Olten/Bauma

Wie Phönix aus der Asche – und statisch fit gemacht für ein raueres Klima

Die Basler Centralbahn-Einsteigehalle, die 100 Jahre lang in Olten ein Aschenputteldasein fristete, wird in Bauma wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt. Reibungslos verläuft der Wiederaufbau nicht, aber jetzt gibts Licht am Ende des Tunnels.

Stotzig ist das Gelände hier. Steil fällt auch die Strasse von Sternenberg nach der letzten Linkskurve ab, hinunter zur Brücke über die Töss. Der Blick talauswärts öffnet sich. Durch den trüben Filter des Nieselregens sind im Talgrund die Häuser von Bauma zu erkennen. Zwei riesige orange Bänder in der graugrünen Landschaft stechen ins Auge. Plastiknetze auf der dritten und vierten Etage des Gerüsts einer Baustelle beim Bahnhof Bauma sind es – einer Baustelle, die schätzungsweise hundert Meter lang ist und sich unmittelbar an den Schienenstrang der Tösstalbahn anschmiegt. Etwa einen Drittel der Baustelle füllt das entstehende Gebäude inzwischen aus, dessen flacher Giebel Kennern der Gegend ums Oltner SBB-Industriewerk bekannt vorkommen muss: Hier im Tösstal, auf 640 Metern über Meer wird die Einsteigehalle des ersten Basler Centralbahnhofs nach rund hundertjährigem Gastspiel in Olten wieder aufgebaut.

Als der Basler Centralbahnhof nach der Übernahme durch die SBB 1902 abgebrochen wurde, verlor die 1860 erstellte Perronhalle ihre ursprüngliche Funktion. Nach Olten verfrachtet, diente sie bis 2012 als Schreinerei, Werkstatt für das Sandstrahlen und als Holzlagerschuppen. Dann schenkten die SBB die «Laubsägelihalle» dem Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland (DVZO), die einen Schutz für ihr historisches Rollmaterial suchte. Die vom Centralbahn-Architekten Ludwig R. Maring entworfene, für drei Gleise ausgelegte Einsteigehalle passt exakt auf das in Bauma zur Verfügung stehende Gelände.

Von der Sternenbergstrasse aus kann man gut erkennen, wie sich das Trassee der heutigen Museumsbahn in einer 180-Grad-Kurve im Osten um das Dorf herum windet und dann ziemlich genau südwärts in Richtung Bäretswil verläuft. Die Endstation befindet sich in Hinwil. Der Abschnitt zwischen Bauma und Hinwil ist der Rest der Ende des 19. Jahrhunderts vom Spinnereibesitzer Adolf Guyer-Zeller initierten Uerikon-Bauma-Bahn. Auf diesem Teilstück haben die SBB nach der Verstaatlichung, die nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte, den Betrieb noch bis 1969 aufrecht erhalten. Seit 1978 verkehren in den Sommermonaten jeden zweiten Sonntag die DVZO-Oldtimer auf der 11,3 Kilometer langen und zwischen Hinwil und Bäretswil 131 Höhenmeter überwindenden Strecke. 

Es nieselt noch immer. Regenjacken- und kapuzenbewehrte Pendler stehen beim Bahnhof vor den Bauabschrankungen. Doch kaum jemand nimmt Notiz von den Bauarbeiten. Ab und zu fahren Busse vor und beenden das Frieren der Wartenden. Die Temperatur liegt rund vier Grad unter dem Wert am Jurasüdfuss. Fünf, sechs Bauarbeiter trotzen dem Regen – mehrheitlich oben auf dem Dach der luftigen Halle. Von Zeit zu Zeit lässt der Kranführer, der am Kopfende der drei DVZO-Gleise steht und an der Fernsteuerung hantiert, einen Holzsparren in den Abendhimmel emporschweben. Bald halb acht, aber immer noch nicht Feierabend.

Gleise, Perronflächen und Fundamente für die Stützen der Halle sind schon 2012/2013 erstellt worden. Anfangs März 2015 haben die Arbeiten am Gebäude selber begonnen. Die erste Schätzung von der Sternenbergstrasse aus bestätigt sich aus der Nähe: Etwa ein Drittel der 101 Meter langen, 17 Meter breiten und 10 Meter hohen Halle steht. Neun Trägerpaare sind schon auszumachen, 26 werden das Satteldach im Endausbau tragen. Ursprünglich hätte die Halle am 4. Mai 2014 eingeweiht werden sollen. So jedenfalls sah der Fahrplan Mitte August 2012 aus, als mit dem Rückbau in Olten begonnen wurde. Doch dann stellten sich Komplikationen ein. Das ganze Material wurde damals in Küssnacht am Rigi für Vorbereitungsarbeiten zwischengelagert. Dort sind die mit dem Wiederaufbau betraute Bisang Holzbau AG wie auch die Stahlbaufirma Isenschmid AG zu Hause.

«Mehraufwand», sagt DVZO-Präsident Hugo Wenger aus Dürnten, «ergab sich vor allem, weil die ganze Statik völlig überarbeitet werden musste.» Bei der Prüfung der Gusseisenteile zeigte sich, dass deren Zustand schlechter war als erwartet. Abklärungen mit Ultraschall- und Röntgentechnik förderten Haarrisse im Gusseisen zutage. Zudem hatte sich der Bau in den 150 Jahren an zwei verschiedenen Standorten verzogen, was die statische Belastbarkeit ebenfalls beeinträchtigt. Kommt dazu, wie Hugo Wenger zu bedenken gibt, dass in Bauma andere Witterungsbedingungen herrschen als in Olten. «Wir haben hier Wind – und im Winter Schnee.» Die Halle wird also im Tösstal ganz andere Schneelasten tragen müssen als in Basel und in Olten.

