Schiesssport

Olympia ohne Weltrekordhalter? Lochbihler bangt um seine zweite Olympia-Qualifikation

Im Schützenhaus im Balsthaler Moos, wo seine Karriere als Schütze angefangen hat, sei er leider viel zu selten, sagt Jan Lochbihler. Bild: Patrick Lüthy (Balsthal, 2. Oktober 2019)

Im Schützenhaus im Balsthaler Moos, wo seine Karriere als Schütze angefangen hat, sei er leider viel zu selten, sagt Jan Lochbihler. Bild: Patrick Lüthy (Balsthal, 2. Oktober 2019)

Der 27-jährige Holderbanker Jan Lochbihler kämpft um Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio 2020. Eine belastende Situation, denn der Profischütze konnte bisher trotz guter Saisonleistung und aufgestelltem Weltrekord noch kein Quotenplatz ergattern.

«Es ist eine doofe und auch belastende Situation», beschreibt Jan Lochbihler seine Gemütslage. «Ich weiss, dass ich es auf dem Kasten habe, und trotzdem ist das Ticket für Olympia noch nicht da.» Er glaube fest daran, dass er im nächsten Jahr in Tokio, nach Rio de Janeiro 2016, zum zweiten Mal Olympische Spiele aktiv miterlebt.

In Brasilien hatte er sich Platz 14 im Liegendmatch und Platz 30 in der Dreistellung gesichert. «Ich muss damit rechnen, dass es diesmal nicht klappt», sagt er.

Wir treffen Jan Lochbihler am Mittwochmorgen im Schützenhaus in Balsthal. Er wirkt müde, lacht aber freundlich, als er aus dem Auto steigt, das ihm vom Sponsor zur Verfügung gestellt wird.

Aus dem Kofferraum hievt er zwei Rucksäcke und die Tasche mit der «Black Pearl», seinem Gewehr. Vollbepackt öffnet er den Gästen die Tür zu einem für ihn bedeutungsvollen Ort. «Hier hat alles angefangen», sagt er und präsentiert stolz etliche Medaillen, Pokale und Startnummern, die an den Wänden hängen oder in Vitrinen ausgestellt sind. Fast alle stammen von ihm.

Jan Lochbihler gewann im September bei der EM in Italien sechs Medaillen.

Jan Lochbihler gewann im September bei der EM in Italien sechs Medaillen.

Seit etwas mehr als zwei Jahren in Magglingen

Für Lochbihler hat gerade sein drittes von vier Jahren als Profischütze begonnen. Den Umzug nach Magglingen ins Nationale Leistungszentrum vor zwei Jahren beschreibt er rückblickend als «komisch».

Nach der Ausbildung zum Bodenleger habe er zuerst das Pensum auf achtzig Prozent reduziert, um mehr trainieren zu können, und dann vom Verband die Chance erhalten, einer der ersten Profischützen zu werden. «Für mich war das am Anfang nicht vorstellbar, in einer Randsportart Vollprofi zu werden. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie.»

Weil er es gewohnt war, anzupacken, habe er es denn auch übertrieben im ersten Halbjahr. «Geil, ich kann in Magglingen endlich den ganzen Tag unter perfekten Bedingungen trainieren», dachte er, kostete es voll aus und verbrachte sehr viel, ja zu viel, Zeit im Schiessstand. «Ich wollte denselben Rhythmus durchziehen wie im vorherigen Berufsleben.»

Bald merkte er, dass es nichts bringt, acht bis neun Stunden pro Tag zu trainieren, und dass die Qualität der Trainings wichtiger ist als die Menge. Das Thema Regeneration bereitet ihm bis heute Mühe. Er werde ungeduldig, wenn er ein paar Tage nicht trainiere: «Ich muss mich richtig zwingen, genug Zeit für die Erholung einzuplanen.»

Das Ende einer äusserst kräftezehrenden Saison

Das laufende Jahr war besonders anstrengend. Seit Februar stand jeden Monat ein Grossanlass in der Agenda – in China, Indien oder auch Brasilien. Das Herumreisen empfindet er immer noch als interessant und als Privileg.

Doch es gehe auch an die Substanz, wie die Wettkämpfe selbst. Daher fühle er sich im Moment mental etwas erschöpft. «Lange Reisen, den Jetlag bewältigen, Spannung für den Wettkampf aufbauen, dem Druck standhalten und die Leistung abrufen», veranschaulicht er. «Zwischendurch bekommst du mal eins auf den Deckel. Dann heisst es wieder trainieren und auf den nächsten Wettkampf fokussieren.»

