Ist Kurt Fluri ein Klimaleugner? Wir reden nicht vom CO2-Ausstoss, steigendem Meeresspiegel und aussterbenden Eisbären. Sondern von bereits gestorbenen Läden, Brachen, die niemand ersetzt. Kurz, wir reden vom Geschäftsklima in der Stadt. Das in den letzten zwei Jahren bedenklich gekippt ist. Und keine Trendwende zum Besseren erkennen lässt.

Auch bei dieser Klimakrise sind die Ursachen klar und in aller Munde: Internet-Shopping, Einkaufstourismus im Ausland, Schnäppchenjagd generell nach dem Motto: «Geiz ist so geil.» Oder überhöhte Mieten bei rasantem Margenschwund. Wenig tröstlich für Solothurn: Es ist in bester Gesellschaft mit anderen Klein- und Mittelstädten der Schweiz. Anderswo ist deswegen Aktivismus ausgebrochen. Solothurns Stadtpräsident sieht dafür keinen Grund.

Wo ist das Problem?

«Vorübergehend» sei die Baisse. Und: Solothurn habe seine Hausaufgaben längst gemacht, betont Fluri bei jedweder Möglichkeit. Parkhäuser, beste öV-Anschlüsse, Tourismus-Boom, Veranstaltungen noch und nöcher, auch solche mit nationaler Ausstrahlung. Oder anders formuliert: Solothurn hat längst, was andere sich erst noch erkämpfen (müssen). Und deshalb in ein Stadtmarketing investieren.

Oder in neue Konzepte, die – so Fluri – Solothurn gar nicht braucht. Vor allem braucht es keine Stelle fürs Stadtmarketing, wiederholte er zuletzt bei Region Solothurn Tourismus repetitiv. Dies auch vor dem Hintergrund, dass man sich das touristische Marketing-Instrument jährlich bereits 430 000 Franken an Direktzuwendungen kosten lässt. Also, liebe Leute, wo ist das Problem? Es gibt keinen Grund zu Alarmismus. Überhaupt keinen.

Nicht blind, aber taub

Nein, ein Klimaleugner ist Kurt Fluri nicht. Er räumte an derselben Veranstaltung ein: «Wir sind ja nicht blind». Aber taub gegenüber den immer dringlicheren Appellen aus Gewerbekreisen, endlich etwas zu tun. Fluris Antwort: «Wir können das Einkaufs- und Konsumverhalten der Leute nicht ändern.» Da hat er recht. Aber damit wird kein toter Quadratmeter Geschäftsfläche wieder belebt und auch kein Kunde mehr in ein Ladenlokal gelockt.

Im Gegenteil: Das alles klingt nach Ohnmacht, ja nach Bankrott-Erklärung. Und das ist es, was einigen Leuten in dieser Stadt so sauer aufstösst. Mit «alles ist gut, und was nicht gut ist, können wir nicht beeinflussen», damit wollen sich die Betroffenen nicht abfinden oder abspeisen lassen. Dafür macht sich bei Einigen blanke Resignation breit.
Kann ein «Kümmerer» helfen?

Wir sind nicht bei der Greta-, aber der Gretchenfrage: Könnten die Stadt und somit auch Kurt Fluri überhaupt etwas tun? Und was? Tatsächlich ist die Abneigung des Stadtpräsidenten zur Schaffung einer kostspieligen Stelle mit einem hoch dotierten HSG-Studierten, der periodisch
Lawinen von neunmalklugen Folien lostritt, nachvollziehbar. Das gibts in anderen Städten längst – mit teilweise höchst mässigem Erfolg.

Was Solothurn braucht, zunehmend brauchen wird, ist ein «Kümmerer». Eine kompetente Kraft, welche die Liegenschaften in der Stadt und ihre Eigentümer aus dem Effeff kennt, mögliche Interessenten vermittelt, Pop-up-Konzepte schmackhaft macht, vielleicht auch Bindeglied zwischen Bauherren und Baubehörden spielt, allenfalls Kompromisse bei den häufigen Nutzungs-Konflikten in der Altstadt aufgleist. Und auch gewissen Hauseigentümern auf den Schlips tritt. Die beispielsweise in Zürich sitzen, einfach ein Schild mit einer Telefon-Nummer ins Schaufenster hängen, und warten, bis der liebe Gott anruft. Oder eben der Sendbote von Kurt Fluri – der «Kümmerer».

Undenkbares in Sicht?

Die Zeit wird kommen, da hat Kurt Fluri nichts mehr zu sagen. Und in den Städten wird ganz anders diskutiert (werden müssen). Auch in Solothurn. Greift die Stadt aktiv in den Immobilienmarkt ein? Belebt sie grössere, zentrale Brachen mit Mietmodellen, die wieder ein Geschäftsleben zulassen? Es wäre der weitaus radikalere Schritt als nur die Schaffung einer Stadtmarketing-Stelle. Das wäre Etatismus pur. Nach dem sozialen Wohnungsbau die soziale Start-up-Unterstützung von Geschäften. Standortmarketing, (vor)finanziert durch die öffentliche Hand.

Unmöglich? Hatten und haben wir doch schon. Die Rossmetzg an der Schaalgasse gibts wohl nur noch, weil sie in einem Haus der Stadt eingemietet ist. Der Millionenumbau eines alten Schulhauses in eine moderne Jugi. Der Kauf der «Krone» zusammen mit dem Kanton. Und dann war da ja noch das verlotterte Holz-Hüttli neben dem Stadttheater. Millionen sind ins Krieg-Haus geflossen, um ein Theater-Beizli einzurichten. Reines Stadtmarketing. Ja, so geht das! Aber eben nicht anders.