Urs Bertschinger ist unglücklich: Seit längerem ringt der Bauforscher der kantonalen Denkmalpflege mit dem Besitzer des sogenannten Laubsägelihauses an der Zuchwilerstrasse um dessen Erhalt. «Es ist ein in der Stadt und im Kanton Solothurn einzigartiger Zeitzeuge aus der Epoche des Eisenbahnbaus.»

Doch trotz dieser Einschätzung stehen Bertschingers Chancen für sein Anliegen schlecht. Zwar taucht das pittoreske Haus in mehreren Inventaren und Publikationen als bedeutendes Objekt auf und wird im Ortsbildinventar der Denkmalpflege als schützenswert klassiert. Doch steht es nicht unter kantonalem Einzelschutz, sondern liegt in einer «Kernzone, offene Bauweise, dreigeschossig». «Es könnte also durch einen Neubau ersetzt werden», folgert Bertschinger lakonisch. 

Unterschiedliche Sicht der Dinge

Seit Anfang Jahr stehen Urs Bertschinger und die Besitzerfamilie Jenny in Kontakt. Dabei fanden mehrere Besprechungen und Begehungen statt. «Der Besitzer möchte das Gebäude abreissen und mehrere Mietwohnungen erstellen», glaubt der Bauforscher, eine Restaurierung komme für ihn wegen der hohen Folgekosten aufgrund der schlechten Bausubstanz nicht infrage.

Die Denkmalpflege dagegen habe sich von Anfang dafür ausgesprochen, das Gebäude zu erhalten und dafür angepasste Nutzungsmöglichkeiten zu suchen. Zwar hatte sich der Besitzer durchaus kooperativ gezeigt und sogar gewisse Kosten übernommen – doch näher gekommen war man sich in den Standpunkten nicht.

Die Freilegungen und Sondierungen ergaben wiederum unterschiedliche Befunde: Für den Eigentümer ist das Haus sehr marode. Bertschinger räumt zwar ein: «Das Resultat ist nicht eindeutig. Die Bausubstanz ist in einigen Bereichen tatsächlich nicht mehr optimal.» Aber: Aufgrund der Erfahrung mit anderen vergleichbaren Objekten sei das Laubsägelihaus «renovierbar.» Ja Bertschinger schliesst nicht aus, dass der besonders baufällige Westtrakt abgerissen werden könne.

Büros und Ateliers?

«Als Rendite-Objekt eignet sich das Haus nicht», stellt auch Bertschinger nüchtern fest. Entscheidend sei, ob man eine Wohnnutzung anstrebe - maximal seien drei, vier vertikal angelegte, jedoch sehr originelle Wohnungen möglich. Oder man suche eine Lösung mit Büro- und Atelierräumen, allenfalls kämen ein Fitness- oder Tanzstudio infrage. Auch wenn das Haus an einen «Wildwest-Saloon» gemahnt, «dem Ursprung entsprechend ein Restaurant einzubauen, dürfte wohl aufgrund des Brandschutzes und der sonstigen Auflagen schwierig sein.»

Von den gestalterischen Möglichkeiten her würde laut Bertschinger die Denkmalpflege Hand zu Veränderungen bieten. Doch sollten die Parkettböden, Wandtäfer und Decken wenn möglich erhalten werden. «Das würde uns sehr viel kosten – bis 40 Prozent der Erhaltungskosten könnten die Beiträge von uns ausmachen», sieht Urs Bertschinger durchaus finanzielle Belastungen nicht nur für den Eigentümer, sondern allenfalls auch auf den Kanton zukommen.

Hoffen auf die Politik

Da mit dem Besitzer keine Einigung zustande gekommen ist und rechtlich die Situation klar ist, kann die Denkmalpflege eigentlich nur noch auf eine Änderung der Unterschutzstellungs-Praxis hoffen. «Da wäre dann die Politik gefragt.» So müsste der Solothurner Gemeinderat im Zuge der Ortsplanungsrevision ihre Praxis anschauen.

Denn die Stadt kennt keine eigene Unterschutzstellung, auch wenn eine Inventarisierung der erhaltenswerten Objekte existiert. Möglich wäre auch ein «Zeitschinden» durch den Erlass einer Planungszone, die ein Jahr lang den Status quo sichern würde. «Aber das wollen wir nicht», gibt Bertschinger unumwunden zu. Vertiefte Abklärungen für den Erhalt müssten jedoch erfolgen, denn der Abriss des Laubsägelihauses wäre für ihn ein «ziemlich dramatischer Verlust.»

Fäulnis und Holzwurm

Für die Familie Jenny mit der Immo Jenny AG als Besitzer war das Laubsägelihaus eine eigentliche «Wundertüte», als sie es vor zwei Jahren ersteigerten. «Ausser dem Liegenschaftenschätzer durfte niemand das Haus vorher besichtigen.» Nach der Ersteigerung haben sie dann mit der Denkmalpflege und insbesondere Urs Bertschinger zusammengearbeitet.

In den zwei Jahren «wurde alles immer wieder gründlich untersucht, doch leider gibt es überall von Fäulnis befallene Stellen, und auch der Holzwurm zeigt sich an vielen Orten.» 15 Jahre lang fehlten die Ziegel über dem Gebäude-West, bei der letzten Fassaden-Renovation 1987 wurde Pavatex eingesetzt, und ebenfalls 15 Jahre lang wurde das Haus nicht mehr beheizt, da der letzte, klamme Eigentümer vor der Versteigerung von der Regio Energie nicht mehr mit Strom und Gas beliefert wurde. So sei vor allem der Westtrakt des Laubsägelihauses in einem desolaten Zustand.

Aber auch falsche Ziegel und Dachfenster schmälern für Familie Jenny die historische Substanz des Hauses auf dem 1450 Quadratmeter grossen Grundstück. «Gemäss der Solothurnischen Gebäudeversicherung dürfte vom Brandschutz her im Haus maximal eine Familie wohnen.» Und auf eine allfällige Neunutzung des in der Bauzone W3 liegenden Grundstücks angesprochen, meint der Besitzer nur: «Was ist besser, eine oder 15 Familien?»

Gespräch suchen

Einen konkreten Plan hat die Familie Jenny noch nicht, aber Interessenten für ein Tierheim oder ein Vereinsprobelokal gebe es schon. «Wir müssen uns einmal mit allen Verantwortlichen auch von der Stadt treffen», sucht sie nach einem Ausweg aus der nun zwei Jahre dauernden Patt-Situation. Denn eine Finanzierung der Alt-Liegenschaft gehe keine Bank ein.

Und immerhin habe sie auch schon Geld in die Untersuchungen, beispielsweise für das Erstellen der Grundrisspläne oder Rodungen, investiert. Die Familie Jenny ist seit rund einem Jahr in Kontakt mit der Burckhardt + Partner AG, die bereits kleinere Vorstudien entwickelt hat. Betreffend das weitere Vorgehen werde sie in den nächsten Tagen das Gespräch mit der Bauverwaltung suchen.