Im Tösstal ist Schnee nicht bloss ein romantischer Flaum. Schnee, Kälte ist auch bedrohlich. Davon erzählt noch die ältere, dem Leben des Landvolks nahe Literatur. In ihrem Erstling «Anneli, Erlebnisse eines kleinen Landmädchens», beschreibt die Kinderbuchautorin Olga Meyer (1889–1972), wie das Anneli den mit einem Korb voller Seidenspulen beladenen Schlitten stundenlang durch den Schnee zieht, um die Seide in der Fabrik abzuliefern. Auf dem Heimweg im Dunkeln erfriert das ermüdete Kind beinahe. «Anneli» ist die Kindheitsgeschichte von Olga Meyers Mutter Anna Barbara Lüssi, die in Turbenthal aufwuchs – etwa zur gleichen Zeit, als Ludwig Maring die Einsteigehalle für den Basler Centralbahnhof entwarf. In den «Chelleländer Schtückli» des Oberländer Mundartdichters Jakob Senn (1824–1879) findet sich ein Lied, das von der eisigen Betteltour eines Familienvaters in Turbenthal und Bauma handelt: «Mueter, was fèèlt em Vatter? – Em Vatter fèèlt nüt mee, dr Vatter isch verfroore, mir xend en wèèrli nümme mee.» Das Lied geht wohl auf die Hungerjahre 1816/17 zurück. – Sicher, die Zeiten des Hungers und der Heimarbeit sind längst vorbei. Aber der Winter im Tösstal kann immer noch hart sein. Ein wenig stöhnen unter der schweren Schneelast wird manchmal auch die Bahnhofshalle in Bauma – gleich wie die Tannen, an denen das Anneli seinen Schlitten vorbeizieht.

Die Halle muss also fit gemacht werden für das rauere Klima im Oberland. Gelöst wird das Problem der Statik, indem in Absprache mit der kantonalen Denkmalpflege eine kleine Stahlkonstruktion eingezogen wird. «Die sieht man natürlich», räumt Hugo Wenger ein. «Aber so haben die Gusseisenteile keine tragende Funktion mehr.» Sie dienen nur noch als Schmuck – gleich wie die Holzverzierungen, die in der Oltner Zeit verloren gegangen sein müssen. Anhand der im Basler Staatsarchiv liegenden Originalpläne werden sie neu hergestellt. Insgesamt, sagt Wenger, könne aber sehr viel Material wieder verwendet werden.

Die notwendige statische Ertüchtigung zieht freilich Mehrkosten nach sich. Und diese führten zu einer Verzögerung des Bauvorhabens, das nun gut 5 statt der kalkulierten 4 Mio. Franken kosten dürfte. Einfach war es nicht, die zusätzliche Million aufzutreiben – auch wenn sogar die Basler Regierung 50 000 Franken aus dem Swisslosfonds ins Zürcher Oberland überwies. Bei den SBB hiess es, man habe die Halle dem DVZO kostenlos überlassen. Eine finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau sei nicht vorgesehen. Der Kanton Zürich hatte schon die Hauptlast übernommen. Im Mai 2010 hatte der Kantonsrat mit 157 Ja bei 3 Enthaltungen und ohne Gegenstimme den regierungsrätlichen Antrag gutgeheissen und einen Beitrag von 2,6 Mio. Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt – überzeugt davon, dass mit der Errichtung der Halle in Bauma die Bergregion des Zürcher Oberlandes eine Aufwertung erfahre.

Für den Durchbruch sorgte im September 2014 das Bundesamt für Kultur (BAK). Dank der Beförderung der Halle zum «Baudenkmal von nationaler Bedeutung» erhielt das BAK die Chance, seinen Beitrag von 25 auf 45 Prozent zu erhöhen. Damit stehen dem DVZO vom Bund rund 2,34 Mio. Franken zur Verfügung – rund eine Million mehr als ursprünglich versprochen. Auch wenn ein Teil der Mittel erst bei Bauabschluss verfügbar sein wird, stellte das BAK mit seinem Entscheid das Signal für den Baubeginn auf Grün.

Schlechtes Wetter im Frühling hat den Aufbau noch einmal verzögert. Auch ist viel Handarbeit gefragt. Es ist daher nicht einfach, genügend qualifizierte Helfer – vor allem Zimmermänner und Schreiner – zu finden. Bis zur Aufrichte, sagt Hugo Wenger, werde es nun sicher Ende Juni werden. Vielleicht ziehe sich das Ganze auch noch in den Juli hinein. «Aber damit haben wir gerechnet. – Sicher merken müssen Sie sich den 6. September 2015», schiebt Wenger nach und lacht. Dann findet nämlich das grosse Einweihungsfest statt. Von da an soll die Halle an die glorreiche Basler Vergangenheit anknüpfen. Die hundertjährige Oltner Aschenputtel-Episode ist dann endgültig Schnee von gestern. Schnee sollte im September auch in Bauma nicht auf dem Dach liegen. Und vielleicht nieselt es dann auch nicht im Tösstal.

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