Die Brandkatastrophe am frühen Montagmorgen an der Wengistrasse 40 hat Solothurn diese Woche zutiefst getroffen. Auch Stadtpräsident Kurt Fluri, noch in der Brandnacht am Ort des Geschehens, wirkte fassungslos. «Ich erinnere mich an kein ähnliches Ereignis in unserer Region», meinte er zur Brandkatastrophe, die letztlich sieben Todesopfer, darunter auch drei Kinder, gefordert hatte.

Doch Solothurn musste vor noch nicht einmal 100 Jahren ein Drama durchmachen, dass durchaus vergleichbar mit der jetzigen Katastrophe ist, ja sogar noch mehr Opfer forderte: Am 25. Juli 1921 verloren gleich zehn Kinder ihr Leben in der Aare.

Der fatale Steg-Einsturz

Montag, 25. Juli. Ein heisser Tag. «Es ist der wärmste und trockenste Sommer, den wir je gehabt haben», stellte schon damals die «Solothurner Zeitung» fest. Kein Wunder drängeln sich gegen 60 Kinder auf dem Steg vor der Frauenbadanstalt, die punkt 14 Uhr geöffnet wird. 1901 war die im Fluss schwimmende und verankerte Badeinsel für die Frauen erstellt worden, drei Jahre später eine vom gleichen Typ für die Männer bei der Eisenbahnbrücke.

Der Pulk der Wartenden auf dem 10 Meter langen Steg ist so dicht, dass die «Badmutter», Frau Allemann, den Schlüssel durch die Kinderhände durchreichen lässt. Natürlich verstärkt sich angesichts der baldigen Türöffnung das «Gmoscht» vor dem Zugang nochmals, und genau in diesem Moment geschieht das Unfassbare: Ein Halterungs-Winkeleisen am Steg gibt nach, und die Bodenfläche mitsamt Geländer kippt links seitlich in die Aare, die dort 4 Meter tief ist. Und mit ihr die ganze, schreiende Kinderschar, für die es sofort um Leben und Tod geht.

Eine traurige Bilanz

Etwa 30 Kinder finden sich im Fluss wieder, die andern haben sich am Geländer festklammern können und entrinnen so der allgemeinen Panik auf und unter dem Wasserspiegel. Für alle, die nicht schwimmen können – und das sind einige, vor allem kleinere Kinder – besteht nun akute Lebensgefahr. Zwar tun die «Badmutter» und ihr Sohn alles Menschenmögliche, um die schreienden Kinder zu retten, was bei 15 von ihnen auch gelingt.

Passanten, aufgebotene Ärzte, die Kantons- und Stadtpolizei sowie weitere Retter wie die Pontoniere, die gar nach den Verschollenen tauchen – sie alle versuchten, die Opferbilanz so gering als möglich zu halten.
Dennoch ist sie abends um 17.30 Uhr unfassbar schrecklich: Sieben Mädchen und ein Bube zwischen 3 und 13 Jahren können nur noch tot geborgen werden, zwei weitere Opfer bleiben noch zwei und drei Tage vermisst. Acht der verstorbenen Kinder stammen aus Solothurn, zwei aus Zuchwil – sie sollten jeweils in ihren Wohngemeinden bestattet werden.

Die Suche nach Schuldigen

Schon anderntags, am 26. Juli, trifft sich der Gemeinderat zu einer Sondersitzung. Zwei Stunden lang wird vor allem Ursachenforschung betrieben, ein SBB-Brückenbauexperte beigezogen, der in der Folge mehre Expertisen abgeben sollte. Es hagelt Vorschläge wie die Anschaffung von Rettungsmaterial oder auch das Ergreifen von disziplinarischen Massnahmen – die Lehrerschaft soll ihre Schulkinder anhalten, wirklich erst ab 14 Uhr zum Baden zu erscheinen. Die Brückenbaufirma aus Brugg, die 1901 den Steg gebaut hat, ist nie mehr zu einer Kontrolle aufgeboten worden. Nur ein Neuanstrich ist auf Veranlassung des «Badmutter»-Sohnes erfolgt. Man stellt zwar gewisse Mängel fest, aber dennoch habe die Tragfähigkeit für die Kinderschar ausgereicht.

Die rostige Stelle, wo der Knick passiert war, hatte man zwar bemerkt, ihr aber offenbar bei den Streicharbeiten keine Beachtung geschenkt. Zudem war eine 1916 zur Revision aufgebotene Firma nie beim Steg erschienen. Die Begründung: Sie habe diesen auch nicht gebaut. Offenbar verliefen die Ermittlungen, die sich nur auf die Konstruktion fokussiert hatten, nachher völlig im Sand.

1923 wurde jedoch die Frauenbadanstalt abgebrochen, und 1926 beschloss man, ein neues Frauen- und Männerbad (die heutige «alte Badi») zu bauen. Sie konnte schon am 26. Juni 1927 eröffnet werden und kostete damals gut 372 000 Franken. Für Negativ-Schlagzeilen sorgte auch die schwimmende Männerbadanstalt: Verkauft diente sie als Hühnerfarm, ehe sie im März 1927 abbrannte.

Vieles wäre heute ein Skandal

Eine Entschädigung der Opferfamilien ist nirgends aktenkundig, nur die Begräbniskosten und den Grabstein zu St. Katharinen übernahm nachweislich die Stadt. Die Zeiten nach vier Kriegsjahren mit wirtschaftlichem Niedergang und vielen Grippetoten 1918/19 waren ohnehin schwer, Care-Teams zur psychologischen Betreuung der Hinterbliebenen gabs damals nicht.

Auch das Recht auf eine individuelle Bestattung wurde offenbar nicht gewährt, zum Abschied von den Toten blieben keine zwei Tage - vieles, was damals geschah, würde heute wohl als Skandal gesehen