Wer sich seit mehr als 40 Jahren kennt, weiss woran er ist beim andern. Das ist auch beim Karl Frey und Thomas Gutermann nicht anders. Man kennt sich aus gemeinsamen Zeiten beim militärischen Wetterdienst, teilt das spezielle Interesse am Wetterphänomen Föhn, am Klima generell und an dessen Wandel. Und auch die Anzahl Lebensjahre sind nicht zu unterschiedlich: Frey geht auf seinen 99. Geburtstag zu, Gutermann, der Zürcher und einstige Direktor der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt ist 78 jährig.

Was die beiden sympathisch macht: Die Männer teilen Interessen, aber verfechten sie nicht mit gleicher Vehemenz. Frey etwa kämpft mit überraschender Hartnäckigkeit für den Erhalt der bedrohten Oltner Wetterreihe; ja er hält sie für unabdingbar, weil er an die objektive Datenermittlung glaubt, die von den unterschiedlichsten Quellen stammen und Vergleiche ermöglichen. «Das ist doch ein Schritt hin zur breit abgestützten Datenerhebung», sagt er. Gutermann dagegen meint, die seit 1864 aufgezeichnete Wetterreihe Oltens sei aus historisch-kultureller Sicht bemerkens- und erhaltenswert. «Ich kenne vielleicht, so aus der Pistole geschossen, schweizweit zwei, drei Stationen, die auf eine über 150-jährige kontinuierliche Wetterbeobachtung zurückblicken können wie das in Olten möglich ist.» Aber er verhehlt nicht: «Aus meteorologisch-wissenschaftlicher Sicht sind Oltens Wetterdaten nicht zwingend notwendig; ihre Bedeutung liegt effektiv in der lückenlosen Erfassung aller Werte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber das ist nicht nichts.» Es kommt also nicht von ungefähr, dass die meteorologische Zentralanstalt die Unterstützung und Auswertung der Oltner Wetterstation im Jahr 1986 beendete. Dennoch hält Gutermann die Reihe der Aufzeichnungen für erhaltenswert, wenn auch unter andern Gesichtspunkten. Karl Frey lächelt.

Um durchschnittlich 1,8 Grad sei die Temperatur in den letzten 150 Jahren in der Region Olten gestiegen, weiss er. «Bucheli hat sich da getäuscht, als er seinerzeit von einer Erhöhung von unter einem Grad berichtete.» Mit Bucheli meint der Senior Thomas Bucheli, den Moderator der Sendung Meteo und Leiter der Wetterredaktion SRF. Dann macht Frey eine kurze Pause, schwenkt das Heft in den Fingern, in welches er als 11 Jähriger 1927 seine ersten Aufzeichnungen eintrug. «Wissen Sie», sagt er dann, «es hat keinen Wert, dass man die Dinge negiert. Die Welt ist wärmer geworden.» Und just da treffen sich die beiden Senioren ein weiteres Mal. Sie mahnen das Schwinden der Gletscher an, ein untrügliches Zeichen der Erwärmung. Die Frage also: Welches sind die Folgen der Erwärmung? «Es ist schwierig, hiezu allgemeingültige Aussagen zu machen», sagt Gutermann. Aber «Land unter» könnte es heissen für diverse Inseln der Südsee. «Selbst die Niederlande sind möglicherweise vom ansteigenden Meeresspiegel bedroht», erinnert Gutermann. Vielleicht sei der philosophische Gedanke, der Mensch ruiniere seinen Planeten, noch nicht mal so abwegig, fügt er hinzu. Auf der Gegenseite müsse diese durchaus denkbare Entwicklung auch als Antrieb verstanden werden, dagegen anzukämpfen. «Im Kampf gegen sauren Regen und die fortschreitende Ausdünnung der Ozonschicht jedenfalls waren wir erfolgreich», konstatiert der Zürcher, der keineswegs in Abrede stellt, dass der Klimawandel einzelne Region des Planeten auch zu Profiteuren macht. Dennoch gelte das Zwei-Grad-Ziel, welches die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen sucht. Tja, und wie erreichen? Die Gretchenfrage schlechthin.

Im Kampf gegen den Klimawandel halten beiden Senioren die Fahne der Information hoch. «Ohne Information ist alles nichts», sagen beide. Aber Information ist das eine; und handeln danach eben das andere. Dass jede und jeder Einzelne wohl mit Verzicht zu rechnen hat, ist unbestritten. Aber mit Verzicht lässt sich schlecht Politik machen. Gutermann nickt. Ob Freiwilligkeit da hilft? Der Zürcher hat damit schon begonnen, verzichtet zunehmend auf den Gebrauch seines Wagens, hat seine Infrastruktur daheim auf ökologisch gestellt. Will heissen: Elektroapparate der Energieeffizienzklasse A sind ein Muss, auch wenn er – wie er mit einem Lächeln gesteht – beim anderer Gelegenheit nicht das Optimum herausholt. Bei der Wahl des Duschkopfs jedenfalls hat er nicht die verbrauchsgünstigste Brause gewählt. Warum? «Des Komforts wegen», sagt er dann, schon fast mit einem schlechten Gewissen. Und der bald 99-jährige Frey? Schier eine Zumutung, einen Senior dieser Güte nach seinen Verzichtserklärungen zu befragen. Aber er räuspert sich und hängt dann ungeniert an, dass bei den Heizungen wohl noch viel drinliegen würde. Ein kühler Mai-Tag müsste auch ohne Heizen rumgebracht werden können.

Dann gehts ins Esszimmer, zu Kaffee und Kuchen. Frey greift an den Radiator. «Leicht temperiert», sagt er dann heiter. Der Kampf gegen die Klimaerwärmung ist ein harter, man merkts. Auch der CO2 Werte wegen.