Im Ruhestand
«Aber wer passt jetzt auf Solothurn auf?» – Auf einem Spaziergang mit zwei ehemaligen Quartierpolizisten

Die Solothurner Quartierpolizisten Beat Zürcher und Martin Nobs sind seit kurzem pensioniert. Sie erzählen, was sie während 40 Jahren erlebt haben.

Judith Frei
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Beat Zürcher und Martin Nobs (v.l.) haben die blaue Uniform abgelegt und sind nur noch zivil unterwegs.

Beat Zürcher und Martin Nobs (v.l.) haben die blaue Uniform abgelegt und sind nur noch zivil unterwegs.

Hanspeter Bärtschi

Beide haben die Fasnachts-Solidaritäts-Plakette an ihrem Mantel befestigt und stehen auf dem Kreuzackerplatz am Kopf der Brücke. Obwohl sie Ende Dezember ihre Uniform abgegeben haben, erklärten sich Beat Zürcher und Martin Nobs bereit, einen Spaziergang durch Solothurn zu machen, um über ihre Zeit bei der Stadtpolizei zu sprechen. Denn erlebt haben sie viel: Beat Zürcher trug für 36 Jahre die Uniform, Martin Nobs für fast 40 Jahre. Jetzt, mit 63 Jahren, sind sie in den frühzeitigen Ruhestand getreten.

Während wir Richtung Hauptgasse gehen, grüssen beide hier und da Vorbeigehende. Manchen ist die Verwirrung in das Gesicht geschrieben. «So seht ihr ohne Uniform aus», meint jemand lachend. Jemand anderes fragt, wie sich der Ruhestand anfühle. «Hammer», meint Nobs und lacht entwaffnend. «Aber wer passt jetzt auf Solothurn auf?», wird gefragt.

Ansprechperson für alle Probleme

Zürcher und Nobs waren für viele Jahre Quartierpolizisten. Sie haben sich Solothurn aufgeteilt: Nobs war für die Vorstadt, die Weststadt und das Steingrubenquartier zuständig, Zürcher für die Altstadt und Schützenmatte, oft waren sie zu zweit unterwegs. «Es war uns wichtig, dass wir als Ansprechpersonen sichtbar sind und dass uns die Solothurnerinnen und Solothurner vertrauen», sagt Zürcher.

Sie hatten auch immer den Anspruch, alle gleich zu behandeln. «Für uns spielt es keine Rolle, wer vor uns steht, wir bringen allen den gleichen Respekt gegenüber», so Nobs. Das sei ihre Grundhaltung im Leben. Diese Haltung haben sie nicht geändert, als sie noch ihre Uniformen trugen.

Als Quartierpolizist ist man nicht für die Notfälle zuständig, sondern für die «kleinen» Probleme, die in einem Quartier entstehen. «Egal wie gross oder klein etwas von aussen erscheint, für die betroffene Person geht es immer um Probleme, die es verdient haben, ernst genommen zu werden», erklärt Zürcher. Ein Streit unter Nachbaren könne schnell eskalieren, sodass sich die Parteien schliesslich gegenseitig anzeigen. «Durch Gespräche konnten wir viele Anzeigen verhindern und den Streit ausserhalb des Gerichts schlichten», sagt Zürcher. Beide sind überzeugt, dass eine Anzeige in den meisten Fällen nur zu mehr Problemen führe und das ursprüngliche Problem nicht löse.

Übervolle Briefkästen als Warnung

Um Eskalationen zu verhindern, gingen sie proaktiv auf die Leute zu und versuchten Probleme unbürokratisch zu lösen. Meistens ging es um Lärmklagen oder um Littering. Oder schlicht um Menschen, die kaum ein soziales Netz haben.

Einige Male mussten sie sich Zugang zu einer Wohnung beschaffen, da beispielsweise ein Abwart sie kontaktiert hatte, weil der Briefkasten auffällig lange nicht geleert worden war. «Da konnten wir auch schon Personen helfen, die über mehrere Tage nicht mehr aus dem Bett steigen konnten», erzählt Nobs.

Beim Landhausquai grösste Veränderung spürbar

Beim Landhausquai angekommen bleiben sie in der Sonne stehen. Alle Bars sind geschlossen. «Hier beim Landhausquai haben wir die grösste Veränderung während unserer Dienstzeit erlebt», meint Zürcher. Früher gab es hier nur wenige Bars, heute ist es der Ort in Solothurn, wo man sich trifft. «Es ist viel lebendiger geworden», so Nobs.

Wieder treten mehrere Leute auf die ehemaligen Polizisten zu. Man hält einen Schwatz und macht ab, sich, sobald die Beizen wieder offen sind, zu treffen. «Für mich ist der Kontakt mit Menschen sehr wichtig», erklärt Nobs. Das hat ihn dazu bewegt, sich bei der Polizei zu bewerben, ein Bubentraum sei das nie gewesen. Zürcher geht das ähnlich. Er ist, wie Nobs auch, gelernter Maschinenzeichner. «Es ist ein Zufall, dass wir so viel gemeinsam haben», sagt Zürcher. Auch die Einstellung zur Arbeit und zu den Menschen sei ähnlich. «Wir leben das vier M-Motto: ‹Man muss Menschen mögen›», sagt Zürcher.

Ein Einbrecher in flagranti erwischt

Sie haben beide gleichzeitig das Bedürfnis gehabt aufzuhören. «Das Positive hat all die Jahre überwogen», meinen die beiden, sonst wären sie nicht so lange bei der Polizei geblieben. «Gewisse Aspekte von unserem Beruf sind aber einfacher zu tragen, wenn man jung ist», erklärt Nobs. Eine Anekdote verdeutlicht das: Die beiden hatten Patrouillendienst – welchen sie neben ihrer Aufgabe als Quartierpolizisten auch machen mussten – am frühen Morgen. Sie kontrollierten in der Altstadt, ob das Fahrverbot eingehalten wird. Da erreichte sie ein Notruf.

Ein Einbrecher sei in flagranti erwischte worden und fliehe jetzt durch die Altstadt-Gassen. Ein Anwohner stellte dem Täter nach und konnte so den zwei genau erklären, wo sich der Einbrecher befand. «Und zum Schluss ist er uns beim Märetplatz in die Arme gelaufen», so Zürcher.

Ob sie Angst gehabt haben, als sie dem Täter gegenüberstanden? «Nein, aber Respekt muss man immer haben», meint Zürcher. Man wisse nie, wie der Andere reagiert oder ob er gar eine Waffe auf sich trägt. «Die Leute sind heute erfahrungsgemäss gewaltbereiter geworden», sagt Nobs. Früher sei er noch oft allein auf Patrouille gegangen, heute mache man das kaum noch.

Die Nachfolge ist nur teilweise geklärt

Wieder beim Kreuzackerplatz angekommen schaut Nobs auf den Weissenstein: «So schön. Vielleicht gehe ich heute noch auf unseren Hausberg.» Beide haben sich schnell an die gewonnene Freizeit gewöhnt und freuen sich mehr Zeit mit der Familie, Freunden und beim Sport zu haben.

Ihre Nachfolge bei der Stadt Polizei ist nur teilweise geklärt. Erdinç Sisman wird den Posten von Nobs übernehmen, die Stelle von Zürcher ist noch nicht besetzt.