Olten
«Wir reden von Migrationsthematik, nicht von Problematik»

Nationalrätin Bea Heim lud nach Olten zur Diskussionsrunde mit dem Migrationsexperten Markus Reisle. Im Fokus stand die Frage "Wird die Schweiz überrannt?".

Fabian Jäggi
Drucken
Teilen
Markus Reisle und Bea Heim gingen sehr detailliert auf die Fragen des Publikums ein.

Markus Reisle und Bea Heim gingen sehr detailliert auf die Fragen des Publikums ein.

Fabian Jäggi

Bea Heim begrüsste ihre etwa 20 Gäste im Restaurant Aarhof in Olten zur Diskussionsrunde über das Thema «Wird die Schweiz überrannt?», im Hinblick auf die Masseneinwanderungsinitiative. Zu Beginn erläuterte sie die Beweggründe, weswegen sie den Anlass durchführe. Heim erklärte, dass die Migrationsdebatte momentan sehr emotional und angespannt geführt werde.

Sie erinnerte an die ertrunkenen Flüchtlinge vor Lampedusa und an die Brutalität der Schlepper. Die Befürworter der Initiative würden die Diskussion sehr plakativ und emotional aufgeladen führen, erläuterte Heim. Deswegen wolle sie zusammen mit dem Migrationsexperten Markus Reisle für Aufklärung sorgen.

Schweizer Solidarität vor 330 Jahren

Der Migrationsexperte berichtete von einer Antwort während einer Strassenumfrage im letzten Jahr. Die Frage lautete «Was ist Heimat?», worauf jemand mit «Berge – und dass es keine Ausländer hat» antwortete. Nach dieser bewusst provokanten Eröffnung erläuterte der studierte Ethnologe die Details und die Geschichte der Migration.

Reisle erwähnte etwa die Einwanderung der protestantischen Hugenotten im 17. Jahrhundert in die Schweiz: «Das war eine wirkliche Masseneinwanderung. Damals gab es etwa eine Million Schweizer, zu denen plötzlich 60 000 Hugenotten dazukamen.

Diese Leute haben wesentlich zur Entwicklung der Schweiz beigetragen, denken sie etwa an die Genfer Uhrenmarke «Huguenot», so der Migrationsexperte. In der Schweiz gebe es momentan 1,8 Millionen Ausländer, davon seien 70 000 Flüchtlinge.

Eine Gefahr bei der Initiative sei, dass diese beiden Gruppen in einen Topf geworfen würden, so Reisle. Mit den Worten «Wir reden hier von einer Migrationsthematik, nicht von einer Problematik. Da lege ich grossen Wert drauf», beendete Reisle sein Referat und übergab das Wort an die Zuhörer.

«Das ist undenkbar»

Eine Zuhörerin meldete sich zu Wort: «Das ist ein europapolitisches Problem: Die Personenfreizügigkeit ist ein essenzieller Teil der Bilateralen, welche mit der Guillotinenklausel gekündet werden können. Die Initianten glauben ‹Ja wir sind schliesslich ein sehr guter Kunde der EU, da passiert schon nichts›.»

Reisle nahm Stellung: «Das ist undenkbar. Die Personenfreizügigkeit ist auch ein zentraler Bestandteil der EU, auf Dauer wäre die Situation kaum haltbar. Ausserdem gibt es 450 000 Schweizerinnen und Schweizer, welche in der EU leben, auch denen wird das Leben schwerer gemacht.»

Sehr komplexes Thema

Die nächste Frage kam von Bea Heim: «Gibt es denn gar keine Probleme? Woher kommt dann die Initiative?» Markus Reisle relativierte: «Viele Asylsuchende wissen gar nicht, welche Werte die traditionelle Schweiz verkörpert, etwa Solidarität, Nachbarschaftshilfe, aber auch Sauberkeit, Pünktlichkeit ... Logisch heisst es sofort, der böse Ausländer habe ein Papierchen auf den Boden geworfen.»

Reisle wandte sich an die Gäste: «Gehen sie mal in ein Asylzentrum, sprechen Sie mit den Leuten und machen Sie sich ein eigenes Bild von der Situation. Erkundigen Sie sich nach dem Bild, welches die Asylsuchenden von der Schweiz haben. Sie werden sehr viele Vorurteile antreffen.»

Eine weitere Frage lautete, warum die Gegner denn selbst nicht so plakativ werben würden, bei den Initianten funktioniere es doch offensichtlich. Der Migrationsexperte erwiderte: «Es ist schwer, gegen so vereinfachte Aussagen anzugehen. Niemand sagt gerne Nein zu ‹Wir wollen wieder selbst bestimmen!›. Ein so komplexes Thema kann aber nicht mit einfachen Aussagen erklärt werden.»

Bea Heim fragte zum Schluss nach den Folgen einer Annahme der Initiative, worauf Reisle schmunzelnd erwiderte: «Ich versuche jetzt plakativ zu sein: Für Wirtschaft und KMU wäre das katastrophal.»

Aktuelle Nachrichten