Solothurn

«Der Ansturm war riesig!» – so bereiteten sich die Coiffeure in der Stadt auf die Wiedereröffnung vor

Heute öffnen die rund 100 Coiffeursalons in der Stadt wieder. Der Kundenansturm war ebenso gross swie die gebotene Vorsicht.

Draussen warten, eintreten und Abstand halten. Mantel selber ausziehen und aufhängen. Hände desinfizieren. Mundschutzmaske und Einwegmantel anziehen. Auf dem frisch desinfizierten Stuhl Platz nehmen, möglichst wenig anfassen und Plexiglas anstelle von Magazinen ansehen. So oder ähnlich sieht der Besuch beim Coiffeur ab heute bis auf Weiteres aus. Nach sechs Wochen «ausserordentlicher Lage», Unsicherheit und Ängsten dürfen die rund 100 Coiffeursalons der Stadt wieder Kunden empfangen und wurden fast schon überrannt. Das mag im ersten Moment für alle eine grosse Herausforderung gewesen sein, war doch vor der Wiedereröffnung noch vieles unklar. Doch die Coiffeure in der Stadt sind froh, wieder im Salon stehen zu dürfen. Die vergangenen Wochen fielen keinem leicht.
 
«Ich bin fast zusammengebrochen», erzählt Christian Di Cicco. «Mir kamen die Tränen und ich fing an zu schlottern.» Als er am 16. März erfuhr, dass er seinen Coiffeursalon «Unique Hairdesign» auf ungewisse Zeit schliessen muss, wusste er nicht mehr weiter. Bereits vor der «ausserordentlichen Lage» sei er sehr angespannt gewesen. Die Angst vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus und den Konsequenzen für seinen Betrieb liess ihm keine Ruhe. Auch Sandra Müller, Inhaberin des Salons «Free Style» erzählt, dass sie vor der Schliessung nur noch mit gemischten Gefühlen zur Arbeit gehen konnte. «Obwohl ich damit gerechnet habe, war die Schliessung ein Schock für mich», sagt sie. Ähnlich reagierte auch Lisa Aeberhard, wie sie erzählt. Die Inhaberin von «Coiffure Gody» mit fünf Angestellten ist jedoch keine Coiffeuse sondern gelernte Laborantin. «Ich wusste dementsprechend, was uns in den kommenden Wochen erwarten könnte», sagt sie. Nach dem ersten Schock reagierte sie schnell und bestellte bereits jegliche Hygieneprodukte, wie Mundschutzmasken, Handschuhe, Desinfektionsmittel und Einwegmäntel für eine allfällige Wiedereröffnung.

Die Wiedereröffnung sorgt für schlaflose Nächte

Die liess allerdings etwas auf sich warten. Während dieser Zeit mussten die Coiffeure auf ihr eigenes finanzielles Polster zurückgreifen und die Zeit mit Erwerbsersatzleistungen und Kurzarbeit überbrücken. Das sei allen Angefragten relativ gut gelungen. «Nach elf Jahren Selbstständigkeit habe ich mir ein gutes Polster angelegt», sagt beispielsweise Nicole Dietrich von «Solhair». In Absprache mit ihrem Vermieter konnte sie zusätzlich die Mieten für April und Mai verschieben. Gleichzeitig kam sie der Nachfrage ihrer Kunden entgegen und mischte für sie Farbe an. Die Kunden hätten diese abgeholt und selber ihren Haaransatz nachgefärbt. Erst die Ankündigung der Lockerung am 27. April habe Dietrich dann schlaflose Nächte bereitet. «Ich habe nicht erwartet, dass wir in der ersten Phase wiedereröffnen können», sagt sie. «Wir haben schliesslich ziemlich engen Kontakt zu den Kunden.» Nachdem sie Gedanken über mögliche Massnahmen plagten, habe sie sich schnell organisiert und freue sich auf die Kunden.
 
Auf Anfrage listet der Präsident der Solothurner Sektion des Coiffeurverbands, Peter Kräuchi, die zwingenden Massnahmen auf: Abstand halten, das heisst auch nur jeweils jeden zweiten Stuhl zu besetzen und dementsprechend weniger Kunden und Personal aufzubieten. Auch müssen sowohl Kunden und Coiffeure Masken tragen. Und nach jedem Kunden müssen Werkzeuge, Tische, Stühle und Türklinken desinfiziert werden. Zusätzliche Massnahmen wie Handschuhe, Plexiglas-Visiere und -Abtrennungen oder Einwegmäntel und -geschirr seien freiwillig aber empfohlen. Den Umgang mit Risikopatienten überlässt der Verband den jeweiligen Betrieben. Spätestens seit der Lockerung haben die Betriebe das nötige Material aufgestockt und sind bereit für den Ansturm am Montag. Und dieser kommt.

Im Salon «Coiffure Gody» wird auf die Massnahmen aufmerksam gemacht.

Im Salon «Coiffure Gody» wird auf die Massnahmen aufmerksam gemacht.

Trotz Kundenansturm rechnet man mit Umsatzeinbussen

«Ich habe noch während der Pressekonferenz des Bundesrats Terminanfragen erhalten», sagt Sandra Müller. «Der Ansturm war riesig!» Sie sei bereits für die nächsten vier Wochen ausgebucht. Auch Nicole Dietrich habe für die nächsten sechs Wochen kaum Termine mehr frei. Bei Christian Di Cicco und Lisa Aebarhard sieht das nicht anders aus. Am dringendsten seien das Ansatzfärben und einfache Haarschnitte, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Doch trotz der vielversprechenden Kundenzahlen rechnen die Betriebe mit weiteren Umsatzeinbussen. Im Salon von Aeberhard beispielsweise kann jeweils nur ein Teil der Angestellten arbeiten. Dadurch und wegen der zusätzlichen Massnahmen kann der Salon weniger Kunden als üblich bedienen. «Das ist besser als gar nichts», sagt die Inhaberin. Sandra Müller von «Free Style» nimmt auch Überstunden in Kauf. Sie stellt sich auf eine anstrengende Zeit ein. «Klar wird’s streng, aber ich habe lange genug frei gehabt», sagt sie lachend. Es sei schön zu sehen, dass man auch vermisst wird. Am gewöhnungsbedürftigsten werden in den kommenden Tagen wohl vor allem die Handschuhe sein. Da sind sich alle Coiffeure einig.

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