Olten
Zwei Stunden bekömmliche Eisenbahngeschichte genossen

Depotführung und Fitnessfahrten für Eisenbahnfreude und währschafte Eisenbahnveteranen: das war das Programm vom Team 10439, welches im Auftrag von SBB Historic Kulturgut der Bahn in Schuss hält.

Urs Huber
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1. Klasse Raucher-Abteil aus den 1930er Jahren. Nicht nur die Beinfreiheit war epochal grosszügig.

1. Klasse Raucher-Abteil aus den 1930er Jahren. Nicht nur die Beinfreiheit war epochal grosszügig.

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Wenn das Team 10439 zu Depotführung und Fitnessfahrten nach Olten ruft, dann kommen sie, die Eisenbahnfreunde. Ein knappes Dutzend von ihnen wollte am Samstag beim Spaziergang durch historische Wagen, Führerstände oder Triebfahrzeuge dabei sein, wagten den Blick in den Maschinenraum einer Ae 6/6, (der Gotthardlok schlechthin) und fuhren dem legendären «Roten Pfeil» (Baujahr 1935; Höchstgeschwindigkeit 125 km/h) mit der Hand über die Aussenhaut. So etwas wie der wohlige Schauer strich dabei über die Schultern der Eisenbahnfreunde.

Das eigentliche Prunkstück im Depot ist die Ae 3/6 II, eine Lok mit Geburtsjahr 1924, die dem Team 10439 zu seinem Namen verhalf. «Die Seriennummer wars», verrät Ralph Kessler, Präsident des Teams, der die reine Männergesellschaft innert knapp zweier Stunden durchs Depot führte und interessante Details lieferte. Unerwähnt blieb allerdings, dass die Ae 3/6 II beim Lokpersonal den Übernahmen «Gumpesel» verabreicht bekam, wegen der «ruckartigen Anfahrerei», wie Insider wissen wollen. Item, das Stück ist ein regelrechter Solitär. In Olten findet sich das letzte Exemplar dieser Baureihe.

Was im ersten Moment vielleicht wenig spektakulär erscheinen mag, ist der Spaziergang durch historische Eisenbahnwaggons. Aber hoppla: Die Einsicht, dass im 1.-Klass-Abteil aus den 1930er Jahren epochal grosszügige Raumverhältnisse vorherrschten und die heutigen – im Vergleich dazu – als «Nasenwasser» abgetan werden können, lässt doch aufhorchen.

Schon fast feudal mutet das Interieur an und selbst in der dritten Klasse, die, so Kessler, «Mitte der 1950er Jahre verschwand», sitzt es sich keineswegs unbequem. Dass in breiten Bevölkerungskreisen der Wunsch nach dem besonderen Etwas noch immer stark verbreitet ist, merke man im Übrigen daran, dass die Waggons immer wieder für besondere Fahrten reserviert würden, weiss Kessler.

Der Weg durchs Depot führt auch an Waggons der Spanisch-Brötli-Bahn vorbei, beziehungsweise an deren Nachbau. Die Urfassung verkehrte 1847 als erste Bahn ganz auf Schweizer Boden zwischen Baden und Zürich. An der einen Holzplanke des offenen Personenwaggons prangt – ein Verbotsschild. Darauf steht zu lesen: «Da das Hinausliegen aus dem Wagen so wie das Heraushängen mit grosser Gefahr verbunden ist, so wird beides ernstlich untersagt. Ebenso ist das Anlehnen gegen die Thüre und der Aufenthalt auf den Treppen der Wagen strenge verboten.» Und handschriftlich ist die Notiz ergänzt mit: «Das Hochheben von Spazierstöcken und Regenschirmen ist lebensgefährlich.»

Weiter geht die Depotreise zur TEE-Komposition, die quasi als Letzte ihres Standes gebrauchsfertig rumsteht. 1961 gingen die Kompositionen, die ausschliesslich erste Klasse anboten, in Betrieb und sollten über 25 Jahre ihren Dienst versehen. «Im September 1988 verkehrte der letzte TEE zwischen Zürich und Mailand», sagt Kessler. Am Ende der Tour wartet der Rote Pfeil, der als «allein fahrender Triebwagen konzipiert war», wie Kessler sagt. Und: «Er erreichte 125 km/h; nicht schlecht für jene Zeit.» Damit waren die Depotführung und der Genuss von knapp zwei Stunden bekömmlicher Eisenbahngeschichte zu Ende.

Am Nachmittag dann folgten die Bewegungsfahrten für die Ae 3/6 II , die Re 4/4 I 10001, die Bm 4/4 II 18451 Diesellok, die RAe 2/4 1001 (Roter Pfeil), die Ce 6/8 III 14305 (Krokodil) und die Ae 6/6 11425 (rote Kantonslok Genf). «Halt um Standschäden zu minimieren», wie Ralph Kessler sagte.

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