Olten
«Zwei Seelen wohnen in meiner Brust»

Gardi Hutter gastierte als Schneiderin Hanna im Stadttheater; dicker Bauch, Knollennase und irrwitzige Frisur als Markenzeichen.

Madeleine Schüpfer
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Gardi Hutter als Schneiderin Hanna im Stadttheater

Gardi Hutter als Schneiderin Hanna im Stadttheater

Bruno Kissling

Da hockte sie im Bühnenraum auf einem Podest, diese rundliche Person mit dickem Bauch und Knollennase, einer irrwitzigen Frisur und versuchte, einen Faden durch ein Nadelöhr zu ziehen. Oder sie spielte mit ihren Fadenrollen, machte aus ihnen kleine Figuren, die ein Eigenleben entwickelten, zu einem kleinen Liebespaar wurden, das von einer dunkleren Macht bedroht wurde.

Das amüsante Spiel der Schneiderin ging ständig weiter. Die Kleider, die zum Teil fertig genäht waren, hingen an einem Drahtgestell und konnten wie ein Karussell in Schwingung gebracht werden. Die Schneiderin, unsere Hanna, arbeitete tüchtig weiter, zog eine Stoffrolle aus dem Untergrund hervor, nähte daraus ein kleines Kinderkleid, hängte es an den Haken des Kleiderkarussells. Sie nähte, hantierte bedrohlich mit den grossen spitzen Scheren im Raum und dann auf ihrem Kopf herum. Einmalig war ihr Sprachentalent; keine Worte waren auszumachen, alles lebte aus der Betonung heraus. Stimmvarianten, die einem den Inhalt des Geschehens trotzdem vermittelten. Eine Kunst, die Gardi Hutter einmalig beherrschte. Sie werkte und kicherte, kommentierte in Lauten all ihre Handlungen und lächelte verschmitzt dazu.

Alles, was sie tat, war ungewohnt, unerwartet. Aus dem einem Gebilde unter dem Tuch wurde ein Käfig mit einem Kanarienvogel, der aber am Schluss den Geist aufgab, der aber für einen Augenblick sich auf dem Schoss eines Zuschauers erholen durfte, bevor er eine ehrenhafte Beerdigung bekam. Inmitten dieser Handlungen begann sich im ovalen Spiegel eine Figur zu bewegen, zu tanzen, zu drehen: eine zweite Hanna im weissen Kleid mit den gleichen wilden Haaren. Das Seelenbild der rundlichen Schneiderin. Es spielte mit ihr, variierte ihre Befindlichkeiten, wurde zum Abbild der rührigen Schneiderin auf dem Podest vor ihrem Nähkasten mit den vielen Fächern, und war doch nichts Greifbares; ein Geist vielleicht, ein höchst lebendiger, der alle Register zog und in den gleichen Wutausbrüchen schwelgte wie die Schneiderin .

Diese Figur erhöhte den Zauber des Unwirklichen, spielte mit der Musik, die viele inneren Zusammenhänge auffing oder begleitete. Sie war das Spiegelbild der Schneiderin und doch auch eine Figur für sich, irrational, nicht fassbar in geisterhafter Direktheit. Das Spiel im Spiegel bekam seine Eigendynamik, prägte den Ablauf der Handlung und erhöhte das Verrückte, das Irrwitzige dieser Figur im Bühnenraum, dieses rundlichen Clowns, der bald witzig, bald klein und verloren im Raume sass, sich bewegte oder hinfiel und alle viere von sich streckte.

Köstlich war die Szene mit dem Mann, den sich Hanna aus dem Publikum holte, der sich neben sie zu setzen hatte und mit dem sie – ganz eitel und ungemein weiblich – zu spielen begann. Er machte ein bisschen mit, sie gewann an Selbstbewusstsein, verzog sich plötzlich hinter den Spiegel, der wurde zu einem durchsichtigen Paravent und ein kleiner verspielter Striptease nahm seinen Anfang. Der Mann aus dem Publikum verschwand rasch im Zuschauerraum. Die Schneiderin kam um ein paar Hüllen erleichtert hinter dem Paravent hervor, ganz in Weiss, etwas verloren anzusehen. Eine Figur, klein und rund, gefangen in sich selbst und so voller Poesie, dass man als Zuschauer sie einfach ins Herz schliessen musste.

Gardi Hutter spielte all diese Szenen mit unglaublicher Ausstrahlung und in hoher Schauspielkunst bis in jede Finesse. Wunderschön war es, ihren leisen Humor zu erleben, das Unzulängliche und das in sich Verlorene, das so grossartig zum Tragen kommt, weil sie nun mal eine irrwitzige Figur ist, kugelrund auf zwei Beinen in Absatzschuhen und geprägt von einer wilden Haarperücke, mit Knollennase, die sie manchmal ungeniert entfernte. Eine Person, die es verstand, das Publikum in Atem zu halten, zum Lachen zu bringen, es zu berühren und auf kleine differenzierte Begebenheiten zwischen den Dingen aufmerksam zu machen. Gardi Hutter ist eine Künstlerin, die nicht einfach ein Clown mit Witz ist, sondern eine Figur, die Spuren setzt, wo sie auftritt, die Theatergeschichte schreibt, humorvolle und urkomische, verrückte und auch solche mit leiser Poesie, weil sie spürt, was Menschen bewegt. Hanna, wie sie sich nennt, war in de Rolle der Schneiderin ein einmaliges Erlebnis, das Publikum bedankte sich dafür mit viel Applaus.