Postulat

Auch Frauen sollen anhand von Strassennamen geehrt werden – und nicht nur Heilige

Der Heidiweg ist einer der wenigen Wege in der Stadt Solothurn, der einer - fiktiven - Frau gewidmet ist.

Der Heidiweg ist einer der wenigen Wege in der Stadt Solothurn, der einer - fiktiven - Frau gewidmet ist.

Ein kürzlich eingereichtes Postulat fordert, dass bei der Vergabe von Strassennamen in Zukunft Frauen stärker berücksichtigt werden.

«S isch immer, s isch immer e so gsi.» Während bei diesen Zeilen die einen an die Hymne auf die Stadt Solothurn denken, rufen sie bei anderen den Drang nach Veränderung hervor. Einige Dinge kann man nicht der guten alten Zeit wegen so stehen lassen, einige Dinge verlangen eine Veränderung − wie zum Beispiel die Strassennamen. So fordert es das Postulat «Mehr Frauennamen als Strassennamen», das vergangenen Dienstag an der Gemeinderatssitzung eingereicht wurde. Mit den zitierten Zeilen des Solothurner Liedes wollen die Postulatsstellerinnen darauf aufmerksam machen, das seit jeher bei der Vergabe von Namen für Strassen, Wege und Plätze vorwiegend Männer berücksichtigt wurden.

Aus diesem Grund sei es wichtig, dass in Zukunft bei der Benennung von Strassen vor allem Frauen beachtet werden, um so einen Ausgleich schaffen zu können. «Dies hätte nicht nur symbolischen Charakter, das Strassenbild prägt unsere Wahrnehmung und so haben auch Strassennamen einen Einfluss auf unser Denken», steht im Postulat, das von den vier Erstunterzeichnerinnen Laura Gantenbein (Grüne), Franziska von Ballmoos (FDP), Marianne Wyss (SVP) und Corinne Widmer (SP) eingereicht wurde.

Solothurn ehrt nur Heilige und die Romanfigur Heidi

Tatsächlich. Achtet man sich einmal bei einem Rundgang durch Solothurn genauer auf die Strassennamen fällt auf: Gerade einmal vier Frauen haben es auf die blauen Tafeln geschafft. Und was beim Verenaweg, der St. Margrithenstrasse, der Berthastrasse und dem Heidiweg sonst noch auffällt: Sie alle sind heiligen, mythischen oder gar fiktiven Frauen gewidmet. Wenn auch die (Ver-) Ehrung der Heiligen Verena und St. Margrithen und der legendenumwobenen Burgunderkönigin Bertha nachvollziehbar erscheinen mag, so erstaunt es aber doch, dass ausgerechnet der Romanfigur Heidi ein Weg gewidmet ist. Denn wie die dem Postulat beigefügte Liste von Beispielen zeigt, gäbe es genügend reale Frauen, die einer solchen Ehrung «würdig» erscheinen . So zum Beispiel Elisabeth Pfluger, Monica Gubser, Rosmarie Däster-Schild, Elsa von Tobel oder Maria Felchlin, um nur einige von ihnen zu nennen. «Frauen haben in der Vergangenheit grosses geleistet und werden es auch in Zukunft tun. Die wenigen Frauen, die wir aus der Vergangenheit kennen und zu Bekanntheit gelangt sind, sollen in unserem Strassenbild sichtbar sein», heisst es denn auch im Postulat. Diese stünden für alle Frauen, die trotz grosser Leistung unsichtbar geblieben seien.

Diese Forderung ist nicht neu. «Seit vielen Jahren ist die Benennung oder Umbenennung von Strassen- und Platznamen ein Thema in verschiedenen Städten der Schweiz», schreiben die Postulatsstellerinnen. Eine Aktion während des Frauenstreiks vom letzten Jahr sollte darauf aufmerksam machen. In Solothurn wurden damals einige Strassenschilder mit kreativen Beispielen überklebt. «Nach dem Frauenstreiktag 2019 muss sich Vieles ändern», sind sie sich einig.

Alle führenden Familien haben ihre Strasse

«Strassen, Plätze, Wege, Denkmäler wurden und werden weltweit zu einem überwiegenden Teil nach Männern benannt», steht im Postulat geschrieben. So auch in Solothurn. Hier haben sich Politiker, Bischöfe, Künstler, Komponisten, Kriegshelden, Dichter und Denker auf diese Weise verewigt. Laut Postulat würden mindestens 47 Männer mit Namen geehrt werden, 30 davon mit ihrem Familiennamen und 17 gar mit Vor- und Nachname, wie beispielsweise Amanz Gressly oder Walter Schnider. Aber auch ganze Familien wurden mit einer nach ihr benannten Strasse geehrt. Alle führenden Familien, von den von Surys, über die Besenvals, bis hin zu den von Vigiers, sind im Strassennetz vertreten.

Neben bekannten Persönlichkeiten finden sich unter den Strassennamen auch Bäume, Tiere oder Blumen. Hierbei lässt sich sogar eine mehr oder weniger systematische Stadtplanung erkennen. Während die Baumnamen vorwiegend in der Weststadt unterhalb der Bahnlinie anzutreffen sind, sammeln sich die Vögel eher im Nordosten der Stadt. Auch hier liefern die Postulatsstellerinnen konkrete Zahlen: Unter den Strassennamen seien 16 Baumarten, 8 Tiere und 5 Blumen vertreten.

Hier gilt es nun Ausgleich zu schaffen. Wann das Postulat im Gemeinderat behandelt wird, ist aber noch unklar. Stadtpräsident Kurt Fluri merkte jedoch an der Gemeinderatssitzung an, dass die Gemeinderatskommission zwar über neue Strassennamen entscheidet, die Benennung von Plätzen liege allerdings nicht in ihrer Kompetenz.

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