Bei dir gabs Stirn im Sonderangebot», lacht der Polizist. Ill antwortet mit einer Anspielung auf Shakespeares Sommernachtstraum. Damit ist auch gleich klar: Hier sind Schauspieler am Werk, Schauspieler durch und durch. In einer halben Stunde fängt die Vorführung des Stückes «Der Besuch der alten Dame» an, der Polizist und Ill stehen, beziehungsweise sitzen gerade in der Maske und schlüpfen langsam in ihre Rolle.

Der Polizist steht vor dem Spiegel und frisiert sich die Haare, auf der anderen Seite sitzt der Pfarrer: «Was haben wir eigentlich für Zeit? Ich werde langsam nervös», sagt er. Dann der Auftritt der alten Dame: blonde Perücke, Kostüm, Maske. «Können wir noch kurz tanzen?», fragt sie in Richtung Ill. Dieser bejaht.

Zwei Stunden früher ist die Technikcrew des Theater und Orchester Biel Solothurn (Tobs) mit dem Aufbau beschäftigt, das Licht wird auf die Begebenheiten im Stadttheater Olten angepasst. Regisseurin Katharina Rupp sitzt in der hintersten Reihe des Saales und scheucht die Regieassistentin über die Bühne. Szene für Szene wird durchgegangen, das Licht gesetzt, die Bühnenbilder auf- und abgebaut. Währenddessen trudeln die ersten Schauspieler ein. Frisch aufgebügelt hängen die Kostüme am richtigen Platz. Mario Gremlich, der sich innerhalb der nächsten Stunde in Alfred Ill, dem zu Tode geweihten Jugendfreund der alten Dame, verwandelt, isst noch kurz was.

Lou Elias Bihler, später als Butler der Zachanassian auf der Bühne, Jan-Philip Walter Heinzel (der Polizist), Tim Mackenbrock (der Lehrer) und das Statisten-Duo Franz Grimm und Sam Kuenti bereiten sich vor. Derweil steht Christian Dieterle vor der Tür und raucht. «Die letzte Zigarette?», fragt der Beobachter. «Leider wohl nicht», antwortet er, welcher nachher als Bürgermeister den Ill zu Tode verurteilen wird. Dieterle erzählt von seiner Wahlheimat Berlin, von einer Oltnerin, die in der grossen weiten Theaterwelt ihr Glück gefunden hat und der Tatsache, dass er das erste Mal in Olten spielt.

Die Treppe hinter den Kulissen ist der optimale Platz an diesem Abend, um das Treiben vor der Aufführung zu beobachten. Eineinhalb Stunden vor der Aufführung ist hier das Zentrum der Geschäftigkeit. Ankommende Schauspielerinnen und Schauspieler gehen einen Stock runter in die Garderoben, umgezogene gehen in die Maske. Barbara Grimm ist wohl etwas spät dran, doch bereit zur Verwandlung in die Claire Zachanassian, die alte Dame.

Daneben werden die Requisiten bereitgestellt, Flaschen gefüllt, Plastikfleisch für den schwarzen Panther hergerichtet. «Sieht nach einem guten Whisky aus», «Ja, ein wenig mehr Cola ins Wasser brauchts noch, etwas dunkler darf er schon sein», wird auf die Frage des nicht ganz stillen Beobachters auf der Treppe geantwortet. Theaterchef Herbert Schibler spricht noch kurz mit einigen Schauspielern, ehe er etwas später noch eine Schulklasse hinter den Kulissen herumführt. Davon lassen sich die Schauspieler jedoch auch nicht stören.

Um 18.30 Uhr gibt es die letzten Anweisungen durch die Regisseurin, alle versammeln sich auf der Bühne. «Ihr dürft ruhig reinhauen», sagt Katharina Rupp und meint damit die Sprechlautstärke. Dann muss noch der Tod geprobt werden, auf sein Stichwort erscheint der Wangner Dimitri Stapfer.

Er hat sich in den Katakomben des Stadttheaters verlaufen, stilsicher übernimmt er jedoch sogleich seinen Part als Pfarrer. Draussen warten die ersten Zuschauer, sie werden in einer halben Stunde auf der anderen Seite des Vorhangs sitzen. Vor dem Hintereingang raucht der Lehrer, nun fertig geschminkt und mit Perücke, und trinkt einen Kaffee.

Natalina Muggli und Atina Tabé, welche beide danach in mehrere Rollen schlüpfen werden, lächeln in Richtung des Beobachters, er scheint nicht zu stören. Kurz darauf verlässt er jedoch seinen Platz, hört noch, wie angekündigt wird, dass es in einer Viertelstunde losgeht. Die Atmosphäre bleibt weiter locker, die Konzentration nimmt aber stetig zu.

Ein letztes Toi, Toi, Toi in Richtung des Lehrers und dann schliesst sich die Tür. Vom Beobachter nun zum Zuschauer, auch hier ein Rollenwechsel, freilich keiner der mit dem zu vergleichen ist, den die Schauspieler in den zwei Stunden vor dem Stück durchmachen. Zehn Minuten später sind die Geräusche einer Eisenbahn zu vernehmen, der Butler kommt auf die Bühne, das Schauspiel beginnt.