«Solothurner Superlative»
Der längste Fussballmatch mit Solothurner Beteiligung: Als ein Spiel 330 Minuten dauerte

Der FC Grenchen lieferte sich vor über 70 Jahren eine Partie der Extraklasse. Sie ging als «ewiger Final» in die Geschichte ein.

Sven Altermatt
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Am 29. März 1948 trafen La Chaux-de-Fonds (helle Trikots) und Grenchen im Berner Wankdorf erstmals aufeinander. Es war die erste von drei Finalpartien.

Am 29. März 1948 trafen La Chaux-de-Fonds (helle Trikots) und Grenchen im Berner Wankdorf erstmals aufeinander. Es war die erste von drei Finalpartien.

Getty/Ullstein Bild

Solche Einsichten sind ja schön und recht: «Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten», philosophierte die deutsche Trainerlegende Sepp Herberger. Was aber wäre der Fussball ohne Nachspielzeit? Im Kanton Solothurn weiss man das aus eigener, aus leidvoller Erfahrung.

1948 stand der FC Grenchen zum zweiten Mal im Final des Schweizer Cups. Gegen den Titelverteidiger FC La Chaux-de-Fonds gingen die Uhrenstädter, damals noch in der Nationalliga A, zwar als Verlierer vom Platz. Doch ehe der Sieger feststand, mussten drei Spiele ausgetragen werden. Gesamtergebnis nach 330 Spielminuten: 8:4.

Serie «Solothurner Superlative»

Diese Serie geht Superlativen aus dem Kanton Solothurn auf den Grund. Sie erzählt von Errungenschaften, die einfach unschlagbar sind: von Höchstleistungen, deren Strahlkraft weit über die Region hinausreicht. Von bahnbrechenden Erfindungen, die anfangs klein und unbedeutend schienen, bald aber das Leben vieler Leute geprägt haben. Von weissen Flecken auf der Landkarte, von verblüffenden Kuriositäten und beeindruckenden Rekorden. Aber auch von Persönlichkeiten mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten. (sva)

Das Spiel ging als längstes Pokalfinal in die Fussballannalen des Landes ein. Und man liegt nicht daneben, wenn man den «ewigen Final» als verrücktestes Fussballspiel bezeichnet, das jemals mit Solothurner Beteiligung ausgetragen worden ist. Penaltyschiessen nach Verlängerung war damals, vor bald 75 Jahren, noch nicht vorgesehen. Bei K.-o.-Wettbewerben wurde ein Duell solange wiederholt, bis eine Mannschaft als Gewinner hervorging.

Bern, 29. März, 15 Uhr. Der Himmel wolkenlos, das Thermometer zeigte angenehme 14 Grad. 32’000 Zuschauer fanden den Weg ins Stadion Wankdorf. La Chaux-de-Fonds ging zweimal in Führung, doch Joseph Courtat und Harry Bohren konnten für die Grenchner jeweils ausgleichen. Auch nach Verlängerung stand es 2:2.

Gespielt wurde über Monate

Also wurde ein Wiederholungsspiel angesetzt. Drei Wochen später, am 18. April, trafen die beiden Mannschaften im Wankdorf erneut aufeinander. Diesmal liefen sie immerhin noch vor 19’000 Zuschauern auf. Courtat schoss kurz vor dem Ende der ersten Hälfte den Führungstreffer für die Grenchner. Nach der Pause kassierte die Mannschaft zwei schnelle Gegentore, bis ihr «Knipser» Josef Righetti sie in der 78. Minute zurück ins Spiel brachte. Wieder fand die Partie keinen Sieger, wieder blieb es beim 2:2 nach Verlängerung. 240 Minuten waren unterdessen gespielt.

Nun wurde es kompliziert. Denn nebenher lief der Ligabetrieb auf Hochtouren. Wegen terminlichen Schwierigkeiten beim Verband und den Klubs konnte das zweite Wiederholungsspiel erst am 27. Juni angesetzt werden; fast drei Monate nach der ersten Partie.

Diesmal mussten die Mannschaften ins Olympiastadion La Pontaise in Lausanne ausweichen. Die Partie war kein Gassenfeger mehr, nur noch 12’000 Zuschauer kamen. «Ein sattgrüner Rasen und eine Gluthitze bildeten den äusseren Rahmen für diese dritte Finalbegegnung», notierte der NZZ-Berichterstatter. Die lange Saison mit all den Extraminuten zehrte allmählich an den Kräften der Profis.

In der 20. Minute erzielte La Chaux-de-Fonds das 1:0, die wackeren Grenchner kämpften sich jedoch immer wieder heran. Mehrfach lag den Ausgleich in der Luft. Aber dann kassierten sie zwischen der 73. und 79. Spielminute drei Gegentreffer – und der 24. Schweizer Cup wurde doch noch auf dem Rasen entschieden.

Ohne Grenchen gäbe es kein Penaltyschiessen

Erst 1984 wurde das Regelwerk in der Schweiz geändert. Seither entscheidet bei Remis nach Verlängerung das Penaltyschiessen über Sieg oder Niederlage. Es ist die grosse Ironie des «ewigen Finals» von 1948, dass die Stadt Grenchen später eine wichtige Rolle in der Geschichte dieser Entscheidungsform spielen sollte.

Wie viele grosse Erfindungen hat auch das Penaltyschiessen mehrere Schöpfer, und es ist vornehmlich eine Frage des Lokalstolzes, welchem davon die meiste Ehre gebührt. Klar ist: Der Weltverband Fifa führte das Penaltyschiessen 1970 offiziell ein. Aber bereits zuvor wurde die Variante in verschiedenen Wettbewerben ausgetestet – auch am Grenchner Uhrencup.

Das Stadion Brühl war ab 1962 der Austragungsort des Uhrencups. Das Turnier sah von Anfang an ein Penaltyschiessen im Reglement vor.

Das Stadion Brühl war ab 1962 der Austragungsort des Uhrencups. Das Turnier sah von Anfang an ein Penaltyschiessen im Reglement vor.

Oliver Menge

Das Vorbereitungsturnier wurde 1962 erstmals durchgeführt. Es soll damals der erste internationale Fussballanlass gewesen sein, der ein Penaltyschiessen im Reglement vorsah. Die Idee dazu hatte die FC-Grenchen-Legende Kurt Weissbrodt, einer der Mitgründer des Turniers.

In der Fussballwelt wird allerdings meist nur der deutsche Schiedsrichter Karl Wald als Erfinder des Penaltyschiessens angeführt. Tatsächlich war er es, der dem Modus von Bayern aus zum internationalen Durchbruch verhalf. Aber der alleinige Urheber? Weissbrodt wollte das nie auf sich sitzen lassen. Erbost liess er sich einmal im «Grenchner Tagblatt» zitieren:

«Das ist ein Witz und eine Frechheit. Wir waren die Ersten!»

Der FC Grenchen seinerseits holte sich 1959 dann doch noch den Cupsieg. Es war der grösste Erfolg der Klubgeschichte.

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