Solothurn

«Das ist das, was mich am härtesten trifft»: Wenn eine Tanzschule plötzlich schliessen muss

Fast wie im Fernsehstudio: Eva Pretelli hat ihr Tanzstudio für den Onlineunterricht eingerichtet.

Fast wie im Fernsehstudio: Eva Pretelli hat ihr Tanzstudio für den Onlineunterricht eingerichtet.

Die Solothurner Tanzschule «Balladyum» macht mit online Videos das Beste aus der Situation. Doch das Zwischenmenschliche bleibt dabei auf der Strecke.

Eva Pretelli muss umdenken. Ihr leeres Tanzstudio sieht momentan eher aus wie ein kleines Fernsehstudio: Scheinwerfer erleuchten die Mitte des Raumes. Mehrere Laptops stehen dort bereit. Das eine für Liveübertragungen, das andere dient als DJ Pult. Man könnte meinen, sie kenne es nicht anders. «Mit dem Ton klappt es leider noch nicht so ganz», sagt sie. Sie sitzt am Boden vor einems der Laptops. Das Videointerview über Zoom hat sie als Corona-sichere Alternative für ein Treffen selber vorgeschlagen. Sie brauche das Programm neu auch für den Onlineunterricht.

Die Solothurnerin Eva Pretelli ist seit bald 20 Jahren Inhaberin und Tanzlehrerin an der Tanzschule «Balladyum» in Solothurn. Auch sie muss während der Krise ihren Alltag auf den Kopf stellen und aus ihrer Komfortzone herauskommen. «Ich bin überhaupt nicht gerne auf Videos oder Fotos zu sehen», sagt sie. Doch seit dem Lockdown nimmt sie fleissig Tanzvideos und Übungen auf für ihre Schülerinnen und Schüler. Morgens überträgt sie live Aufwärmübungen oder Tanzeinlagen über Youtube. Da kommen auch mal WC-Papier und Desinfektionsmittel als Requisiten zum Einsatz, passend zum gegenwärtigen Thema. Kreativität ist zurzeit überall gefragt. «Es lag nicht drin, einfach nichts zu machen – das kann ich aus meinem Pflichtgefühl, Tanzen zu ermöglichen heraus, per se ich nicht», sagt Pretelli, warum sie sich für online Alternativen entschieden hat, trotz ihrer Kamerascheue.

Mit Livestreams und Videos hält Pretelli ihre Schülerinnen auf Trab. Nur: Alleine vor dem Spiegel zu tanzen, ist nicht dasselbe wie in einem vollen Studio.

Mit Livestreams und Videos hält Pretelli ihre Schülerinnen auf Trab. Nur: Alleine vor dem Spiegel zu tanzen, ist nicht dasselbe wie in einem vollen Studio.

Mittlerweile findet der Tanzunterricht teilweise auch direkt über Videokonferenzen statt, wo sie besser auf einzelne Tänzerinnen eingehen kann. Sie müsse aufpassen, dass die Mädchen fit und beweglich bleiben. «Jetzt haben sie aber den ganzen Abend Zeit sich zu dehnen», hängt sie lachend an. Auf dem langen Spiegel hinter ihr glänzt während des Interviews eine Reihe von Pokalen, Gold und Silber. Sie erzählen von ihrem vergangenen Engagement, von gewonnenen Wettbewerben. Mit ihrer zehnköpfigen Tanzgruppe «Le Ragazze» beispielsweise holte sich Pretelli 2011 denmehrere Schweizermeistertitel und konnte sich 2013 für die Weltmeisterschaft in Polen qualifizieren. «Das war ein mega-Erlebnis», sagt die Tanzlehrerin mit leuchtenden Augen. Auch dieses Jahr will sie mit ihren Mädchen weitere Siege nach Hause holen. Die Schule steht dafür mit vier Fördergruppen am Start und konnte sich unter anderem für ein Turnier in Rom qualifizieren. Nur die Durchführung steht wegen Corona auf der Kippe.

Ein zweites Zuhause für viele

«Wir sind momentan völlig ausgebremst», sagt Pretelli angesichts der anstehenden Wettbewerbe. Vor der Krise sah die Lehrerin manche ihrer Tänzerinnen täglich und hatte ein straffes Programm von morgens bis abends. Training um Training, unterbrochen durch Programmplanung. Doch nun sind alle drei Tanzstudios der Schule geschlossen. Die Schülerinnen und Schüler haben keinen Zutritt mehr. Pretelli will dem Virus damit gar nicht erst eine Chance geben, sich unter den Mitgliedern der Tanzschule einzunisten. «Ich habe von Verwandten aus Italien gehört, was auch auf uns zukommen könnte», sagt sie und hat daher bereits zwei drei Wochen vor dem Lockdown reagiert und Massnahmen, wie Abstand halten und Hände desinfizieren im Haus eingeführt. Als dann die Schulen geschlossen wurden, schloss auch sie die Tore der Studios. Das trifft vor allem für diejenigen, die ins Studio kommen, um Dampf abzulassen oder sich zurück zu ziehen. «Das ist das, was mich am härtesten trifft», sagt Pretelli. Für viele ihrer Schülerinnen sei das «Balladyum» ihr zweites Zuhause geworden. Das könne sie nun nicht mehr bieten.

Aber sie versucht die Schülerinnen, und vielleicht noch mehr sich selbst, mit den Videos auf Trab zu halten. Rund 60 Stunden hat sie in der ersten Woche des Lockdowns in sie investiert. «Wenn ich ehrlich bin, war das eine gute Therapie für mich selbst. So bin ich in der ersten Woche nicht durchgedreht.» Sie schmunzelt. Beim Tanzen vergesse sie alles um sich herum und könne gut abschalten. Es sei jedoch «saumässig anstrengend, im leeren Studio zu stehen und mit einem Bildschirm zu sprechen», sagt sie. Momentan überlegt sie sich vor allem, wie es nach dem 19. April weitergehen soll. Wird es beim Fernunterricht bleiben? «Für mich kommt es auf jeden Fall nicht in Frage, nichts mehr anzubieten.»

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