Kolumne «Mein Olten»

Wo chunnsch du här?

Mein Olten ist Heimat für Menschen mit vielerlei Herkünften.

Mein Olten ist Heimat für Menschen mit vielerlei Herkünften.

So werde ich immer wieder mal gefragt, und so frage auch ich immer mal wieder. Die Frage nach der Herkunft ist nicht neutral. Wir wissen das aus heftigen und hoffentlich weiterführenden Diskussionen der letzten Monate. Sie kann ausschliessen, wenn sie in sich die Feststellung trägt, dass die gefragte Person mit ihrer anderen als der Mehrheitsherkunft nicht dazu gehört. Sie kann aber auch einschliessen. Dann nämlich, wenn es ein Einverständnis gibt über die Vielfältigkeit von Herkunft und eine Mehrheit sich diese Frage stellt.

Ich lese zurzeit das Buch «Herkunft» von Saša Stanišić. Herkunft ist nichts Statisches, so erzählt der Autor in dieser biografischen Annäherung an einen schillernden Begriff. Herkunft bedeutet vieles: Wo ich geboren bin. Wo ich aufgewachsen bin. Wo meine Eltern herkommen. Herkunft hat eine geografische Komponente. Eine historische, indem sie aufnimmt, was sich ereignet hat, dort und zu jener Zeit. Und eine individuelle, denn sie erzählt auch von dem, was ich persönlich erlebt habe.

Wie es gute Bücher an sich haben, hat mich Stanišićs «Herkunft» zur Selbstbefragung angeregt, was es denn mit meiner eigenen Herkunft auf sich hat. Meine Eltern sind in der Ostschweiz und in der Innerschweiz aufgewachsen, wo wiederum ihre Eltern aus anderen Kantonen hingezogen sind. Ich selber erlebte meine Kindheit im Kanton Bern.

Die verschiedenen Herkünfte – den Plural gibt es, aber laut Duden wird er nur selten gebraucht – spiegeln sich in meiner Sprache wider. So spreche ich seit der Kindheit im Wechsel verschiedene Dialekte, manchmal auch irgendetwas zwischen den Dialekten. Ich passe mich an, verwurzle mich sprachlich immer wieder neu. So sprach ich in meinem vorletzten Wohnort im Bernbiet etwas breiter Berndeutsch, war aber auch nach zehn Jahren noch immer eine Zugezogene, deren Herkunft anderswo war.

Seit etwas mehr als zwei Jahren nun lebe ich in Olten. In der (sprachlichen) Mitte der Schweiz. Wo chunnsch här – die Frage stellt sich hier vielen. Das macht sie demokratisch. Ja, es gibt Oltnerinnen, die hier geboren sind, die hier seit Generationen leben. Die meisten Oltner kommen allerdings aus anderen Orten und Kantonen, Ländern hierher. Um hier zu leben, Zuflucht zu finden, eine Zukunft.

Mit Herkunft verbunden ist die Frage nach Heimat. Saša Stanišić fragt in seinem Buch auch danach. Heimat, so schreibt er, ist ein Mensch. Nämlich der Zahnarzt, der so heisst, Dr. Heimat. Heimat ist der Mensch, der ihn und seine Familie freundlich (und kostenlos) behandelt und sie spüren lässt, dass sie ihm etwas bedeuten. So erleben nicht nur Kinder, was Heimat bedeutet.

Heimat ist da, wo Menschen sind, die uns annehmen. Wo Menschen sind, die uns liebevoll behandeln. Zugespitzt: Menschen, die uns lieben. Und die wir lieben. Unsere Familien, ja, aber auch die Menschen in unserer Nachbarschaft, unsere Nächsten. Neben diesem Gefühl ist Heimat aber auch die faktische Möglichkeit, mitzureden und mitzubestimmen. Da ist in der Schweiz noch Luft nach oben.

Mein Olten ist Heimat für Menschen mit vielerlei Herkünften. Mein Olten ist bunt und vielfältig. In meinem Olten begegnen sich Menschen mit Neugierde und Respekt, wenn sie fragen: Wohär chunnsch? Tu viens d’où? Where are you from? Nga jeni?

Sie wollen mehr erfahren vom Gegenüber. Wollen seine Welt kennen lernen. Wollen über ihre eigene Herkunft nachdenken und darüber austauschen. In meinem Olten suchen wir gemeinsam nach Wegen, Heimat zu sein für Menschen mit verschiedensten Herkünften.

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