Jagd

Wildtierwärter: «Der Wolf wäre uns eine grosse Hilfe»

Peter Steiner: «Nicht die kapitalen Mehrender schiessen, sondern diejenigen Exemplare, die man wirklich aus dem Verkehr ziehen muss».

Peter Steiner: «Nicht die kapitalen Mehrender schiessen, sondern diejenigen Exemplare, die man wirklich aus dem Verkehr ziehen muss».

Raubtiere wie der Wolf würden bei der Bejagung des Rothirsches helfen, sagt der Peter Steiner, Inhaber der Schweizerischen Wildtierwarte in Niedergösgen. Und: «Es mangelt an Jägernachwuchs».

Vor kurzem äusserte sich Reinhard Schnidrig, Chef Sektion Jagd beim Bundesamt für Umwelt, in den Medien besorgt zur Ausbreitung des Rothirsches in unserem Land. Im Interview nimmt Peter Steiner, Inhaber der Schweizerischen Wildtierwarte in Niedergösgen, zum Thema Stellung.

Wie gross ist das Rothirschproblem in der Schweiz generell?

Peter Steiner: Die kantonalen und regionalen Unterschiede in der Schweiz sind derzeit sehr gross. Im Tessin beispielsweise sind massive Schäden zu verzeichnen, im Kanton St. Gallen sind sie sehr gross, und im Bündnerland sind sie regional erheblich. Dazu muss man aber auch sagen, dass in diesen Kantonen die Patentjagd vorherrscht; Wildtierschäden werden durch den Kanton übernommen, und die Patentjäger kümmern sich weniger um die Bestände. Die Revierjagd, wie sie bei uns üblich ist, ist anders strukturiert; hier haften wir Jäger bei Schäden mit. In den Kantonen Aargau, Zürich, Luzern, Baselland, Bern und Solothurn sind sie tragbar. Das hängt damit zusammen, dass in der Nordwestschweiz der Rothirsch erst im Kommen begriffen ist; die Bestände befinden sich noch im Aufbau. Baselland beispielsweise hat in diesem Zusammenhang bereits ein Rotwildkonzept erstellt - inklusive Einwanderung und Bejagung.

Wie gross ist das Problem in der Region konkret?

In einigen Regionen wie etwa im Bezirk Zofingen hat es schon Unmutsäusserungen gegeben wegen Waldschäden. Man muss aber sehen, dass ein Rothirsch zehn bis zwölf Kilogramm Nahrung pro Tag benötigt. Wenn man aber den Wald nutzen will, muss man auch imstande sei, das Wild nutzen zu können. In diesem Zusammenhang muss man sehen: In den Kantonen wird oft über die Jagdverwaltungen gejammert wegen der vielen Vorschriften. Dabei schränken wir uns selber ein. Es gilt: Vom 1. Oktober an dürfen Wildtiere generell geschossen werden. In den Kantonen Solothurn, Aargau und Baselland dürfte der Rothirsch noch zu einem Problem werden, weil er sich unkontrollierbar ausbreiten wird, davon bin ich überzeugt. Im Kanton Solothurn trifft man ihn im Übrigen vor allem nördlich der südlichen Juraketten an; in den Mittellandgebieten wie Bucheggberg, Wasseramt oder der Region Olten-Gösgen-Gäu ist er nur vereinzelt verbreitet.

Weshalb gibt es dieses Problem?

Das Problem entsteht, weil in den Bergkantonen zu wenig Wild geschossen wird, entsprechend wird der Druck in den Revieren zu gross, und die Tiere müssen abwandern. Es ist auch sehr schwierig, den Patentjägern beizubringen, dass sie mehr Tiere schiessen sollen. Die Bergkantone erfahren zudem sehr viele Zuwanderungen von Österreich her; aus Frankreich oder Deutschland gibt es nur wenig Druck. Ich plädiere entsprechend dafür, dass die Abschussvorschriften von den Jagdverwaltungen gelockert werden, um die Abschüsse besser koordinieren zu können. Bei der Schadens- und Bestandes-Beurteilung müsste zudem vermehrt auch die Meinung der Kreis- und Revierförster berücksichtigt werden. Weiter ist zu sagen, dass unter den Jägern früher so eine Art «Trophäenkult» geherrscht hat: Man neigte dazu, die Tiere mit den schönsten Geweihen abzuschiessen anstatt diejenigen, die man wirklich hätte aus dem Verkehr ziehen müssen; etwa Hirschkühe vor der Tracht, das war lange tabu. Zudem wäre es notwendig, die Winterfütterung zu verbieten, aber das trifft derzeit vor allem auf Österreich zu, auf die Schweiz zum Glück noch nicht.

