Im Café Philo braucht man nicht jedes Mal existenzielle Probleme zu wälzen. Die sonntägliche Gesprächsrunde im Cultibo kann auch Dinge hinterfragen, die wir im Alltag wie selbstverständlich tun, ohne uns gross Gedanken darüber machen. So ein allgemeiner Brauch ist das Aufhängen von Bildern. Doch woher kommt unser Drang, die Wände mit Bildern zu schmücken? Oder warum empfinden wir leere Wände als kahl und öd? Deshalb ging das philosophische Café gestern Vormittag der Frage nach: «Warum hängen wir Bilder auf?» Gesprächsleiterin dieses Mal war Katja Herlach, Kuratorin des Kunstmuseums Olten.

Offensichtlich haben die Menschen eine Abneigung, leere Wände nackt zu lassen. Selbst der Arbeitsplatz wird von einer Kinderzeichnung, einer Ansichtskarte aus den Ferien oder dem Foto des Partners geziert. Aber auch im Wohnzimmer kommt ein Gemälde oder ein Kunstdruck an die Wand. Bis hin zu öffentlichen Eingangshallen oder Plätzen, deren Offenheit und Freiheit viele nicht ertragen und glauben, sie möblieren zu müssen. Angst vor der Leere (horror vacui) herrscht.

Ein Bild ist nicht irgendein Bild

Ein Bild ist zuerst nichts anderes als die Wiedergabe einer Sache oder Person. Doch es steckt mehr dahinter. Gesprächsleiterin Katja Herlach illustrierte dies anhand einer Szene aus einem Theaterstück Lessings. Der Mäzen entlöhnte dort den Maler fürstlich für zwei Bilder; das eine Kunstwerk lässt er einrahmen und in der Galerie aufhängen. Das andere Gemälde mit dem Konterfei seiner Geliebten behält er nur für sich. Selbst wenn nicht immer so extrem wie in jenem Fall: Mit einem Bild verbunden sind stets auch unsere Gefühle, Erinnerungen oder Träume.

Diese Gefühle möchten wir erleben, jedes Mal wenn wir das Bild an der Wand betrachten. Dabei kann es sich um ein Kunstwerk, eine Foto, ein Druck oder Poster handeln.

Gleichzeitig verändert das aufgehängte Bild den Raum. Es soll dazu passen und eine positive Wirkung erzielen. Das Bild wird jedoch nicht bloss so gewählt, dass es dem Bewohner gefällt. Es soll auch allfälligen Besuchern einen Eindruck über den Besitzer geben. Das Bild widerspiegelt, was den «Aufhänger» beschäftigt, was er in der Vergangenheit sieht oder was für ein Weltbild und was für Zukunftsideen er hat. Das Bild an der Wand entlarvt den Besitzer, es vermittelt ein Bild – gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst – über die Bewohner des Zimmers. Je nachdem zeigt es auch den Reichtum des Besitzers. Andererseits, so sagte es ein Diskussionsteilnehmer, lerne er seine Besuche kennen – anhand der Kommentare, welche sie über einen Zimmerschmuck abgeben.

Oft haben die Bilder eine eigenen Persönlichkeit und Geschichte. Man kennt den Künstler oder die Künstlerin persönlich, erinnert sich an den Anlass, an dem man das Werk erwarb. So weckt jedes Bild beim Betrachten Erinnerungen, die er damit verbindet. In unseren privaten Räumen können wir über unsern Wandschmuck selber bestimmen, sogar selbstgemalte Bilder aufhängen.

Im öffentlichen Raum

In halböffentlichen Räumen wie etwa Museen bestimmen wir zwar nichts, können aber immerhin selber entscheiden, ob wir hingehen. Im öffentlichen Raum sind wir den Bildern, der Bilderflut bis hin zur uns vorgesetzten Architektur ziemlich ausgeliefert. Wie sich dagegen abgrenzen? Alle Fragen vermochte das Café Philo innerhalb der selbstgesetzten Zeit von anderthalb Stunden nicht endgültig zu klären. Doch über den Umgang mit den zuhause selber ausgewählten Bildern zu reflektieren, ist zweifellos gelungen.