Coronavirus

«Siehst du, jetzt werde ich fast noch berühmt!»: Walter Mayr auf Mission «keimfrei» im öV

Der pensionierte Walter Mayr sorgt im Auftrag der Busbetrieb Olten Gösgen Gäu AG für desinfizierte Fahrzeuge und Billettautomaten.

Er wird derzeit nicht wenigen Passanten auffallen am Oltner Bahnhof: Der Mann in der gelben Weste, der sich agil der Busse an der Haltekante und der Billettautomaten annimmt und dabei erstaunlich jugendlich wirkt. Trotz grauem Haarschopf. «Siehst du, jetzt werde ich fast noch berühmt», sagt er zu einem wartenden Buschauffeur, des Zeitungsinterviews wegen. «Einfach ein bisschen spät halt.» Er lächelt und meint dann fast auffordernd: «Meine Mutter hat immer gesagt: Wir haben kein Glück im Spiel; wir müssen arbeiten.» Also faltet Walter Mayr das Haushaltpapier zu einem handlichen Mehrlagenbündel und besprüht dann Handläufe, Haltestangen und Druckknöpfe der angekommenen Fahrzeuge mit Desinfektionsmittel.

Mission «keimfrei» für die Fahrgastsicherheit

Mayr ist im Auftrag der Busbetrieb Olten Gösgen Gäu AG (BOGG) unterwegs. Seine weiteren Erkennungsmerkmale sind eindeutig, und das seit gut sieben Wochen: roter Einkaufskorb, belegt mit Haushaltpapier, Sprühflasche, Desinfektionsmittel, Handschuhen, Gesichtsmaske. Später reibt er die besprühten Stellen trocken und schaut auf. «Ich entsinne mich, mal 100 Lose an einer Tombola gekauft zu haben. 100 Lose? Mayr lächelt. «Ich habe mich in all den Jahren immer ein bisschen im Grenzbereich bewegt», erklärt er dann und fährt fort: «Wissen Sie, was ich damals gewann?» Er macht eine Pause. Dann hebt er an: «Eine zerbrochene Schallplatte.»

«Die Arbeit hier ist keine Hexerei», sagt der 68-Jährige. Vor einem guten Jahr hat der Ruheständler aus Balsthal eine Teilzeitbeschäftigung bei der BOGG angenommen. Als Wagenwart. «Irgendwann bis du wirklich weit genug gewandert», meint er noch zu seinem einstigen Ruhestand. Deshalb habe er den teilweise aufgegeben. Das Geld könne er brauchen und die Arbeit würde ihm guttun. «Ich bin ja gesund.» Er wirkt wie ein Spitzbub, ein Schlingel. Denn wenn er so redet, tritt Schalk in seine Augen. «Ich war sicher ein Schlingel», sagt er dann. «Aber kein bösartiger.» Vielleicht einer mit Charme? «Ja, könnte man so sagen», meint er zustimmend und wirft die zusammengeknüllten Papierlappen in den Abfalleimer.

Zweimal war der Mann mit Baselbieter Hintergrund verheiratet; beide Male ging die Sache schief. «Eigenartig: Eigentlich war die Familie immer mein Ding», sinniert er. Mayrs Mutter war seinerzeit aus Südtirol eingewandert. «Es hat mich nie interessiert, wer mein Vater war», sagt Mayr, selbst sechsfacher Vater.

Aber zurück zum Beruf: Zum Amt des Wagenwarts kam etwas später seine aktuelle Aufgabe im Zeichen der Corona-Pandemie hinzu. Mayr ist jetzt so etwas wie der Chef-Desinfektor beim Busbetrieb. Zweimal täglich reinigt er die Kontaktstellen der wartenden Fahrzeuge am Bahnhof. «Da bleibt nicht viel Zeit», sagt er und notiert die Busnummer des eben behandelten Fahrzeuges. «Zu Kontrollzwecken», schiebt er hinterher. Ordnung müsse sein. Später macht sich der Senior auch an den Billettautomaten auf dem Streckennetz nützlich. Sechsmal die ­Woche.

Eigentlich wollte Walter Mayr mal hinaus in die Welt, lernte Metzger, von der Pike auf. Dann folgte eine Kochlehre. «Die hab’ ich abgebrochen, war nicht so mein Ding», sagt er bestimmt. Die Idee des Schiffskochs, so etwas wie die berufliche Traumvorstellung von Sesshaften mit Vorwärtsdrang, war dahin. Mayr lacht. Er startete seine berufliche Laufbahn als Verkaufsfahrer für Coca-Cola, machte die Lastwagenprüfung, die Rekrutenschule, arbeitete dann wieder für den Getränkeriesen, machte später die Taxiprüfung und fuhr an Wochenenden oder abends noch Taxi.

Dann wechselte er in die Chemiebranche, machte als längst Erwachsener noch eine Lehre als Chemikant, während er als Schichtarbeiter in Schweizerhalle beschäftigt war. Später ging er zur Roche bis zur Pensionierung. Wie hatte die Mutter damals gesagt: «Wir haben kein Glück im Spiel; wir müssen arbeiten.» Und was sagt Sohn Walter? «Hinsichtlich Arbeit war ich ein Glückspilz.» Er hält inne. Und sonst? «Im Übrigen bin ich ein Stehaufmännchen.»

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