Olten hat Radrenntradition. Jetzt, nach Tour de Suisse, Tour de France und dem Grand Prix Olten muss man dafür bloss einen Blick via Bifangplatz Richtung Dulliken-Aarau werfen, um dies zu erahnen. Nur: Wer weiss das noch? Deshalb: Die Ausfallstrasse war früher flankiert von zwei Restaurants, rechts der «Jakobsbrunnen» und links die «Eintracht».

Bei der Gartenwirtschaft auf der linken Strassenseite stach einem ein Transparent mit dem Logo des Schweizerischen Radfahrerbundes SRB in die Augen. Tatsächlich war die «Eintracht» ein Angelpunkt des Radsports. Einmal war der Wirt Robert Tièche Präsident des Veloclubs Säli und Organisator von Sportanlässen. Dadurch kehrten viele gewöhnliche und berühmte Radfahrer bei ihm ein. Nicht genug wohnte in der Dachwohnung ein junges Talent, das bei der Tour de Suisse 1939 gleich den zweiten Platz im Gesamtklassement eroberte.

Etappenort Olten

Dem Eintracht-Wirt Robert Tièche gelang es 1935, die Tour de Suisse nach Olten zu holen. Das Ziel der sechsten und zweitletzten Etappe befand sich unweit der «Eintracht» auf der Höhe der Modellschreinerei Pfulg & Ingold an der Aarauerstrasse 118. Für OK-Präsident Tièche war es Ehrensache, das lokale Gewerbe zum Spenden von Bar- oder Naturalprämien zu motivieren.

So stiftete der Consumverein dem Sieger 50 Franken, die Metzgerei Meister dem ersten Schweizer 50 Franken und Käsehändler Marti einen Ankenballen dem letzten Schweizer. Etappensieger wurde übrigens der Franzose Benoît Faure vor dem Italiener Malmesi. Den Gesamtsieg dieser erst dritten Ausgabe der Schweizer Rundfahrt errang der Italiener Gaspar Rinaldi. Auch nach dem Krieg organisierte Tièches Veloclub Säli die Etappenankunft der Tour de Suisse in Olten, so 1948, allerdings spurteten nun die Radprofis bei der Autofabrik Berna im Industriequartier ins Ziel.

Ferdi Küblers Wurstsalat

Das Restaurant «Eintracht» hatte ein Säli für die Vereine und einen kleinen Vorgarten. Dadurch war sie beliebt als Treffpunkt der Radsportler. Der Velo-club Säli Olten verwahrte seine Pokale in einem Fahnenkasten in der Gaststube der «Eintracht». Auf ihren Sonntags-Ausfahrten kamen viele Velofahrer in die kleine Gartenbeiz an der Aarauerstrasse, um den Durst zu löschen, auch die grössten Radsport-Koryphäen kannten das SRB-Logo und machten hier Halt.

Sogar Ferdi Kübler, Strassenweltmeister (1951) und Sieger der Tour de France (1950), kehrte auf seinen Trainingsfahrten in der «Eintracht» ein. Er lehnte sein Velo ans Mäuerchen der Gartenwirtschaft, zog die Handschuhe aus und bestellte jeweils: «Einen Wurstsalat, wie immer!», worauf ihm die Wirtin Maria Tièche-Tarenghi das Gewünschte reich garniert mit Salaten servierte. Die «Eintracht» war übrigens nicht nur wegen ihres Wurstsalats berühmt, sondern auch wegen Maria Tièches Fasnachtschüechli und Schenkeli zur Fastnachtszeit.

Ein Jungtalent

Die Familie Bolliger zügelte im März 1935 von Boningen nach Olten und bezog die Dachwohnung über dem Restaurant «Eintracht». Vater Paul Bolliger war Maler bei Max Droll; er war es, der das erwähnte SRB-Transparent für die «Eintracht» malte. Der Sohn Max, geboren im Dezember 1917, war Dreherlehrling.

Vor allem aber war er ein Radsporttalent. Bereits 1933 gewann der Anfänger Bolliger das Rundstreckenrennen in Balsthal und die Fernfahrt Zürich Bern. 1935 wurde er an der «Züri-Metzgete» (Meisterschaft von Zürich) Dritter bei den Amateuren.

Berufsfahrer bei Mondia

Nach der Lehre fand er keine Stelle und jobbte bei der Ziegelei Hägendorf. Deshalb griff er zu, als er Ende 1935 von der Fahrradfabrik «Mondia» Balsthal ein Angebot für einen Profivertrag erhielt. Für die Tour de Suisse 1939 war er eigentlich als Helfer in der Mannschaft von Kapitän Edgar Buchwalder vorgesehen. Edgar «Ex» Buchwalder gewann zwar die zweite Etappe und holte sich das Goldtrikot für einen Tag.

Die grosse Überraschung war jedoch Max Bolliger, der sich bis zur sechsten Etappe auf den zweiten Rang vorarbeitete. Selbst über die schwersten Alpenpässe Gotthard und San Bernhardino konnte er mit den Besten mithalten, so dass die letzte Etappe von Frauenfeld nach Zürich die Entscheidung bringen sollte. Der Vierte im Gesamtklassements, Paul Egli, versucht zwar immer wieder zu rupfen, doch die Konkurrenten waren auf der Hut, sodass die Erstplatzierten zeitgleich ins Ziel kamen.

Damit verteidigten Robert Zimmermann den ersten und Max Bolliger den zweiten Schlussrang – Bolliger mit winzigen 29 Sekunden Rückstand, Bagatellen nach acht Tagen Fahrt über 1727 km. «29 Sekunden» lautete denn auch der knappe Titel im Oltner Tagblatt, das den überraschenden Bolliger «nun den grossen Tenören im Schweizer Profilager» zurechnete. Nach Abschluss der Profikarriere kehrte Max Bolliger zu seinem gelernten Beruf zurück und arbeitete bei den SBB-Werkstätten, blieb dem Velofahren aber auch an seinem neuen Wohnort Lostorf treu.

Quellen Stadtarchiv Olten, Stadtbibliothek Olten, Kleinschriften; freundliche Auskunft durch Irene und Robert Tièche sowie Peter Schafer und Stephan Kainersdorfer.