«Denn ihr seid dumm» überschrieb Erich Kästner eines seiner Gedichte im Jahr 1933. Radikal nüchtern, wie er war, hatte der deutsche Schriftsteller die Finsternis hinter der blendenden Fassade des Nationalsozialismus erkannt. Klar, direkt und kompromisslos blickte er auf die Welt, in der er lebte. Was Wunder, wurden seine Bücher 1933 auf dem Opernplatz in Berlin verbrannt und bis 1945 verboten.

Spöttisch menschenfreundlich

Es war nun die beeindruckende Leistung des Regisseurs Martin Mühleis, des Schauspielers Walter Sittler und des sechsköpfigen Ensembles um Komponist Libor Šíma, diesen grossen «Moralisten», wie er sich selbst nannte, auf der Bühne des Oltner Stadttheaters wieder greifbar zu machen.

«Vom Kleinmaleins des Seins» erzählt die Lebensgeschichte des erwachsenen Erich Kästner, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs beginnt und im Todesjahr Kästners 1974 endet. Im Zusammenspiel mit Šímas Kompositionen,die den beschwingten Geist der Musik zwischen 1920 und 1940 atmen, lassen Gedichte, Briefe und Kurzgeschichten Kästners Stimme wieder aufleben. Kritisch, spöttisch und menschenfreundlich zugleich.

Obschon auf der Bühne kaum etwas geschah – das Ensemble lieferte den Soundtrack, Sittler rezitierte mal stehend, mal sitzend – funktionierte dieses Sprechstück erstaunlich gut. Im Grunde erinnerte es an ein Hörbuch, das man als Zuschauer ohne künstlerischen Verlust auch mit geschlossenen Augen verfolgen konnte.

Verstörend aktuell?

Dessen Kraft lag in Kästners pointierter Sprache, welche aus klug verflochtenen, an sich unzusammenhängenden Texten ein stimmiges Ganzes schuf und das Wesen des Schriftstellers und seiner Zeit zeichnete. Zwar verhaspelte sich Sittler besonders in der zweiten Hälfte seines anderthalbstündigen Solos wiederholt. Das störte aber nicht weiter. Er sprach fesselnd und natürlich und machte glauben, Kästner selbst stehe auf der Bühne.

«Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärtsdrehen/Und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf», heisst es in «Denn ihr seid dumm» von 1933. Regisseur Martin Mühleis nennt Kästners Texte denn auch «von verstörender Aktualität». Eine Eigenschaft, die in letzter Zeit vielen künstlerischen Werken aus dem vergangenen Jahrhundert zugeschrieben wird. Aber wir Menschen haben ja noch selten aus der Geschichte gelernt. Stattdessen müssen die meisten von uns die Geschichte selbst erleben, bevor wir beginnen zu begreifen. Das ist verstörend zeitlos.