Er sagt es nicht mit hochgerecktem Zeigefinger, aber mit Nachdruck: «Ich wusste: Das ist, wonach ich suchte.» Wenn Robert Woehrle (72), aus Starrkirch-Wil, Unternehmer, Gründer der Firma Rowo-Plast AG in Trimbach, einstiger Oltner Obernaar und begnadeter Faustballer sowie Mitglied der Tannzapfe-Zunft, so redet, dann muss es um die Tin Lizzie gehen, die derzeit wieder auf Oltens Strassen rollt.

Ein Auto der Marke Ford, Modell T, welchem Robert Woehrle und René Borner im argentinischen Córdoba begegneten und kauften. «Es stand auf einer der Strasse zugewandten Wiese», erinnert sich Woehrle. «Jahrgang?», wiederholt er, als ob er die Frage erwartet hätte. «1925.»

Und schon sucht er in Ordnern und Alben nach jener Fotografie, die dokumentieren könnte, was ihm grad durch den Kopf schiesst. Eben die «Stunde eins» mit der Tin Lizzie. Grad jetzt bleibt sie schwer auffindbar. «Manchmal weiss ich selber nicht mehr, wo mir der Kopf ob all der Erinnerungen steht», sagt er dann. Was er aber noch weiss: 120'000 Pesos kostete das eigentlich schon damals antiquierte Stück mit 15'000 Kilometern Laufleistung. «120'000 Pesos, das waren vielleicht 1'500 Franken», reicht er nach.

Und jetzt erklärt er auch, warum der Wagen exakt richtig war: «Zum einen hatten wir Spass daran, zum andern war der Oldtimer als Besonderheit für ein Musikerduo zu jenen Zeiten genau passend.» In bester Erinnerung bleibt Woehrle auch die ‹Heimreise› von Córdoba zurück ins 1000 km nördlich gelegene Salta, dem damaligen Wohnort des Duos.

Während Borner mit gemeinsamen Bekannten separat nach Salta fuhr, startete Woehrle am Vorabend um 10 Uhr im «jugendlichen Übermut», wie er sagt, alleine in die Nacht hinein; durch Salzwüsten, Pampa, endlos scheinende Asphaltstrassen.

Sie würden ihn ja morgen irgendwo überholen, hatte Woehrle zu Borner noch gesagt. «Und in etwa zwei Tagen bin ich auch in Salta», habe er, Woehrle, geglaubt. Weit gefehlt: «Reifenpannen, Kabelbrüche, Zündkerzenaussetzer, Riemenrisse und anderes erforderten viel Basteleigeschick und Geduld beim Warten auf fremde Hilfe», schmunzelt Woehrle. Die Reise dauerte über eine Woche.

Fangio sei Dank

Musikerduo? Es braucht einen Blick zurück, um zu begreifen, wieso Woehrle als frisch ausgelernter Hoch- und Stahlbauzeichner und Borner als technischer Kaufmann überhaupt nach Südamerika kamen.

Damals, 1966, als Mitteleuropäer vielleicht gerade mal nach Rhodos flogen, war eine solche Reise noch eine echte Kiste. Kurz: Woehrle wollte mit seinem mittlerweile verstorbenen Freund René Borner einen gemeinsamen Bekannten besuchen, der sich nach Südamerika aufgemacht hatte. «Getroffen haben wir ihn nie», lacht Woehrle heute. «Aber egal, wir waren jung und unbekümmert.» Begegnet ist man dafür anderen.

Juan Manuel Fangio etwa, dem argentinischen Rennfahrer, der die Anfänge der Formel 1 in den 1950er-Jahren mitgeprägt hatte. «Ihn wollten wir unbedingt kennen lernen», sagt Woehrle. Ein Glücksfall, wie sich zeigen sollte. Fangio öffnete den beiden Weltenbummlern, den musikalischen «Trotamundos» aus Olten, Tür und Tor.

