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«Wir sind die Laufpater»: Kapuziner wirken dort, wo Not am Pfarrer ist

Josef Bründler ist vor 50 Jahren dem Orden der Kapuziner beigetreten, seit 15 Jahren ist er im Kapuzinerkloster Olten zu Hause. Dem 72-Jährigen gefällt es, regelmässig in auswärtigen Pfarreien und Pastoralräumen tätig zu sein.

Urs Huber
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Josef Bründler im Refektorium des Kapuzinerklosters Olten.

Josef Bründler im Refektorium des Kapuzinerklosters Olten.

Bruno Kissling

Nein: Der vorösterliche liturgische Grossbetrieb bringt Josef Bründler, 72-jährig und seit rund 15 Jahren im Kapuzinerkloster Olten beheimatet, nicht aus der Ruhe: Er ist vor 50 Jahren dem Orden beigetreten und hat diesen wegweisenden Entscheid, wie er sagt, nie bereut.

Unter solchen Bedingungen geht das Ordenswesen natürlich in Fleisch und Blut über. «Wir sind doch die Laufpater», gibt er zu verstehen. Was so viel bedeutet wie: Kapuziner springen dort ein, wo Not am Mann beziehungsweise Priester ist.

Lücken gilt es vielerorts zu schliessen, auch in der Karwoche. Fünf Einsätze stehen für Bründler, im luzernischen Root aufgewachsen, während der Woche vor Ostern auf dem Programm. Er wirkt heuer vor allen Dingen in Olten, an der Marienkirche und in der Klosterkirche selber.

Die Einsätze, so erzählt er, würden jeweils vom Guardian festgelegt. Bründler hätte auch anderorts eingeteilt werden können: Niederbuchsiten, Gunzgen, Trimbach, Ifenthal, Obergösgen, Aarburg, Rothrist. Die Liste ist lang, das Einsatzgebiet der Laufpater reicht manchmal bis nach Huttwil oder Erlinsbach.

Warum als Kapuzinerpriester eigentlich nicht gleich eine Pfarrei übernehmen? «Es ist im Orden nicht vorgesehen, dass wir eine Gemeinde seelsorgerisch leiten», sagt der Kapuziner, der heute «zivil» trägt und nicht im Habit erscheint, mit sanfter Stimme. Aha.

Und so wirken er und seine Mitbrüder eben quasi als Gäste regelmässig in auswärtigen Pfarreien oder neuerdings Pastoralräumen. «Ich mag es, fremde Luft zu schnuppern. Es bringt mir neue Erfahrungen und ich glaube, dass die Menschen in den Pfarreien dies eigentlich auch mögen. Sie hören eine andere Stimme, vielleicht auch eine andere Art der Predigt.» Bründler sagt dies in unaufgeregtem Tonfall. Eine Selbstverständlichkeit für ihn, dort seelsorgerisch zu wirken, wo Not am Pfarrer ist.

Auch beichten im Angebot

Neben der verstärkten Auswärtstätigkeit der Klosterpriester in der Karwoche wird auch im Kapuzinerkloster selbst ein Angebot verstärkt bereitgehalten; jenes der Beichte nämlich. Statt der sonst üblichen zweieinhalb Stunden pro Woche nehmen die Brüder während siebeneinhalb Stunden die Beichte ab. «Nun, wir werden dabei nicht überrannt», sagt Bründler diplomatisch. Aber dennoch: Er nennt das Angebot «fast einzigartig».

Die Beichte im Kloster sei keineswegs an irgend eine Form gebunden. Denn: «Sie findet simpel und einfach in Gesprächsform statt», wie der Kapuzinerpriester sagt. Ein Gespräch mit dem reinigenden psychologisch-philosophischen Touch. Entfernt jedenfalls von jener rigiden Vorstellung, welche sich in den Köpfen vieler Katholiken eingenistet hat, die «Lust empfinden» schon mal dogmatisch als sündhaft apostrophiert. «An dieser Vorstellung hat man zu lange festgehalten; aber die Beichte ist dennoch eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Sie gibt die Möglichkeit zum Neubeginn», sagt Bründler überzeugt.

Einer unter rund 150 Brüdern

Als der Luzerner vor 50 Jahren in den Orden eintrat, zählte die Schweiz noch gut 800 Kapuziner. Heute sind noch deren 150. Generell in Europa schwindet deren Zahl stark. Das macht ihm, der fast sein ganzes Leben für die Idee gegeben hat, gelegentlich Sorgen. «Man gerät darob schon in Zweifel», verrät er. Aber: Zuversicht heisst die Mutter der Zukunft. Und so bezeichnet er die Kapuziner als Vertreter eines trotzigen Ordens, der Menschenfreundlichkeit und Friedfertigkeit – bei aller sozialen Kälte – hochhält und lebt.

Hätte der Mann nämlich einen Wunsch frei, die Welt würde sich spürbar ändern. Dabei ist er keineswegs Fantast. Bründler proklamiert alles in ungemein sanfter und ruhiger Art im Wissen um die Unvollkommenheit des menschlichen Wesens. Das Leben als ewiger Versuch, die Beichte als Chance zum Neuanfang. Und Ostern als Gedächtnisfeier der Auferstehung Jesus Christus, der nach dem Neuen Testament als Sohn Gottes den Tod überwunden hat. Um die Botschaft der Friedfertigkeit und der Kooperationsbereitschaft zu verbreiten, nutzt Bründler auch schon mal die sozialen Medien. Erfolg mässig, wie er gesteht.

Früher, als Bub, da wollte er werden, was Buben halt so werden wollten damals: Lastwagenchauffeur, Pilot, Lokführer. Bründler lächelt. «Wie gesagt, meinen Entscheid, als Kapuziner durchs Leben zu gehen, habe ich nie bereut.» Er erlebte nie eine Sinnkrise im «Orden der minderen Brüder Kapuziner», wie sie eigentlich heissen.

Aber er habe hautnah erfahren, was zwischenmenschlich abgeht, wenn Brüder, die in eine solche Krise geraten, dem Orden den Rücken kehrten. «Es kommt halt drauf an, wie man sich verabschieden kann», bilanziert er seine Erfahrungen. Und er verhehlt nicht, dass scheidende Brüder einen auch ideell, im Sinne des Ordenswesens, alleine zurücklassen. «Da ist ein Abschied nicht immer ein Guter», sagt er.