Olten/Cochabamba

Zwischen Blockaden und Bürokratie: Oltner unterstützt Kinderhilfswerk in Bolivien

Emile Stricker (Mitte) im Gespräch mit Quartierbewohnern und World-Vision-Mitarbeitern zum neusten Projekt, das Landlosen neben ihrem Haus erlaubt, in Hydrokultur Salat zu produzieren, um die Ernährung ihrer Kinder und ihr Einkommen aufzubessern.

Emile Stricker (Mitte) im Gespräch mit Quartierbewohnern und World-Vision-Mitarbeitern zum neusten Projekt, das Landlosen neben ihrem Haus erlaubt, in Hydrokultur Salat zu produzieren, um die Ernährung ihrer Kinder und ihr Einkommen aufzubessern.

Der Oltner Emile Stricker ist für das Kinderhilfswerk World Vision ein Vierteljahr in Bolivien unterwegs. Hier berichtet der 61-jährige vom Projekt, der Arbeit und dem Leben in Cochabamba und den Schwierigkeiten des Alltags.

Schon mehrmals in den letzten vier Jahren war ich als World-Vision-Projektverantwortlicher für die südamerikanischen Entwicklungsprogramme in Bolivien auf Besuch. Diese beschränkten sich jedoch immer auf einen zweiwöchigen Aufenthalt.

Mit dem Vierteljahr von Januar bis April hoffe ich, nun ganz in den bolivianischen Alltag eintauchen zu können. Ich möchte viel Zeit in den Projektgebieten verbringen, Familien und Dörfer besuchen, ihre Sorgen und Hoffnungen besser verstehen und beitragen, dass die Programme des Kinderhilfswerks noch mehr Nutzen stiften.

Natürlich fühle ich auch Unsicherheit: Was von all dem werde ich erreichen können? Welche Hindernisse werden sich mir allenfalls in den Weg stellen? Werde ich Geduld verlieren, über Missverständnisse stolpern oder gar ein wenig zum Bolivianer werden?

«Bloqueo» bringt Stadt zum Stillstand

Mein erster Arbeitstag vor rund zwei Monaten wurde schon mal Opfer einer politischen Aktion gegen das von der Regierung ausgearbeitete neue Strafrecht. Ganz Cochabamba – immerhin mit 630'000 Einwohnern die viertgrösste Stadt des Landes – wurde an jenem Dienstag mit einem «Bloqueo» zum Stillstand gebracht. Autos und Busse kamen überhaupt nicht in die Stadt hinein, denn die Chauffeure und Taxifahrer blockierten die grossen Strassenkreuzungen.

Emile Stricker im Gespräch mit Quartierbewohnerinnen und World Vision Mitarbeitern zu einem Projekt, das Landlosen in einem kleinen Stall neben ihrem Haus erlaubt, Kleintiere zu züchten, um die Ernährung ihrer Kinder und ihr Einkommen aufzubessern.

Emile Stricker im Gespräch mit Quartierbewohnerinnen und World Vision Mitarbeitern zu einem Projekt, das Landlosen in einem kleinen Stall neben ihrem Haus erlaubt, Kleintiere zu züchten, um die Ernährung ihrer Kinder und ihr Einkommen aufzubessern.

Die Gewerbetreibenden liessen ihre Geschäfte geschlossen. Die kleinen Kreuzungen in den Quartieren nahm die Bevölkerung in Besitz und liess mit ihren Absperrbändern, Schachteln und Wohnungsmobiliar nicht einmal den Motorradfahrern ein Durchkommen. Derartige Blockaden sind eine oft genutzte Form des politischen Protests in Bolivien und sind ein wirksames Mittel, das schon der jetzige Präsident Evo Morales rege einsetzte, bevor er an die Macht kam.

Weniger Mitarbeiter in Bolivien

Nach jenem autofreien Tag, als niemand das World-Vision-Büro erreichen konnte, begann meine Arbeit. Von meinen neuen Kolleginnen und Kollegen bin ich sehr herzlich aufgenommen und voll integriert worden – alle Türen stehen mir offen. Ich wurde bereits eingeladen ans Monatsmeeting des Nationalen Leitungsgremium in der Hauptstadt La Paz, als wäre ich ordentliches Mitglied der Geschäftsleitung.

Bolivien hat in den letzten gut zehn Jahren wirtschaftlich stark aufgeholt. Dadurch reduzieren die internationalen Geldgeber ihre Beiträge. Private Spender weltweit geben afrikanischen Ländern höhere Priorität, obwohl nur ein Teil der Bevölkerung vom wirtschaftlichen Aufschwung Boliviens profitiert. Das hat Auswirkungen: Die Zahl der Angestellten der lokalen World-Vision-Organisation in Bolivien hat sich den letzten drei Jahren von 600 auf 400 verringert.

Doch immer noch ist sie das Kinderhilfswerk mit dem grössten Budget in Bolivien – auch dank den Kinderpatenschaften aus der Schweiz. Um die Programme in möglichst vielen Dörfern weiterzuführen, laufen enorme Anstrengungen zur Effizienzverbesserung. Es gibt etwa eine neue Software, durch die Schulmaterial zentral eingekauft wird, um so günstigere Preise aushandeln zu können.

