«Cigarren Schnyder»

Zum Stumpen noch ein Western: Die Geschichte eines speziellen Ladens

Ladenfront aus den mittleren 1950er-Jahren: das Raucher- und Leseparadies von Margrit Schnyder an der Aarauerstrasse 97.

Ladenfront aus den mittleren 1950er-Jahren: das Raucher- und Leseparadies von Margrit Schnyder an der Aarauerstrasse 97.

An der Aarauerstrasse betrieb Margrit Schnyder einen Zigarrenladen mit einer angegliederten Leihbibliothek – an der MIO war sie ebenfalls mit einem Marktstand dabei. Die Geschichte hinter dem Familienbetrieb.

Bis in die späteren 1970er-Jahre befand sich an der Aarauerstrasse 97, unmittelbar neben dem Restaurant Eintracht, ein kleiner Laden von etwas spezieller Art. Hier konnten sich die Leute aus dem Quartier mit Tabakwaren und Lesestoff gleichzeitig eindecken. Oder genauer gesagt: Bei «Cigarren Schnyder» kauften die Männer ihre Stumpen, oft waren sie dabei auf dem Weg zur Arbeit.

Deshalb öffnete Margrit Schnyder ihr Lädeli schon morgens um 5.45 Uhr. Und die mehrheitlich weibliche Kundschaft, meist Hausfrauen aus dem Quartier, lieh hier Krimis, Wildwest-Erzählungen und Liebesromane aus. In Schnyders Kiosk konnte man auch sein Glück versuchen mit Losen der Landeslotterie. Zudem diente er als Vorverkaufsstelle, beispielsweise an der Fasnacht für den traditionellen «Negerball» im Stadttheater. Heute befindet sich im Haus Aarauerstrasse 97 das «Haarwerk» von Michael Fehlmann.

Bekannt waren die Schnyders auch für ihren Zigarren-Stand an der MIO, den sie jeweils prominent mitten auf der Kreuzung Aarauerstrasse/Bifangstrasse aufzustellen pflegten. Auf dem Firmenschild über dem Ladeneingang stand «Cigarren – A. Schnyder – Leihbibliothek». Auch wenn der genannte Anton Schnyder gelegentlich im Geschäft aushalf: Effektiv betrieben wurde es von seiner Frau Margrit Schnyder-Schmitter.

Sie habe nur noch ein Jahr zu Leben

Margaretha «Margrit» oder auch «Greti» Schmitter wurde am 17. Juni 1902 in der südschwedischen Stadt Malmö geboren. Ihre Mutter war Anna, geborene Lieb. Ihr Vater Eduard Friedrich Schmitter führte damals in Schweden die Auslandvertretung der Chocolat Tobler; später wechselte er in dieser Funktion nach Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands. Nachdem Eduard Friedrich Schmitter 1912 starb, kehrt Mutter Anna mit den inzwischen drei Töchtern in ihre Heimatgemeinde Rothrist zurück.

Nach der Schulzeit arbeitete Margrit Schmitter bei der Schuhfabrik Bally in Schönenwerd. Im Ballypark war es denn auch, wo sie ihren Zukünftigen, Anton Schnyder, kennenlernte. Margrit Schmitter litt unter Asthma. Sie habe nur noch ein Jahr zu leben, wurde Anton Schnyder gewarnt, als er um ihre Hand anhielt. Dann heirate er sie erst recht, soll er gesagt haben, wie sich Tochter Annamarie erinnert.

In der Lebensgeschichte von Anton Schnyder spiegelt sich die Weltgeschichte. Sein Urgrossvater Josef war Ackerbauer in Schübelbach in der March im Kanton Schwyz. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts kam billiges Getreide aus Amerika ins Land. Die Bauern mussten auf Weidewirtschaft umstellen.

