Amtsgericht Olten-Gösgen
Zwei Jahre bedingte Freiheitsstrafe für Pädophilen

Der Rentner, der sich während 15 Jahren mehrfach an 4- bis 15-jährigen Kindern vergriffen hat, muss nicht ins Gefängnis. Er büsst vor allem finanziell.

Jürg Salvisberg
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Das Amtsgericht Olten-Gösgen verurteilte den heute 70-Jährigen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt mit einer Probezeit von fünf Jahren.

Das Amtsgericht Olten-Gösgen verurteilte den heute 70-Jährigen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt mit einer Probezeit von fünf Jahren.

Bruno Kissling

Das Amtsgericht Olten-Gösgen folgte in den wesentlichen Zügen den Anträgen der Staatsanwaltschaft und verurteilte den heute 70-Jährigen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt mit einer Probezeit von fünf Jahren. Für diese Dauer wird ihm eine Bewährungshilfe zur Seite gestellt.

Die Opfer äusserten sich in einer Stellungnahme gegenüber Tele M1 empört über das ihrer Ansicht nach viel zu milde Urteil. Sie werfen Werner K.* vor, über drei Jahrzehnte mindestens 25 Kinder unter zehn Jahren missbraucht zu haben. Da sexuelle Handlungen an unter Zwölfjährigen jedoch erst seit zehn Jahren als unverjährbar gelten, gelangten nur fünf Betroffene zu einer erfolgreichen Anklage.

Da das Amtsgericht in diesen Fällen grundsätzlich zu Schuldsprüchen kam und zudem die Zivilklagen zu vier Fünftel (mit Genugtuungssummen von total 20'000 Franken) guthiess, will Stephanie Selig als Rechtsanwältin der Privatkläger das Urteil nicht weiterziehen. Auch der amtliche Verteidiger dürfte seinem Klienten nahelegen, auf einen Rekurs zu verzichten. Ein Entscheid fällt jedoch erst, wenn das schriftliche Urteilsdispositiv vorliegt.

Acht Übergriffe erwiesen

Im Einzelnen erachtete das Amtsgericht Olten-Gösgen unter Vorsitz von Präsidentin Eva Berset Werner K. in acht der elf Vorhalte von sexuellen Handlungen mit Enkel, Neffen, Nichten und Patenkindern als schuldig. Damit schenkte es den Aussagen der Opfer, auf die sich die Anklage stützte, meist Glauben. So verurteilte es den Grossvater insbesondere für den Übergriff auf seinen vierjährigen Enkel im Jahr 2013, der den ganzen Fall überhaupt ins Rollen gebracht hatte.

Neben der schon bekannten Verfahrenseinstellung wegen Verjährung sah es die sexuelle Handlung mit einer acht- bis zehnjährigen Geschädigten, die er im Büro am Po berührte, als nicht erfüllt an. Bei einem Bootsausflug auf dem Hallwilersee, als der Onkel dem Hauptopfer aus Neugier die Badehose herunterzog, konnte es ebenfalls keinen solchen Übergriff erkennen.

Freigesprochen wurde der Beschuldigte von sämtlichen Versuchen zu sexuellen Handlungen mit einem Kind, da das Gericht den Anklagegrundsatz verletzt sah. Die Taten sollen sich an Familienfesten in einem Zeitraum von neun Jahren ereignet haben. Dies war dem Gericht definitiv zu ungenau. In den erkannten Fällen war der Tatzeitpunkt zwar auch unpräzis, aber Werner K. erinnerte sich immer an die Umstände, obwohl er, auf die Handlungen angesprochen, immer schnell verstummte.

24 Monate bedingte Strafe

Für die Berechnung des Strafmasses stieg das Amtsgericht etwas höher ein als der Staatsanwalt, der seinen Antrag selbst als mild bezeichnet hatte. Durch die Freisprüche und mathematische Abrundung ergaben sich dennoch 24 Monate bedingt. Das Verhängen einer teilbedingten Strafe erachtete das Gericht als wenig sinnvoll, da Halbgefangenschaft einen Job voraussetze, der bei einem Rentner nicht gegeben sei.

Auch beim Verhängen einer stationären Massnahme folgte das Gericht der Argumentation der Anklage. Der diagnostizierte Pädophile ohne Vorstrafenregister sei gesellschaftlich gut integriert und bereits in Therapie. Für das Gericht erweckte er den Eindruck, therapiewillig zu sein, obwohl er aufgrund seiner Intelligenz beschränkt therapiefähig sei.

Happige Konsequenzen hat das Urteil für Werner K. in finanzieller Hinsicht. Eine Geldstrafe wegen am Prozess eingestandener Beschaffung und Konsums kinderpornografischer Bilder kostet ihn 2700 Franken. Dazu kommen Parteien-Entschädigungen von 16'000 Franken. Die Verfahrenskosten muss er wegen Teilfreisprüchen zu 80 Prozent und damit in Höhe von 18'000 Franken tragen. Auch die Gerichtskasse könnte bei ihm vorstellig werden und ebenso vier Fünftel der 25'000 Franken Kosten für den Pflichtverteidiger zurückfordern.

Kommentar von Beat Nützi

Falsches Signal

Sexueller Missbrauch Schutzbedürftiger ist etwas vom Verwerflichsten, das es gibt. So ist der Staat aufgefordert, die Integrität und die körperliche Unversehrtheit von Kindern zu schützen. Und wenn es zu einem Missbrauch kommt, ist die Täterschaft für die schändlichen Handlungen zu bestrafen. Bedingungslos. Fragwürdig erscheint daher das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen, das einen 70-jährigen Grossvater wegen mehrfacher sexueller Übergriffe auf 4- bis 15-jährige Kinder im eigenen Familienumfeld mit einer bedingten Strafe springen lässt. Er muss nur finanziell bluten.

Nach juristischer Terminologie liegt ein sexueller Missbrauch vor, wenn ein Erwachsener gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines Kindes verstösst. Dabei muss es nicht einmal zu körperlichen Berührungen kommen. Es gilt nämlich jede Handlung als sexueller Missbrauch, bei der ein Kind zum Sexualobjekt degradiert wird. Das beginnt bereits bei niederschwelligen Handlungen, wenn etwa ein Kind unter einem Vorwand dazu gebracht wird, seine Geschlechtsteile zu entblössen, damit der Erwachsene sich daran sexuell erregen kann.

Besonders schwer wiegt ein Kindsmissbrauch durch Vertrauenspersonen, zum Beispiel durch Eltern und Grosseltern. Die jahrelange Erfahrung sexuellen Missbrauchs im eigenen Familienumfeld prägt und belastet die Opfer das ganze Leben lang. Dieser Umstand wurde offenbar am Oltner Gericht wenig gewichtet, wie das milde Urteil zeigt. Das ist ein falsches Signal. Und: Bewährungshilfen und Therapien für Pädophile sind gut und recht – aber eine Strafe sollte auch eine abschreckende Wirkung haben.