Aber auch in Bolivien selbst wird Fundraising betrieben: Die Banco Nacional de Bolivia, eine der grössten Banken des Landes, finanziert mehrjährige Wasser-Projekte von World Vision mit jährlich 200'000 US Dollar. «Eine enge Zusammenarbeit von World Vision in Bolivien und der Schweiz ist heute wichtiger denn je», sagt Alberto Mosquera, der nationale Direktor des Kinderhilfswerks, und verspricht sich viel von meiner Anwesenheit.

Hektik wegen Zeitunterschied

Für die Dauer meines Aufenthalts in Cochabamba habe ich eine möblierte Kleinwohnung unweit des Büros bezogen, mit wohltuendem Blick auf die Berge. Die fünf Stunden Zeitunterschied bringen eine gewisse Hektik in meinen Alltag: Wenn ich mich in meiner Wohnung um halb sieben an den Computer setze, finde ich täglich neue Anfragen und Wünsche von meinem Schweizer-Büro.

Was ich nicht bis zwölf Uhr bearbeiten kann, wird ihnen erst am folgenden Tag zur Verfügung stehen. Um halb neun stosse ich im Büro zur Kaffeerunde mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Im Laufe des Morgens treffen meist auch noch Anfragen aus meinen anderen Projektländern in Lateinamerika ein. Ich habe grosse Freiheit in der Gestaltung meiner Zeit.

Unterwegs in La Paz in der CWA-Kabine aus Olten.

Unterwegs in La Paz in der CWA-Kabine aus Olten.

Daher benutze ich jede Gelegenheit, um bei der Programmarbeit dabei zu sein, besuche Patenkinder, nehme an einer Schulung zu Kinderschutz teil, begleite zwei Jugendliche aus unserem Programm an die Sitzung der Jugendkommission von Cochabamba, koordiniere mit Behindertenorganisationen oder besuche das Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes in La Paz. Abends und am Wochenende geniesse ich die vielen kulturellen Angebote der Stadt.

Schweizer Pate mit Sonderspende

Vor kurzem begleitete ich Mitarbeiter des Programms in einem Aussenquartier von Cochabamba. Ein Schweizer Pate hatte eine Sonderspende für dringende Bedürfnisse im Projektgebiet gemacht. Stellvertretend für den Paten sollte ich unter anderem einer Familie mit zwei Kindern Schulmaterial übergeben, bei der es sich um einen Härtefall handelt.

Die Mutter (30) wurde vor einem Jahr als Passagierin bei einem Busunfall schwer verletzt. Sie konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen, nicht mehr selber essen, nicht mal ihre eigenen Kinder kannte sie noch. Nach langem Spitalaufenthalt und Therapien haben sich verschiedene Fähigkeiten wieder eingestellt.

Der Vater kämpft mit grossem Einsatz für das Einkommen der Familie. Er sucht als Bauarbeiter ohne Festanstellung im ganzen Land nach Arbeit und kommt nur jedes zweite Wochenende nach Hause. Für Mutter und Kinder bedeuteten Hefte und Stifte offensichtlich eine Ermutigung in ihren Schwierigkeiten.

Sonderspende für Härtefälle: Übergabe von Ergänzungsnahrung an David (8), der an Leukemie erkrankt ist. Im Hintergrund Vater Christobal und World Vision Mitarbeiterin Sofia.

Sonderspende für Härtefälle: Übergabe von Ergänzungsnahrung an David (8), der an Leukemie erkrankt ist. Im Hintergrund Vater Christobal und World Vision Mitarbeiterin Sofia.

Einerseits werden einzelne Kinder und Familien in schwierigen Situationen unterstützt. Andererseits geht World Vision heikle Themen wie Gewalt gegenüber Kindern an, organisiert Kinderschutzkomitees und Kindergruppen. Auch die 11-jährige Tochter der Familie besucht zweimal monatlich ein solches Programm, wo sie mit weiteren 25 Kindern spielt und Wichtiges über Kinderrechte und Werte wie Solidarität, Toleranz und Friedenskultur lernt sowie Stärke, um sich vor Übergriffen von Erwachsenen besser schützen zu können.

Busse wegen abgelaufenem Visum

In den ersten beiden Monaten in Bolivien bin in sehr viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet. Mit meinem nach 30 Tagen abgelaufenen Visum begab ich mich pünktlich zum Migrationsbüro, um eine Verlängerung zu beantragen.

Unerwarteterweise konfrontierte mich ein Beamter jedoch mit dem Bescheid, dass ich das Gesetz übertreten habe. Denn da der Januar 31 Tage zähle, hätte ich mich einen Tag zu spät gemeldet und müsste eine Busse bezahlen. Typ des Vergehens gemäss Busszettel: schwerwiegend. Kosten: umgerechnet vier Franken.

* Emile Stricker (61) aus Olten ist beim Kinderhilfswerk World Vision Schweiz seit 2013 verantwortlich für die Entwicklungsprogramme in Lateinamerika. Zuvor sammelte der Master in Nonprofit-Management während rund 30 Jahren in verschiedenen Funktionen Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit. Von Januar bis April 2018 ist er in Cochabamba in Bolivien stationiert.

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