Ist es ein Spiel mit Augenzwinkern, oder gar mit dem klassischen Todernst, wie ihn nur Kulturschaffende mit der markanten Nachdenkerfalte über der Nasenwurzel kennen? Oder gehört die Idee in die Kategorie «Spunz», was so viel bedeutet wie «die Überhöhung einer Idee»?

Werden sich auf Oltens neu gestalteter Kirchgasse schon bald die Verfechter der Disteli-Sammlung, die gleichsam einst Basis des heutigen Kunstmuseums bildete, zu Protestmärschen zusammenrotten, sich Warhol-Freunde ihnen entgegenstellen? Tobt schon bald ein neuer Kulturkampf hinter den Mauern des Städtchens, bei dem nicht Papst und Unfehlbarkeit die Hauptrolle spielen, sondern zwei Künstler aus zwei unterschiedlichen Jahrhunderten?

Vorerst nur Fantasie

Nun gemach. Das alles ist (vorerst) nur Fantasie. Nicht Fantasie dagegen ist Folgendes: «Der Künstler San Keller (1971) produziert in Zusammenarbeit mit Nina Stefanka einen Film, der von einer ausserordentlichen Tauschaktion handelt. Es ist das erklärte Ziel Kellers, den Gründungsbestand des Kunstmuseums Olten, die Sammlung von rund 2000 Werken des Karikaturisten und politischen Zeichners Martin Disteli (1802 bis 1844) bis Sommer 2014 gegen ein Gemälde von Andy Warhol aus einer amerikanischen Sammlung zu tauschen.»

So jedenfalls lauten Auszüge aus der Presseinformation des Kunstmuseums Olten, die Mitte Juni publik wurde. Das Projekt läuft unter der Prämisse Disteli-Dialog-II, startet Ende Juni und ist vorläufig auf ein Jahr befristet.

Disteli diskutieren

Nicht dass es bei dieser Idee um die Popularisierung Distelis und dessen Werk gehen würde, nein. Aber: «Die Idee Kellers macht es möglich, viele Fragen rund um die Beziehungen zu Disteli zu diskutieren. Wie stehts um den materiellen und ideellen Wert seiner Arbeiten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, inwiefern lassen sich seine Darstellungen noch in die Gegenwart übersetzen?» sagt Museumsdirektorin Dorothee Messmer.

Das Vorhaben lässt Disteli und dessen Werk in einem anderen Licht erscheinen. Mit dem Projekt ist die Behauptung verknüpft, dass Distelis dem Liberalismus verpflichtetes Schaffen aus dem lokalen Rezeptions-Kontext gelöst werden muss, um in seiner ganzen rebellischen Kraft neu gewürdigt werden zu können.

In diesem Zusammenhang wird Distelis Nachlass von der Sammlungskonservatorin Katja Herlach (noch) in Olten öffentlich geordnet, fotografiert, neu inventarisiert und – verpackt. «Schweren Herzens», wie sie sagt. Schliesslich soll die Sammlung im Fall der Fälle jenseits des grossen Teichs heil und geordnet ankommen. Zwischenzeitlich führt San Keller Gespräche mit verschiedenen Akteuren auf lokaler und nationaler Ebene und sucht diese ebenso wie private Sammler und Vertreter öffentlicher Sammlungen in den USA für seine Tausch-Idee zu gewinnen.

Nicht irgendeiner

«Wir sind uns schon einig: Irgendein nullachtfünfzehn-Warhol kommt als Austausch nicht infrage», sagt Dorothee Messmer. Und mit nullachtfünfzehn meint sie irgendeine der weitläufig bekannten Druckgrafiken: jene mit Marilyn als Motiv, vielleicht auch jene mit der Tomatensuppe, andere. Zu inflationär halt, zu verbreitet das Ganze, zu gewöhnlich, zu austauschbar. Dagegen Disteli und die Sammlung: original, authentisch.

Auch auf der politischen Ebene hat man sich mit dem Projekt Kellers auseinandergesetzt. Unter anderem im Stadtrat. «Den Projekt-Ansatz hat man als interessant empfunden», so Stadtschreiber Markus Dietler. Wer dann allerdings letztinstanzlich über den Tausch befinden würde, könnte nach der im Stadthaus gängigen Ansicht abhängig vom Marktwert des eintauschbaren Warhols sein. Dietler lacht. Damit nämlich würde auch der Marktwert der Disteli-Sammlung indirekt festgelegt. «Es wäre letztlich eine Frage der Finanzkompetenz. Würde der eingetauschte Warhol einen Marktwert von – sagen wir mal – 2 Mio. Franken haben, wäre sicher das Parlament für den Entscheid zuständig», so der Stadtschreiber. Wie die Chancen auf einen solchen Tausch einzuschätzen sind, sei schwierig einzuschätzen. Aber die Prozesse rund um das Vorhaben bezeichnet Dietler als spannend.

Das Projekt startet in diesen Tagen in aller Stille und vollzieht sich ohne übliches Eröffnungsprimborium. Dagegen sind alle eingeladen während den Öffnungszeiten des Museums die im Disteli-Kabinett eingerichtete Lese- und Infoecke zum Projekt zu nutzen oder von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, der Konservatorin bei der Dokumentation über die Schulter zu schauen, mit ihr Originale zu betrachten und über Distelis Werk sowie seine Bedeutung für Olten zu sprechen. Vielleicht ein letztes Mal.