Geboren als uneheliches Kind

Viele Bauernsöhne fanden kein Auskommen mehr und verliessen die Heimat. So auch Josefs Sohn Balthasar Schnyder. 1856 wanderte er nach dem damals preussischen Schlesien aus und arbeitete in Sagan als selbstständiger Käser. 1858 verheiratete er sich mit Anna Maria Ruhstaller aus dem Märchler Dorf Lachen SZ.

Deren einzige Tochter Anna lernte Weissnäherin. Am 29. November 1888 brachte sie einen Sohn Anton zur Welt; der Vater ist nicht bekannt. Das war damals nicht einmal sehr aussergewöhnlich. Im deutschen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts war jedes zehnte Kind unehelich. Aber: Aus diesem Anton sollte der spätere Cigarren-Schnyder werden.

Nach achtjähriger Schulzeit in seinem Geburtsort Gräben, gelegen im Kreis Striegau, Niederschlesien, schloss Anton Schnyder 1906 in Neisse (heute Polen) eine vierjährige Berufslehre als kaufmännischer Angestellter im Kolonialwarengeschäft Eduard Rudolf ab. Gleichzeitig besuchte er die kaufmännische Schule, ebenfalls in Neisse.

Ein Hausfrauendasein war keine Perspektive

Es folgten die Wanderjahre. Anton Schnyder übernahm nacheinander verschiedenen Stellen in Niederschlesien, Sachsen und schliesslich im Ruhrgebiet. In Duisburg arbeitete er in einer der grössten Fleischwarenfabriken Deutschlands, bevor er in den Jahren 1914 bis 1918 die dortige Städtische Fleischverteilungsstelle leitete. Nach Kriegsende musste er diesen Posten allerdings einem Kriegsheimkehrer abtreten.

Anfang April 1920 kehrte er deshalb in die Schweiz zurück. Er fand eine Anstellung bei der Usego und liess sich in Olten nieder. Zuerst wohnte er in Untermiete an der Tannwaldstrasse 44 und am Hausmattrain 18. Zwischendurch arbeitete er für die Seetaler Stumpenfabrik Opal.

Am 7. November 1925 heirateten Anton Schnyder und Margrit Schmitter in Olten und bezogen ein Haus an der Aarauerstrasse 117. Für die 23-jährige Frau, die ihre Jugend in Schweden und Schottland verbracht hatte, war ein Hausfrauendasein in der Schweiz aber keine Perspektive, sodass das Ehepaar 1928 das Haus an der Aarauerstrasse 97 erwarb und darin einen Zigarrenladen samt einer Leihbibliothek einrichtete.

Weit übers AHV-Alter weitergearbeitet

Im selben Jahre 1928 trat Anton Schnyder in das Verlagshaus Hallwag in Bern ein, wo er bis zur Pensionierung für die Zeitschrift «Technische Rundschau» im Aussendienst tätig war und Inserate akquirierte.

1930 nahmen die Eheleute Schnyder-Schmitter ein Mädchen Linely als Pflegkind auf. Linelys Mutter Katharina Schwarz hatte sich 1928 von ihrem Ehemann, einem Hausierer, scheiden lassen. Das Töchterchen kam deshalb am 22. August 1928 unehelich zur Welt. Die Mutter übergab es darauf dem Antoniushaus in Solothurn, von wo es 1930 an die Aarauerstrasse 97 kam. Die Familie Schnyder konnte Linely nicht adoptieren, da sie 1940 mit Annamarie eine leibliche Tochter erhielt. Linely heiratete später Bruno Wirth von der Motorfahrzeugkontrolle und gründete eine kinderreiche Familie.

Anton Schnyder war Mitglied der Martinsbruderschaft und des Männerchors Eintracht. Er verstarb am 20. Januar 1967, Margrit Schnyder-Schmitter am 29. Dezember 1984, nachdem sie das Zigarrengeschäft mit angegliederter Leihbibliothek noch weit übers AHV-Alter hinaus bis 1978 weitergeführt hatte.

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