«Adler»
Die Odyssee der Solothurner Drogenanlaufstelle geht zu Ende

Seit Anfang der Pandemie sucht die Perspektive nach geeigneten Räumlichkeit für die Kontakt- und Anlaufstelle für suchtmittelabhängige Leute. Die Alten werden nun die Neuen.

Judith Frei
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Restaurant Adler in Solothurn.

Restaurant Adler in Solothurn.

Maddalena Tomazzili (2005)

Als vor über einem Jahr wegen der Coronapandemie neue Hygienemassnahmen in den Alltag integriert werden mussten, stand die Perspektive Region Solothurn-Grenchen vor einem grossen Problem: Die Kontakt- und Anlaufstelle für suchtmittelabhängige Leute im «Adler» in der Vorstadt war zu klein, um die Abstandsregeln einzuhalten. Das soll sich jetzt aber ändern, ein Baugesuch für einen Umbau des «Adlers» liegt bei der Stadt auf.

Karin Stoop, Leiterin der Perspektive, führt durch die Räumlichkeiten, wo Anfang letzten Jahres noch Drogen konsumiert wurden, seit Beginn der Pandemie blieben sie leer. Hinter einem kleinen Empfangsraum befinden sich die Konsumationsräume. Dort gibt es insgesamt vier Injektionsplätze und ein Fumoir, wo Drogen inhaliert werden, auf kleinstem Raum. Das Fumoir ist nur wenige Quadratmeter gross. «Vor der Pandemie konnten bis zu zehn Personen gleichzeitig im Fumoir konsumieren», erklärt Stoop. Mit den Abstandsregeln hätte nur noch eine Person im Fumoir sein können. Bei rund 70 Besucherinnen und Besucher pro Tag sei dies logistisch nicht machbar.

«Wir erreichen unsere Zielgruppe besser und das ist ein gutes Zeichen»

Karin Stoop, Leiterin Perspektive.

Karin Stoop, Leiterin Perspektive.

Michel Lüthi

«Die Räumlichkeiten hier sind ursprünglich für 20 Personen konzipiert», erklärt die Leiterin. Seit die Stelle vor über zehn Jahren eröffnet wurde, habe die Zahl der Konsumierenden nicht zugenommen. «Wir erreichen unsere Zielgruppe besser und das ist ein gutes Zeichen», erklärt Stoop. Betroffene würden jetzt den Weg auf sich nehmen, um das Angebot der Perspektive in Anspruch zu nehmen. Früher haben diese Personen entweder zu Hause oder im öffentlichen Raum konsumiert.

Vor einem Jahr musste schnell reagiert werden, um die Klientinnen und Klienten zu schützen, viele unter ihnen gehören der Risikogruppe an. Der Konsumationsraum wurde geschlossen, saubere Spritzen lediglich abgegeben.

«Innerhalb von drei Tagen hat sich dann wieder eine offene Drogenszene entwickelt»,

erinnert sich Stoop. Das heisst, die Drogen wurden in der Öffentlichkeit konsumiert.

Ein Zelt hinter dem «Adler» wurde errichtet, um eine offene Szene zu verhindern. Doch auch diese Lösung erwies sich als schwierig. Es musste die Securitas engagiert werden, die sicherstellt, dass die Sicherheitsabstände eingehalten werden und Streitereien schlichten. «Personen, die einen Suchtdruck verspüren, können vor der Konsumation nicht warten», erklärt Stoop die Probleme.

Via Glutzareal zur Dornacherstrasse

Nachdem die dreimonatige Bewilligungspflicht abgelaufen war, zügelten sie auf ein Feld in der Nähe auf dem Glutzareal, bis sie Anfang Oktober in die Container an der Dornacherstrasse 10 ziehen konnten. In den Container haben sie bis jetzt gute Erfahrungen gemacht, doch handelt es sich dabei nur um ein Provisorium. Wie lange sie dort noch bleiben können, ist noch nicht klar. Die Antwort der Stadt steht noch aus.

So oder so sei jetzt der Moment gekommen, wo eine langfristige Lösung gefunden werden muss, denn nicht nur für die Klientinnen und Klienten ist die Unsicherheit schwierig, die Odyssee hat auch seine finanziellen Spuren in der Organisationskasse hinterlassen. Der ausserordentliche Covid-Aufwand beläuft sich insgesamt auf über 300'000 Franken. Durch Spenden und freiwillige Zuwendungen konnte das Defizit auf 150'000 reduziert werden. Das sei für die Perspektive eine grosse Belastung. «Noch einmal zügeln können wir uns nicht leisten», ist Stoop sicher.

Der Drogenkonsum hat sich verändert

Nun sollen die Räumlichkeiten im Adler vergrössert werden, dabei bleibt die Kapazität die gleiche. Dafür wird jetzt da, wo sich die Konsumationsräume befinden, eine Treppe eingebaut, die in den ersten Stock des «Adlers» führen. Im Saal sollen sich neu die Konsumationsräume befinden. «Dabei können wir auch dem veränderten Drogenkonsum Rechnung tragen. Heute wird kaum mehr gespritzt. Die Drogen werden geraucht, inhaliert und gesnieft», erklärt Stoop.

Im vorderen Teil des «Adlers» befindet sich die Gassenküche. Die physische Nähe zu den Konsumationsräumen würde helfen, dass die Konsumierenden nicht vergessen, zu essen. «Unsere Aufgabe ist es auch, die Verelendung suchtmittelabhängiger Personen zu verhindern», erklärt Stoop. Gleichzeitig soll der öffentliche Raum entlastet werden, dass dort keine Drogen mehr konsumiert werden. Dafür braucht es aber ein niederschwelliges Angebot. Das heisst, die Anlaufstelle muss zentral sein. «Niemand würde bis ins Brühl für eine Anlaufstelle spazieren», ist Stoop überzeugt. Als Konsequenz würde dann wieder in der Öffentlichkeit konsumiert werden.

Mit den Anwohnern der Vorstadt sei man in Kontakt und über das vorliegende Projekt wurde schon informiert.

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