St. Katharinen

Ein Hickhack fast wie heute ums «Sesseli»

Heute idyllisch ruhig, gab der Friedhof St. Katharinen vor knapp 200 Jahren Anlass zu Kontroversen. (WW)

Heute idyllisch ruhig, gab der Friedhof St. Katharinen vor knapp 200 Jahren Anlass zu Kontroversen. (WW)

Um den Standort des heutigen Stadtfriedhofs St. Katharinen gab es seinerzeit grössere Auseinandersetzungen.

1864 erschien im Verlag von B. Schwendimann eine Broschüre mit dem eigentümlichen Titel «Der Gottesacker zu St. Katharina und seine Bewohner». Erzählt wird die Geschichte des Friedhofs ausserhalb der Stadt. Dann folgt die Liste der Verstorbenen der Zeit von 1819 bis 1864 mitsamt ihren Grabnummern; ein nicht alltägliches, aber sehr aufschlussreiches «Adressbuch».

Am 6. Juni 1819 wurde der Kaminfegermeister Josef Tschan zu Grabe getragen. Er war der Letzte, der auf dem bisherigen Friedhof, der sich unmittelbar zu Füssen der St.-Ursen-
Kathedrale befand, bestattet wurde. Vorher schon hatte man festgestellt, dass dieser Friedhof mehrere Mängel aufwies: Wegen seiner geringen Fläche konnte nur selten eine schicklich lange dauernde Grabesruhe eingehalten werden. Zudem richteten die Gräber grosse Schäden an der Bausubstanz der Kirche an, wurde berichtet. Auch war man überzeugt, dass sich ein Friedhof mitten im Wohngebiet negativ auf die Gesundheit der dortigen Bewohner auswirke. So beschloss der Stadtrat am 17. September 1816, der Friedhof müsse aus der Stadt heraus verlegt werden. Eine Kommission sollte mögliche Standorte beurteilen und die Zielsetzung mit der Geistlichkeit absprechen.

Der Klerus wehrte sich

Gegen die Aussiedlung des Friedhofs wandte sich das Kollegial- und Pfarreistift St. Urs. In einem Schreiben an den Stadtrat erklärten die Geistlichen, dass ein Friedhof mitten in der Stadt dem Menschen seine Sterblichkeit vor Augen führe. Dies habe zur Folge, dass mancher bewusster lebe, Böses meide und Gutes tue. Im Schreiben wird fortgeführt: «Der Kirchhof soll nun in Ferne versetzt werden, dass er selten und nur mit Beschwernis könne besucht werden. Es lässt sich leicht denken, wie viele moralische Empfindungen zum Vortheil unserer unsterblichen Seelen andurch zurückbleiben, und den Abgestorbenen geringere Hülfe zufliessen werde. Denn aus den Augen aus dem Sinn.» Der Stadtrat erhielt aber Rückendeckung durch den Regierungsrat, der sich intensiv mit dem Geschäft befasste und den Stadtrat immer wieder mahnte, sich speditiver mit dem Geschäft zu befassen. Als alle Mahnungen nicht fruchten wollten, setzte der Regierungsrat eine Frist. Am 1. Mai 1818 sollte das letzte Begräbnis auf dem bisherigen Gottesacker bei der Kathedrale stattfinden. Später wurde die Frist auf den 1. Juli 1819 erstreckt.

Gleich zu Beginn des Auswahlverfahrens tauchten zahlreiche Vorschläge auf. Der Bürgerrat und die Bürger sprachen sich mehrheitlich für St. Katharinen oder das Loreto-Gebiet aus, während der Stadtrat die Glacis-Matte gegenüber der Schützenmatt oder das Gebiet bei Nominis Jesu bevorzugte. Der Sanitätsrat, der, wenn es um Gesundheit und Hygiene ging, eine besondere Stellung innehatte, sah keinen anderen Platz als in der Forst. Dazu kamen weitere Vorschläge. Angesichts dieser Flut sah sich der Stadtrat nicht mehr in der Lage, das Projekt optimal zu leiten. So bat er den Regierungsrat, die Federführung zu übernehmen und den Standort-Entscheid zu fällen.

Das Kloster und Kutters Kuh

Einige Vorschläge fielen sehr rasch aus der Evaluation. Hartnäckig aber hielt der Sanitätsrat am Standort Forst fest, und zwar an der Wiese des Ratsherrn Kutter, die mit einem Teil vom Land des Appellationsrats Tschan ergänzt werden könnte. Dieser erklärte, keinen Meter verkaufen zu wollen, und Kutter, der eine Kuh auf seinem Landstück grasen liess, wollte nur Realersatz anerkennen. Dazu kam, dass das Gebiet in der Forst schlecht erschlossen war und die Wege im Winter als gefährlich galten. Auch hätte das Projekt Forst sagenhafte 22000 Franken gekostet, welche die Stadt nie und nimmer aufbringen konnte. Auch das Projekt Glacis-Matte erschien zu aufwändig. So konzentrierte man sich auf das Gebiet von Nominis Jesu. Abklärungen ergaben, dass hier Platz für 828 Gräber vorhanden war. Doch das Kloster beschwerte sich. Es habe jetzt bereits zu wenig Land, um zu pflanzen. Der Stadtrat krebste zurück und gab auch weitere mögliche Standorte in der Nähe von Klöstern auf.

Machtwort des Regierungsrats

Zuletzt blieb nur noch das Gebiet von St. Katharinen. Doch es gehörte nicht zur Stadtpfarrei, sondern zur Pfarrei St. Niklaus. Erneut musste der Regierungsrat eingreifen und beschloss am 8. April 1818, der Friedhof müsse bei St. Katharinen erbaut werden. Auch wurde der Stadtrat beauftragt, die Zeremonie bei Bestattungen festzulegen. Die Geistlichen waren einverstanden, dass die Leichen in der Stadtkirche unter der grossen Orgel aufgebahrt werden. «Sollte eine ansteckende Krankheit obgewaltet haben, ein Uebelgeruch oder eine andere Dringlichkeit es rathsam machen, so würde es klüger seyn, die Leiche vor der Kirche stehen zu lassen.» Nun legte der Stadtrat die Entschädigungen der Geistlichen und Kreuzträger für die Begleitung der Leichen auf den Friedhof fest. Am Sonntag, 27. Juni 1819, weihte J.G. Probst im Beisein des Regierungsrats, der Stadtregierung und Bürgerschaft sowie der Schuljugend den neuen Friedhof feierlich ein. Danach wurde vor allem von den Zünften, die ihre verstorbenen Zunftbrüder auf den Friedhof tragen mussten, Kritik an den Strassen zum Friedhof laut. Vor allem im Winter seien diese gefährlich. Wohl wegen dieser Klagen wurde es später üblich, die Verstorbene mit dem Leichenwagen nach St. Katharinen zu führen. 1923 wurde der Friedhof erweitert und die Abdankungshalle mit Krematorium erbaut.

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