Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle geschildert, wie ich in Paris die Januar-­Attentate erlebte. Seither ist viel Wasser die Seine hinuntergeflossen, und neue Attentate sind dazugekommen. Ich werde oft gefragt, wie es sich lebt, in Frankreich, das sich im Ausnahmezustand befindet. In Paris, wo möglicherweise weitere Attentate folgen werden. Ziemlich normal, lautet die verkürzte Antwort. Es ist erstaunlich und beruhigend, vielleicht auch beunruhigend, wie rasch man sich an Ausnahmesituationen gewöhnt.

Mein Lieblingsfranzose und ich hatten Glück und waren auch von den November-­Attentaten nicht direkt betroffen. Aber – und das unterscheidet ‹Bataclan› von ‹Charlie Hebdo› – auch auf uns wurde gezielt, so jedenfalls fühlte es sich an. Wir gehören zu denen, die ‹Bataclan› im Konjunktiv erlebten: Ende Oktober wären wir im ‹Bataclan› gewesen, wenn wir in Paris geblieben wären. Denn dann trat dort ein Freund von uns auf. Wäre sein Konzert zwei Wochen später, am 13. November, gewesen, so hätte ich mich gefreut und hätte hingehen können. Wäre sein Konzert am 13. November gewesen, so würde ich heute nicht im Konjunktiv schreiben, würde vielleicht gar nicht mehr schreiben.

Hätte – wäre – würde. Das ist unsere Betroffenheit. Wir alle waren Zielscheibe. Wir alle sind Paris. Und leben weiter. Gehen in Restaurants und an Konzerte, nehmen die Métro, versammeln uns, lassen uns nicht einschüchtern. «Même pas peur», bloss keine Angst haben, schon gar nicht zeigen, auch wenn zu befürchten ist, dass ... Aber daran denken wir nicht. Fragen höchstens den Herrn in der Métro, ob der Koffer unter seinem Sitz ihm gehöre. Wenn nicht, dann wäre es ein «colis suspect». Auf verdächtige Gegenstände sind wir sensibilisiert. Golisüspé wird dann über den Lautsprecher ausgerufen und die entsprechende Métro-­Linie unterbrochen. Golisüspé werden gesprengt, was für Personen, die hin und wieder eine Tasche vergessen, natürlich ärgerlich ist. Alle anderen wechseln unbekümmert die Linie oder auf einen Bus. Golisüspé gehörten schon vor 2015 zu Paris. Genau so wie die bewaffneten Soldaten an den Bahnhöfen und beim Eiffelturm. Auch die Handtasche müssen wir seit Jahren öffnen, bevor wir ins Museum treten.

Es sind jetzt vielleicht mehr Soldaten und öfter Golisüspé. Und die Handtasche, manchmal auch den Mantel, müssen wir neuerdings auch öffnen, wenn wir in den Buchladen gehen, in den Zirkus oder in den Supermarkt. Diese Massnahmen gehören zum Sicherheitsplan «Vigipirate». Wir kennen ihn schon lange, den Wischipiraten, er ist wie ein alter Bekannter, der gerade etwas aufdreht, dann aber schon wieder «obenabe chonnt». Wir haben uns an ihn gewöhnt.

Wir schreibe ich, ja, das merke ich auch. Ich lese ja mit. Wir, denn man steht automatisch zusammen, dem entzieht sich auch die schreibende Auslandschweizerin nicht. Und darin liegt vielleicht doch eine Prise Anomalie. Nicht nur darin. Als die Regierung Ende November die Bevölkerung dazu aufrief, für die Dauer eines Gedenktages Wohnungen und Häuser mit der Nationalfahne zu dekorieren, da ist etwas passiert. Einige der Fahnen wurden am nächsten Tag nicht mehr entfernt. Wer durch Paris wandert, sieht deshalb hier und dort an einem Fenster oder an einem Balkon einen blau-weiss-roten Stoff.

Das hat es davor nicht gegeben. Die Landesfahne wehte, anders als in der Schweiz, ausschliesslich auf öffentlichen Gebäuden. Niemals an einem Wohnhaus. Jetzt aber schon. Und noch etwas: Die Place de la République, dieser grosse Platz, dessen Verwendung bislang eher unklar war, ist zum Symbol der Solidarität mit den Opfern geworden. An den Füssen der Statue, welche die Französische Republik darstellt, liegen Blumen und brennen Kerzen, halten sich immer Menschen dort auf. Im Ausnahmezustand versammelt man sich um, bin fast geneigt zu sagen, beruft man sich auf die Republik. Die Place de la République gehört deshalb fortan zu jeder Paris-­Reise. Ebenso das Restaurant und der Konzertsaal. Nur sollte man die Tasche nicht vergessen, wenn man in Paris aus dem TGV steigt …