Am Auffahrtswochenende vom 25. bis zum 27. Mai 1979 war es soweit: Im Saal des Restaurants Kreuz, im Landhaus, im Stadttheater und im Löwen-Saal konnte Literatur genossen, und deren Urheber bestaunt und mit ihnen diskutiert werden.

Gemäss der Zweckbestimmung der neu ins Leben gerufenen Solothurner Literaturtage wollten die Verantwortlichen an diesen drei Tagen «ein Forum für aktuelles Literaturschaffen in der Schweiz» sein. Es sollen Kontakte zwischen Autoren, Publikum, Medien und Verlegern hergestellt werden.

Bei diesem jährlichen Zusammentreffen sollen fachliche, aber auch persönliche Gespräche über Literatur und das Schreiben geführt werden können. «Distanz, Befremden, Stummheit gegenüber dem Literaturbetrieb können damit abgebaut werden», hiess es. Literatur soll sich des gesellschaftlichen Zusammenhangs bewusst werden, in dem sie steht und für den sie wirkt.

Die Literaten waren «schuld»

Der Anstoss zu den Solothurner Literaturtagen kam aus Schriftstellerkreisen. Insbesondere Otto F. Walter und Rolf Niederhauser forcierten die Gründung eines solchen Anlasses, analog den damals schon seit gut zehn Jahren bestehenden Solothurner Filmtagen. Die offizielle Vereinsgründung umfasste schliesslich 30 Personen und erfolgte Ende August 1978. Es wurde ein Vorstand, eine dreiköpfige Geschäftsleitung und eine Programmkommission gebildet. Die Programmkommission wird – bis heute – jedes Jahr neu bestimmt, um einseitige Tendenzen bei der Auswahl der Texte zu vermeiden.

In der ersten Programmkommission wirkten mit: Franz Hohler, Monique Läderach, Klara Obermüller, Willi Schmid, Heinz F. Schafroth, Esther Thormann, Alice Vollenweider, Emil Zopfi. Die Geschäftsleitung setzte sich aus Veronika Jaeggi, Hanspeter Rederlechner und Arnold Lüthy zusammen.

Das erste Programm

An den ersten drei Tagen lasen nebst anderem Otto F. Walter, Alexandre Voisard, Paul Nizon, Peter Morger, Hanna Johansen, Christoph Geiser, Claudia Storz, Anna Felder, Ernst Burren, Gertrud Leutenegger, Gerold Späth, Jörg Steiner, Hugo Loertscher, Adolf Muschg, Reto Hänny, Jürg Läderach, Anne Cuneo und Gerhard Meier aus ihren Texten. «Stargast» dieser ersten Ausgabe war der deutsche Dramatiker, Autor und Schauspieler Franz Xaver Kroetz, der nebst anderem aus dem noch nicht aufgeführten Stück «Strammer Max» las.

Neben den Lesungen schrieb Franz Hohler Geschichten mit dem Publikum und in drei Werkstatt-Anlässen wurde über schreibende Frauen und Arbeiterkultur diskutiert. Peter Bichsel moderierte einen «offenen Block» und gab jedem Schreibenden 10 Minuten Zeit zum Vorlesen.

Zum Abschluss wurde eine Podiumsdiskussion zwischen Franz Xaver Kroetz, Niklaus Meienberg, Adolf Muschg, Giovanni Orelli, Walter Vogt und Jürg Weibel abgehalten. Thema waren Fragen wie: Was ist in der Literatur fortschrittlich und was reaktionär, was demokratisch und was bürgerlich.

Bereits von den ersten Literaturtagen sendete das Radio sehr ausführlich. Besonders über die abschliessende Podiumsdiskussion wurde danach in der Schweizer Presse viel geschrieben, denn es schien eine recht kontroverse Angelegenheit gewesen zu sein. Der selbstbewusste Kroetz liess an der Schweizer Literaten kein gutes Haar. «Man gab sich und hatte Mühe miteinander», schrieb beispielsweise Kritiker Paul Schorno über die Diskussion, die mehrsprachig geführt wurde, und: «Das turbulente Gefecht verschärfte sich allmählich zu einer Bilanz linker Politik.»

Inzwischen sind über 1200 Autoren an den Solothurner Literaturtagen aufgetreten und haben aus ihren Werken gelesen. War während der ersten Jahre noch jeweils ein ausländischer Autor zu Gast, intensivierte die Programmkommission den internationalen Dialog vor allem in den Neunzigerjahren und lud vermehrt Schreibende aus aller Welt ein. So haben auch die Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee, Günter Grass, Imre Kertész, Herta Müller, Claude Simon oder Wole Soyinka in Solothurn gelesen.