Olten
Zwei Verliebte, Oldies und gute Laune

Eine Sternstunde des Theaters mit Katharina Thalbach, Andreja Schneider und Hits aus den Sechzigern

Peter Kaufmann
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Joachim und Loreley, gegeben von Katharina Thalbach (l.) und Andreja Schneider.

Joachim und Loreley, gegeben von Katharina Thalbach (l.) und Andreja Schneider.

HR.Aeschbacher

Er ist ein Rüpel, ein Verlierer auch, der mit dem Leben abgeschlossen hat, wie es der Seilstrick in seiner Hand beweist: In dieser anspruchsvollen Hosenrolle brillierte die Berliner Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach als grummelnder Joachim, der mit dem Leben hadert, seine schlechten Gefühle mit billigem Schnaps wegtrinken möchte und wehleidig seiner grossen Liebe, einem Binnenflussmatrosen, nachtrauert. Aber aufgepasst: Der depressive, o-beinige Kotzbrocken hat, wenn er will, unglaublich viel Charme und bringt einem ob seiner skurrilen Einfälle und seiner schrägen Weltsicht immer wieder zum Lachen mit unerwarteten Einfällen und geradezu chaplinesker Clownerie.

Kult-Musikrevue aus Berlin

Doch es sind, wie es der Titel der Kult-Musikrevue aus der Berliner «Bar jeder Vernunft» verspricht, sogar «Zwei auf einer Bank»: Die lebenslustige, unbekümmerte, liebenswerte Loreley – Uäähh stöhnt Joachim – taucht auf und hält den depressiven Tolpatsch frohgemut und unbekümmert aller Quengeleien davon ab, sich von der grünen Parkbank in den Tod zu stürzen. Und siehe da: Plötzlich trillieren die Vögel in den Zweigen und Ästen der Bäume, welche die Parkbank überdachen. «Ich kann net bügeln» verrät zwar Andreja Schneider – das «Fräulein Schneider» des Comedy-Trios Geschwister Pfister –, aber singen kann diese Loreley, zur Not auch tanzen und im Dunkeln küssen und sowieso macht sie «alles mit den Beinen». Und schon ist es zusammen: Ein Liebespaar, das sich finden muss und denn auch nach mehr als einem Dutzend weiteren Hits, Liedern, Oldies, Schlagernsowie zwei besinnlicheren Zugaben in einem wunderschönen Happy End zusammenfindet.

Begleitband der Sonderklasse

In kurzen, prägnanten Zwischentexten voller Kalauer und schneller Wortspiele, mit mehr oder minder klugen Witzen und viel Ironie wurde die Handlung rasant vorangetrieben und schnell von einem Musiktitel zum andern übergeleitet. Ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen: Was macht jemand, dem das Gefühl für Ironie abgeht, mit diesem Textangebot? Ihm bleibt die Musik. Mit dem Chanson «Illusionen» von Udo Jürgens packte Andreja Schneider gleich nach der Pause, und ebenso hinreissend sehnte sich Katharina Thalbach nach der Tuba (Udo Lindenberg). Aber auch Evergreens wie «Ich küsse ihre Hand, Madame», Lehárs «Lippen schweigen» oder das Aznavour-Chanson «Du lässt dich gehen» passten zum Geschehen und zur sich weiter entwickelnden Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen. Den beiden wunderbaren Interpretinnen stand eine der besten Begleitbands zur Seite, die überhaupt je in Olten zu hören war: Unter der Leitung des Arrangeurs und Pianisten Christoph Israel musizierten eine Harfenistin (Alice Soria-Cadoret) und vier weitere Musiker, die alle auch den Part der Background-Vokalisten übernahmen, wenn es nötig war.

«Zwei auf einer Bank» war ein Theaterereignis der Sonderklasse, ein Höhepunkt der Oltner Theatersaison: Seit 2008 ist dieses einzigartige Liederprogramm unterwegs. Wohl dem, der genügend Papiertaschentücher bei sich hatte: Die beiden Clownfiguren aus dem Alltag einer Grossstadt rührten zu Tränen, oft wusste man nicht, sollte man weinen oder lachen. Wer nicht mit dabei war, hat eine Sternstunde des internationalen Theaterlebens verpasst.