Sind die Jäger, respektive die Jagdgesellschaften zu wenig aktiv?

Zum Teil ja, aber die Jäger schränken sich teilweise selber zu stark ein. Sie sollten die Anzahl über die Auswahl stellen und nicht die Auswahl über die Anzahl. Dies hängt eben auch, wie oben erwähnt, mit dem teilweise noch verbreiteten «Trophäendenken» zusammen.

Gibt es überhaupt noch genug Jäger?

Dies ist sehr unterschiedlich. In den Kantonen Aargau und Solothurn ist der Bestand ungenügend. Jener im Baselbiet kann als genügend bezeichnet werden, in den Innerschweizer Kantonen hingegen ist er gut bis sehr gut. Als ich vor gut 40 Jahren mit meiner Jagdschule begann, liessen sich aus dem Kanton Aargau rund 120 Jäger jährlich ausbilden, heute sind es noch etwa 30. Und bei den Solothurnern waren es zu Beginn 45 bis 65, heute sind es um die 20 bis 25.

Wie sieht es generell mit dem Jagd-Nachwuchs aus?

Wir stellen eine klare Überalterung fest. Unter den älteren Jägern gibt es zwar noch Waffenträger, aber sie schiessen nicht mehr. Es gibt verschiedene Gründe, warum es um den Jäger-Nachwuchs schlecht bestellt ist. Generell ist es eine Zeitfrage. Aus familiären Gründen lassen es die Frauen und Kinder nicht mehr zu, dass ihre Männer so lange bei der Jagd und damit von zu Hause abwesend sind. Auch die Arbeitgeber setzen die Jäger unter Druck; die beruflichen Anforderungen sind einfach zu gross geworden. Ideal wäre, wenn wir einen Drittel Geldgeber hätten; einen Drittel, der sich um das Administrative kümmert und ein Drittel, der vor Ort, also in Wald und Feld aktiv ist. Ausserdem hat der Umstand, dass wir Jäger die Kulturschäden mittragen müssen, dazu beigetragen, dass einzelne Jäger die Reviere verlassen. Wild ist herrenloses Gut, und wir Jäger müssen die Schäden bezahlen - das empfinden viele von uns als stossend. Bei den Kantonen mit Patentjagden gibt es dieses Problem nicht; hier haftet der Kanton für die Wildschäden.

Müssten vermehrt natürliche Feinde wie beispielsweise der Wolf eingesetzt werden?

Ja, wenn sie selber einwandern. Dann wären sie bei der Reduktion des Wildtierbestandes eine grosse Hilfe; sie würden dazu beitragen, die Bestände zu regulieren. Letzten Endes jagen wir ja, weil die grossen Raubtiere fehlen. Für mich sind sie nicht Konkurrenten, sondern Mitjagende, auch wenn manche dies nicht gerne vernehmen. Wir haben heute zu viel Wild, nicht zuletzt wegen der Wirbelstürme «Lothar» und «Vivian», die zur Umgestaltung unserer Wälder geführt haben. Heute haben wir nämlich viel mehr Unterholz, das dem Wild Deckung bietet. Und schliesslich verfügen die Jäger über zu wenig Hunde, die das Wild treiben und so dem Jäger helfen könnten. Ich persönlich würde es schätzen, wenn der Steuerzahler für Wildtierschäden mithaften würde, denn man muss klar sehen: Wir Jäger jagen nicht zum Vergnügen, sondern weil wir mithelfen wollen, das Gleichgewicht der Wildbestände zu gewährleisten. Dies ist heute aus meiner Sicht ein umfassender Leistungsauftrag, den wir von der Öffentlichkeit haben.

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