Sie ist seit Kindsbeinen an der Oltner Fasnacht dabei: Marion Rauber, derzeit einzige Frau im elfköpfigen Rat des Oltner Fasnachts- und Umzugskomitees, des Fuko, wie man in der Eisenbahnerstadt sagt. «Vielleicht war ich mit sechs, sieben Jahren erstmals dabei», erinnert sie sich dunkel. An Vaters Hand, der selbst Mitglied der Säli-Zunft war, stolperte sie mit. Das Stolpern gefiel ihr. Anders wäre nicht zu erklären, warum sie später just dieser Zunft beitrat. «Wohl auch, weil die Säli-Zunft Frauen als vollwertige Mitglieder aufnahm», sagt die Fasnächtlerin und Piccolo-Spielerin im Rückblick. Keine Selbstverständlichkeit übrigens, auch heute noch nicht. Viele Zünfte sind nämlich in reiner Männerhand. Die Frage warum sie später nicht zu den Rätschwybern, der einzigen Oltner Frauenzunft, wechselte, quittierte Marion Rauber mit grossen Augen. «Die Zunft wechseln? Das ist für mich ein absolutes No-Go.»

Mehr als 40 Jahre dabei

Wer während mehr als 40 Jahren an der Entwicklung der Oltner Fasnacht beteiligt war, weiss um deren Veränderungen. Marion Rauber überlegt nicht lang. «Ganz sicher kann man sagen: Die Rivalitäten sind mittlerweile passé. Vor Jahrzehnten noch ignorierten sich einzelne Zünfte und Fasnachtsgruppen.» Sie könne sich noch gut an die Jahre erinnern, als Guggen etwa nicht mit Sängern redeten.

«Es ging damals nicht ums verbindende Fasnachtsverständnis, sondern wohl eher darum, wer das vermeintlich richtige Fasnachtsverständnis pflegt», bilanziert sie. Tempi passati. Heute herrsche ein völlig ungezwungener Umgangston. Berührungsängste passé, weiss die Frau, die selbst während ihres einjährigen Englandjahrs vor bald 30 Jahren für die Fasnacht nach Olten zurückkehrte.

«Ich hab wirklich keine verpasst», sagt sie. Und trotzdem. Sie will nicht «Madame carneval» genannt werden. «Ou, nein, da gabs und gibts Frauen, die mindestens so in die Fasnachtsgeschehnisse eingebunden sind oder waren, wie ich es bin», wehrt Marion Rauber ab. Sie sei, als Frau, nicht etwa die Nummer eins im
Fuko-Rat, sondern die vier.

Aber nicht nur die Rivalitäten unter den Fasnachtsgruppen sind im Laufe der letzten Jahrzehnte verschwunden, auch Maskenbälle haben das Zeitliche gesegnet. «Sie entsprachen wohl einfach nicht mehr dem Zeitgeist. Gut gekleidete Herren in Sonntagsanzügen und verkleidete, maskierte Damen, die sich bei klassischem, geschlossenem Tanz vergnügten und die sich allenfalls in einer einseitig anonymen Sphäre näher kamen und sich anbaggern liessen, dafür gabs mit der Zeit einfach kein Publikum mehr.»

Dagegen hat sich die Narrenparty in Olten etabliert, die sich an ein junges Publikum wendet und jährlich durchschlägt. «Es wäre nichts mehr für mich, aber die jungen Partygäste geben dem Anlass so richtig Pep.» Marion Rauber lacht.

Hotschis sind selten geworden

Während man früher zu Hause noch ein paar Dinge zusammenklaubte, um verkleidet als Hotschi an die Fasnacht zu gehen, haben die Kostüme für närrische Tage heute eher den Charakter gekonnter Inszenierung. «Hotschis sind nur noch selten anzutreffen», bestätigt denn die Säli-Zünfterin auch. «Am ehesten noch an der Kinderfasnacht; ein Zeichen dafür, dass der Entschluss, an die Fasnacht zu gehen, mehr oder weniger spontan gefällt wurde.»

Ebenso selten geworden sind in Olten die Einzelmasken. Marion Rauber bedauert dies. «Aber ich muss sagen: Als Einzelmaske aufzutreten, braucht deutlich mehr Courage und Überwindung», windet die Fasnächtlerin den wenigen Versprengten dieser Spezies ein Kränzchen. Allen fasnachtswilligen Einzelkämpfern rät sie übrigens, in einer Zunft mitzuwirken. «Wenn du in die Fasnacht reinkommen willst, ist das fast der einzige Weg. Das Zunftleben ist heute ein Ganzjahresbetrieb. Es wird dir irgendwie zur Heimat und vermittelt dir viele Kontakte. Nach mehr als 40 Jahren Fasnacht in Olten kann ich sagen: Wann immer ich in der Stadt bin: Irgendjemanden aus der grossen Oltner Fasnachtsfamilie treffe ich immer.»

Raus auf die Strasse

Dass sich das Fasnachtsgeschehen im Laufe der letzten Jahre auch auf die Strasse ausgedehnt hat, gefällt der Oltner Fasnächtlerin. Zwar geschah das nicht unbedingt freiwillig, es starben nämlich auch viele Beizen im Zuge der Modernisierung weg. «Es ist heute nach meiner Wahrnehmung eine gelungene Mischung», findet sie. Das Leben auf der Gasse gibt ihr recht. Dort mischen sich Narren und Nichtnarren mittlerweile bunt durcheinander. Gibts eigentlich mehr Fasnächtler als früher? Marion Rauber stutzt.

«Schwierig zu sagen, aber ich glaube eher nicht.» Sie hat wohl recht. Dem Fuko angeschlossene Zünfte sind seit mehr als 20 Jahren keine mehr entstanden. Die letzten ihrer Art dürften die Nachtwächter gewesen sein, 1992 aus der Taufe gehoben. Im Übrigen werde es für Fasnächtler auch immer schwieriger, über die närrischen Tage Ferien zu bekommen. «Die Arbeitgeber zeigen sich da nicht mehr so grosszügig, aus welchen Gründen auch immer», erklärt Marion Rauber.

Hätte sie einen Wunsch frei, die eingefleischte Fasnächtlerin; es wäre welcher? Sie sagt: «Ich würde die Fasnachtszeit komprimieren; vielleicht auf die Tage von Mittwoch bis Sonntag. Das wäre weder ein Qualitätsverlust noch müsste irgendeine Veranstaltung über die Klinge springen.» Eine überraschende Bemerkung aus dem Mund einer Person, welche die Fasnacht und ihre Mitwirkenden als stille Macht in der Stadt bezeichnet. Wieso das denn? «Ich sage immer: In Olten kommt die Fasnacht vor der Politik.»

Sie sagt das im Brustton der Überzeugung, ohne näher darauf eingehen zu wollen. Das muss man ihr einfach glauben. Und das wird sich zwischenzeitlich auch nicht verändert haben. Genau so wenig wie die Tatsache, dass Obernaaren nicht zwingend in Olten wohnhaft sein müssen. «Auch das nämlich», sagt Marion Rauber, «war früher schon so.»