Man lernte Gouverneure und andere Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, und Wirtschaft kennen, kam zu viel beachteten Auftritten. Der Formel-1-Pionier war auch bei der notwendigen Überholung des Ford T behilflich. «Er steuerte unter anderem die Reifen bei», lacht Woehrle.

Als Gegenleistung hatten die Oltner mit ihrer Tin Lizzie oder Blech-Liesel bei Werbefilmaufnahmen mitzuwirken. «Damals wurde in Argentinien gerade der Ford Falcon lanciert», weiss Woehrle.

Einmal Socompa passieren

Fortan blieb der Ford T treuer Begleiter der «Trotamundos». Ungezählt die Fahrten, die musikalischen Auftritte auf dem südamerikanischen Kontinent. So gehört zu den aussergewöhnlichen Leistungen des Trios die Bewältigung der über 5000m hohen Andenüberquerung im Norden Argentiniens durch die Kordilleren von Salta über Socompa nach Antofagasta (Chile).

Und dies ohne jegliche Navigation, Funkverbindung oder Natel. «Der Aufstieg ist nur schrecklich: Ständiger Sauerstoffmangel fordert den Organismus heraus; hinzu kommt die immense Staubbelastung», ist in einem aktuellen Reiseführer darüber zu lesen. «Die letzten Meter mussten wir schieben», so Woehrle.

Kein Wunder fanden Wagemut der Schweizer und Leistung des Wagens breites Echo in Südamerika. Zeitungsmeldungen in vielen Blättern zeugten davon.

Borner und Woehrle reisten als Musikantenduo aber auch nach Ecuador, Peru, Bolivien. Der damals crème-weiss lackierte Ford T wurde, mit einem Schweizer Kreuz versehen, zum Erkennungsmerkmal und Herkunftszeichen von Frankie und Johnny, wie sich das Musiker-Duo nannte.

Vielerorts wurde dies aber mit dem «Roten Kreuz» oder dem Symbol für «Medicos» verwechselt. Der Wagen war so sehr Teil des Duos geworden, dass man ihn in die Schweiz brachte und später samt Bordbuch – bestehend aus Dokumentationsmaterial zu Wagen und Besitzer – verkaufte.

Bordbuch als Glücksfall

«Natürlich dachte man später gelegentlich an das Auto», sagt Woehrle heute im Rückblick, ein halbes Jahrhundert später. Im Jahr 2012 erhielt der einstige «Trotamundo» unvermittelt einen Anruf aus dem Baselbiet: «Ob ich Frankie und Johnny kennen würde, fragte der Anrufer», schmunzelt Woehrle.

Natürlich kannte er die. Jedenfalls erklärte der Anrufer, im Besitz jener Tin Lizzie zu sein, mit der Woehrle und Borner unterwegs gewesen waren. Dank des Bordbuchs kam der Kontakt zustande.

Und dann? «Natürlich wollte ich den Wagen sehen», ruft Woehrle. Und fuhr hin, mit der ganzen Familie im Schlepptau. Wiedersehensfreude pur. «Ein sehr emotionaler Moment», bringts der Weltenbummler auf den Punkt und spricht dabei vom Gänsehautfeeling.

Und wies halt so ist: Woehrle wollte kaufen, aber der Baselbieter nicht verkaufen. Immerhin sicherte sich der Unternehmer aus Starrkirch-Wil so etwas wie ein Vorkaufsrecht. Und siehe da: Im Sommer 2015 wars so weit: Die Tin Lizzie kehrte zurück; der Übernahmepreis bleibt geheim.

Woehrle liess die Blech-Liesel total überholen und ist seit diesem Jahr auf den Strassen der Region mit dem bordeauxrotfarbenen Oldtimer anzutreffen. Drafi Deutschers «Marmor, Stein und Eisen bricht, …», gaben Borner und Woehrle auf den Kanaren, beim Zwischenstopp auf ihrer Reise nach Südamerika, zum Besten. Ohne zu wissen, wie recht sie damit doch bekommen sollten.