Zuletzt stand Ende September die EM in Italien an. Lochbihler kehrte mit sechs Medaillen im Gepäck zurück. Trotzdem ist der Holderbanker nicht zufrieden: «Mit dem Team lieferten wir eine sensationelle Leistung ab inklusive Schweizer Rekord im Dreistellungsmatch 300 m.» Je eine goldene und eine silberne sowie drei bronzene Medaillen, dies die Ausbeute mit dem Team. «Da konnte ich sicher viel dazu beisteuern», so Lochbihler.

Trotz sechs Medaillen ist Lochbihler mit seiner Einzelleistung nicht zufrieden.

Trotz sechs Medaillen ist Lochbihler mit seiner Einzelleistung nicht zufrieden.

In 2 Stunden und 35 Minuten zum Weltrekord

Das Aber liegt förmlich in der Luft. Er atmet tief durch und seufzt: «Mit der Einzelleistung bin ich gar nicht zufrieden. Die war nicht im olympischen Bereich.» Nur im Liegendmatch über 300 m reichte es zu einer Bronzemedaille.

Er wollte viel mehr, wie er selbst sagt. «Psychisch war ich leider nicht auf dem Level, auf dem ich hätte sein sollen», begründet er und mutmasst, dass es immer noch mit dem Weltrekord zusammenhänge, den er drei Wochen davor beim Weltcup in Brasilien geschossen hat.

Dieser wurde zwischen 1992 und 2018 von einem Slowenen gehalten – ab 2014 mit einem Russen zusammen. Im vergangenen Jahr unterboten gleich zwei Athleten den Rekord, der jetzt Lochbihler gehört. «Einen Weltrekord zu erzielen, war natürlich geil, doch es hat mich emotional auch richtig aufgewühlt. Ich hatte bislang gar nicht die Zeit, den Erfolg auf mich wirken zu lassen und einzuordnen.» Weil ein Wettkampf den nächsten jagt. «Es stresst mich, dass ich die Wettkämpfe zu wenig rekapitulieren kann.»

Aufgestellt hat Lochbihler den Rekord im Dreistellungsmatch 50 m. Etwas mehr als zweieinhalb Stunden brauchte er für 120 Schüsse. Weder vor noch während des Wettkampfs habe er indes das Gefühl gehabt, dass er gerade Historisches leiste: «Der Kniend- und der Liegend-Teil waren nicht der Hit.»

Es folgten 395 Punkte stehend. «Das war grandios. So etwas habe ich noch nie gesehen», so Lochbihler, der seit einem Jahr im Regionalen Leistungszentrum in Biel als Nachwuchs-Trainer angestellt ist.

Jan Lochbihler durfte bereits bei den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen.

Jan Lochbihler durfte bereits bei den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen.

Militärweltspiele in China und dann endlich Ferien

Auch die Vor-Quali tags darauf lief gut; er zog in den Final der besten acht ein. Doch dort verpasste er das Olympia-Ticket als Sechster hauchdünn. «Aber das kommt noch», bleibt er zuversichtlich. Schliesslich bieten sich ihm noch ein paar Gelegenheiten, den Quotenplatz zu holen.

Etwa beim internationalen Wettkampf im Frühjahr in Tschechien. Oder über die Weltrangliste, in der er aktuell um den 13. Platz herum aufgeführt ist. «Auf die Weltrangliste verlassen kann ich mich nicht», sagt er aber, «denn dort kann es noch zu vielen Verschiebungen kommen.»

Eine weitere Option ist der Goodwill des IOC. Das Internationale Olympische Komitee könnte entscheiden, dass ein Weltrekordhalter schlicht dabei sein muss bei Olympia. «Aber auch darauf kann ich nicht setzen», sagt er.

Um auf Nummer sicher zu gehen, braucht er gute Resultate. «Es wäre tragisch, wenn es nach einer super Saison mit Weltrekord nicht reichen würde.»

Jan Lochbihler kann bereits auf eine tolle Saison zurückblicken.

Jan Lochbihler kann bereits auf eine tolle Saison zurückblicken.

Bevor er sich wieder der Olympia-Quali widmet, wartet in der zweiten Oktober-Hälfte die nächste Reise nach China, wo die Militärweltspiele über die Bühne gehen – als Zeitmilitär ist er beim VBS angestellt.

Im November und Dezember sind dann endlich Ferien angesagt. Sechs Wochen hat ihm der Trainer verordnet. «Ich überlege mir jetzt schon, was ich in dieser Zeit machen soll», ist Lochbihler etwas skeptisch. Zum Planen einer Reise fehlte ihm die Zeit. Wobei ihm ein klares Ziel vorschwebt: «Afrika fehlt mir noch. Eine Safari zu machen, würde mich reizen.»

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