Kunstraum Medici

Aus dem Buch der Untergänge

Jürg Robert Tanner ist im Kunstraum Medici in Solothurn mit Arbeiten auf Papier zu Gast. Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. Dezember 2016.

Es ist eines seiner wiederkehrenden Themen, das tragische Geschehen der vielen Schiffsunglücke mit zahllosen Ertrunkenen. Zum Beispiel die an Weihnachten 1996 vor Portopalo, Sizilien, gekenterte «Yohan», mit 283 vor der Verfolgung in ihrer Heimat geflüchteten Indern, Pakistani und Tamilen an Bord die – von Hoffnung auf ein neues Leben getrieben – im Meer ertranken.

Jürg Robert Tanner, der ab 1988 in Boissano am ligurischen Meer lebte und arbeitete, das als «Cimitero mediterraneo», das unendliche Grab zahlreicher Schiffstragödien, ein Meeresgrab ist und wohl auch – aller Hoffnung zum Trotz – eines bleiben wird.

Es ist ein Thema, das der Künstler, der seit 2014 wieder in Gerlafingen, lebt und arbeitet, aus seiner ligurischen Zeit mitgenommen hat und in seinen Arbeiten immer wieder, halb zornig, halb resignierend und in seiner unverkennbaren fragmentarischen Bildsprache aus Farbschichten und Chiffren, Fundstücken und reflektierten Betrachtungen aufarbeitet.

In Schichten mit Sand

Wie immer ist der Malgrund eine aufgeschlagene Zeitungsseite, hier mehrheitlich aus der Kunst- und Literaturbeilage des «Manifesto». Aufwendig in Schichten präpariert und grundiert, mit Sand verstärkt, die blaugraugrünen, grauen und geweissten Farbstimmungen in der Wechselwirkung von Transparenz oder Verdichtung dem Meer in seinen Tiefen, Untiefen und Wirkungen angenähert, erzählt der Künstler eine bewegende Bildgeschichte – zurückhaltend in den Zeichen und Geschehen.

Wie immer sind Jürg Robert Tanners Arbeiten subtil, wie immer zelebriert der 1943 in Olten geborene, ausgebildete Lehrer und Künstler das Prozesshafte seiner Bildinhalte als eine wehmütige, wie behutsame Poesie.

Wie immer collagiert der Künstler in diese wieder ausgewaschenen, bearbeiteten Gründe die Pigmente, die Farben und Nuancen, literarische Zitate, eigene Gedankenfetzen, erzählerischen Chiffren, zeichenhaften figurativen Andeutungen.

Hin und wieder finden sich einige wenige strukturierende Details wie Klebeband oder Goldfolie in den achtsam reduzierten, assoziativen Botschaften: Kreuze, stürmische Seebewegungen, bewegte Wellen, fein anskizzierte Konturen untergehender Schiffe. Und immer wieder erinnert das Meer in seinen wandelbaren Kolorationen an die Unendlichkeit, an die Toten und die Lebenden.

«Dal Libro dei Naufragi» – aus dem Buch der Untergänge – hat Jürg Tanner diese Serie benannt, eine Art lyrisch-melancholische Gleichnisse, die sich mit einer freskenhaften Spannung und einer geheimnisvollen Patina über seine Assoziationen hinaus zu einer allgemeingültigen Archäologie menschlicher Schicksale fügen.

So, wie auch die kleinen schwarzen Bildtafeln, auf denen Jürg Robert Tanner die akribisch recherchierten Namen der Ertrunkenen der «Yohan» in feiner weisser Handschrift auflistet und hier auf einem blauen Podest zu einem diskret erinnernden Gedenken arrangiert – als wenn die Toten sich leise zu erkennen geben.

Bis 17. Dezember. Do. und Fr., 14–18 Uhr, Sa., 14–17 Uhr, oder n. V. Telefon 032 622 81 71, www.kunstraum-medici.ch.

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