Der 65-Jährige Wildi, der lange in Mättenwil bei Brittnau und heute in Genf lebt, gehört zu den ausgewiesenen Experten in Sachen Endlagerung radioaktiver Kernabfälle. Er war Präsident der Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen in der Schweiz und trat letztes Jahr aus Protest aus dem Beirat Entsorgung aus. «Ich hoffte, dass man die Standortwahl für ein Tiefenlager sauber durchdiskutieren kann». Dies sei seiner Ansicht nach nicht der Fall gewesen, deshalb habe er sich zurückgezogen.

«Nicht beim Endlager partizipieren»

Zu Beginn seines Referats rollte Wildi die Grundsätze der Entsorgung radioaktiver Abfälle im dreistufigen Verfahren nochmals auf und erinnerte dabei an die zugrundeliegenden Wertmassstäbe Sicherheit, Gerechtigkeit und Akzeptanz. Er rief auch in Erinnerung, dass nun mit der Bestimmung der möglichen Standorte für Oberflächenanlagen die Partizipation von Bevölkerung und Verbänden abgeschlossen sei und erwähnte bereits einen ersten Makel, den das Verfahren aus seiner Sicht beinhalte: «Das Partizipationsverfahren gilt nur für die Oberflächenanlagen, nicht aber für die Ausgestaltung der Endlager selber».

A propos Endlager: Wie soll der Zugang von der Oberflächenanlage her ausgestaltet werden? Laut Wildi gibt es zwei Möglichkeiten: Einen Schacht oder einen Stollen bauen. Letzterer müsste aber rund 15 Kilometer lang sein, wäre im engen geologischen Bereich des Niederamts mit gefährlichen Spitzkehren versehen und käme auf geschätzte 500 Mio. Franken zu stehen. Zudem sei ein Schacht sehr viel druckresistenter und langlebiger als ein Stollen. Auch zum Wirtsgestein, dem Opalinuston, äusserte sich der Geologe: Er attestierte ihm zwar eine geringe Durchlässigkeit, doch seien die Schichten im Niederamt zu wenig mächtig, sie seien «baulich heikel», und zudem reagierten sie allergisch auf Wassereinbrüche.

Wildi machte auch generelle Bemerkungen zu den fünf möglichen Standorten in der Nordschweiz: Man finde zwar eine ruhige geologische Lage vor, und das Wirtsgestein befinde sich in einer günstigen Tiefe, jedoch befänden sich die Standorte in Konkurrenzsituationen mit Kohle- und Gasvorkommen, was die Gefahr von Einbrüchen mit sich führe sowie mit dem ganzen Geothermie-Bereich, was mögliche Erdbeben nach sich ziehen könnte. Die alpine Deformation, welche sich bis in die Nordschweiz auswirke, gelte es ebenfalls zu berücksichtigen.

Standort Jura-Südfuss

Speziell bezogen auf das Gebiet Jura-Südfuss, strich Wildi nebst langen Zugangsstollen noch weitere Schwächen heraus: Unter der Aare befänden sich tektonische Störungszonen. Ferner sei mit Gesteinsdeformationen zu rechnen. Zudem befänden sich über dem Opalinuston verkarstete, extrem wasserdurchlässige Kalkschichten. Und schliesslich fand er einen möglichen Oberflächenstandort in einer Kiesgrube direkt oberhalb des Grundwassers bedenklich. Die einzige Stärke sei, dass das Gebiet ausserhalb der erwähnten Kohle- und Gasvorkommen liege.

In der anschliessenden Diskussion wurden diverse Verständnisfragen gestellt, jedoch wurden auch andere Themen gestreift wie die Auswirkungen des Versuchsreaktors in Lucens auf die Umwelt, der wegen einer Kernschmelze aufgegeben und versiegelt werden musste. Laut Wildi treten mittlerweile radioaktive Spuren ins Grundwasser aus. Und auch der Stilllegungsfonds wurde gestreift. Hier war zu erfahren, dass die Stilllegung der Kernreaktoren wohl um die 21 Mrd. Franken kosten werde. Hier seien erst fünf Mrd. Franken gesichert. «Den Rest wird wohl der Steuerzahler berappen müssen», vermutete der Geologe.

Die Quintessenz seines Referats war, dass sich eigentlich keiner der insgesamt sechs vorgeschlagenen Standorte für ein Endlager eigne. Er vertrat zudem die Ansicht, dass die ganzen Diskussionen über die nun bestimmten Oberflächenstandorte von vorne losgehen würden, wenn die Standorte der Endlager einmal bekannt seien. Persönlich hegte er die Vermutung, dass der Bund diesbezüglich wohl doch auch mit dem Ausland verhandeln müsse. «Wieso schliessen wir keinen Deal mit Finnland ab?», fragte Professor Walter Wildi.