabteilung der Buchhandlung Lüthy in Solothurn gehabt. Endlich sei Literatur auch für einen wie ihn erschwinglich geworden. Was aber brauchte es, um selbst Dichter zu werden? «Für mich als Junger noch völlig undenkbar», so erzählt Niederhauser.

Abendstimmung an den Literaturtagen:

Einen Beruf daraus machen

Und er befragt die junge Autorin Yael Inokai (*1989), ob es ihr gleich gegangen sei; ob sie ebenfalls so viel Ehrfurcht vor der Literatur gehabt hat. «Nein», sagt die 29-Jährige, im Gegenteil. Literatur und Bücher seien für sie immer etwas sehr Demokratisches, sehr Greifbares gewesen. Schliesslich habe sie schon seit ihrer Kindheit eine Bibliothekskarte besessen. Schwieriger sei es für sie gewesen, in den Literaturbetrieb hinein zu kommen, schildert sie. «Wie kann man einen Beruf daraus machen? Das war mein Problem».

Dies sei umso schwieriger, wenn man – wie ihr passiert – nicht beim Literaturinstitut in Biel aufgenommen werde. Umso erstaunter könne sie heute feststellen: «Jetzt bin ich hier, an den Literaturtagen und weiss eigentlich nicht genau, wie das geschehen konnte.» Auch als Besucherin sei sie nie nach Solothurn gekommen, bekennt sie. «Zu schmerzhaft wäre es gewesen, da meine Texte früher keinen Verleger finden konnten. Das wäre, wie jemandem beim Küssen zuzuschauen.»

Üben und recherchieren

Wie sie denn aber schon so jung zu solcher Meisterschaft im Schreiben – Niederhauser las zur Illustration ein paar Zeilen ihres Erstlinges «Storchenbiss» – gekommen sei; ob sie Vorbilder gehabt habe. Darauf sagt Inokai nur ein Wort. «Üben!». Sie habe einfach viel gelesen und viel geschrieben und so ihre eigene Sprache gefunden.

Wie wird heute recherchiert, wollte der Ältere von der Jüngeren wissen. «Mit Menschen sprechen, denn man kann die Welt in jeder Person finden», so ihre Antwort. Und es braucht im Literaturbetrieb auch Glück, besonders viel bei der Verlegersuche. Damals – Niederhauser kam bei Luchterhand unter – und heute – Inokai gibt beim Rotpunktverlag heraus. Absagen hätten bei ihr immer den Reflex «jetzt erst recht» ausgelöst, erzählt sie.

Und dann erwähnt sie noch Niederhausers bekanntestes Buch «Das Ende der blossen Vermutung...» sei auch heute noch, nach vierzig Jahren gar nicht verstaubt. Was dort mit der Gründung der Genossenschaft Kreuz beschrieben werde, solche Projekte entstünden auch heute noch, «jedenfalls dort, wo ich lebe, in Berlin. Vielleicht weniger aus einem politischen Ansatz heraus, als vielmehr als reiner wirtschaftlicher Notwendigkeit.»

Niederhauser dazu: «Wir waren damals die Subversiven. Einen Restoptimusmus haben wir behalten. Heute machen Leute mit ähnlichen Ideen das Beste aus ihrer Lebenssituation. Inokai darauf: «Ich finde, wenn die Ideologie wegfällt, kann man beginnen, zu arbeiten.»